1989

Im August jenes geschichtsträchtigen Jahres verließ ich meine besetzte Bude in der Ostberliner Egon-Schultz-Straße, ich zog, absolventengelenkt und mit der bangen Frage, was auf mich zukommen würde, in die Provinz, in die alte Schuhstadt Weißenfels.

Die mir zugewiesene Wohnung Mozartstraße 6 befand sich im Stadtteil Weißenfels-West, in einem Gebäude aus den 1920er Jahren: ein winziger Flur führte in ein größeres Zimmer mit Kachelofen, dahinter gab es einen kleineren Raum mit Dauerbrandofen, ein winziges Bad mit fließend kaltem Wasser sowie eine geräumige Küche ohne Wasseranschluss; meine erste Direktorin an der POS Neustadtschule kommentierte diese Zuweisung mit dem Satz, dies sei die beste Absolventenwohnung, die sie seit Jahren gesehen habe – ich schätzte mich glücklich, da ich wusste, dass sie recht hatte. Diese erste Direktorin war es auch, die kurz darauf meinetwegen bei der Stasi (Staatssicherheit) vorstellig wurde: Ich begrüßte meine Schüler täglich mit einem freundlichen Guten Morgen! statt des verordneten Pionier- oder FDJ-Grußes (Seid bereit-Immer bereit! bzw. Freundschaft!), vor allem aber gab ich meinem Tatendrang, meiner Neugier während der ersten Versammlung des Kollegiums deutlichen Ausdruck. Dieser Tatendrang richtete sich keineswegs auf DDR-feindliche Ziele, ganz im Gegenteil. Ich hatte in Berlin die Schriftstellerin Hedda Zinner (1905-1994) kennengelernt, die gemeinsam mit ihrem Sohn John Erpenbeck im Stadtteil Pankow wohnte. Die Erinnerungen der bekennenden Kommunistin hatten mich neugierig gemacht auf die Entwicklung meines Landes DDR, ich wollte die Anfänge verstehen, ich wollte mehr über all die Arbeiter und Intellektuellen wissen, die sich in den Dienst der Idee eines egalitären Staates gestellt hatten, ich wollte kritisch fragen und verändern. Allerdings wehrte ich mich bei der erwähnten Versammlung auch dagegen, dass all die hunderten und tausenden von Menschen, die seit dem Sommer unaufhörlich das Land verließen, als vom Westen manipuliert oder gar dumm diffamiert wurden …

Der Grund, warum ich diese Erinnerungen hier aufschreibe, ist nicht der, dass ich mich einfach einreihen will in die zahllosen Veranstaltungen und Gespräche zum 30jährigen Jubiläum der friedlichen Revolution 1989 und des Falls der Mauer, sondern der Grund ist eine Einladung. Sie stammte vom Landrat des Burgenlandkreises, Herrn Götz Ulrich, der um die 20 Mitgestalter der Wende im einstigen Bezirk Halle zu einem Runden Tisch in Naumburg versammelte. 20 Frauen und Männer aus unterschiedlichen Lebensbereichen sprachen über wichtige Erlebnisse 1989; die Rolle der Kirchen, der Pfarrer wurde in diesen Schilderungen noch einmal genauso klar wie die lange bestehende Gefährdung – Zusammenkünfte wurden meist von bewaffneten Hundertschaften beobachtet, was erst durch das später mögliche Studium der Stasi-Akten bekannt wurde -, es wurde an durchdiskutierte Nächte erinnert und an den entsetzlichen Ausspruch eines Funktionärs: Jetzt kommen die Ratten aus den Löchern.

In der anschließenden Debatte allerdings ging es nicht um die Vergangenheit, sondern Götz Ulrich wollte wissen, wie wir die gegenwärtigen Umstände, das heutige Deutschland erleben, wie es also um die Ernte von 1989 bestellt sei. Die konkreten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Anwesenden zeigten ganz verschiedene Facetten, der Stand der Erziehung wurde kritisch beleuchtet, die Frage nach unseren Werten stand im Raum vor dem Hintergrund weiterer Säkularisierung in der Gesellschaft, Beispiele gegenseitiger Hilfe wurden berichtet. Viele der Teilnehmer waren sich einig darin, dass wir nicht spalten dürfen, sondern immer wieder das Gespräch suchen müssen, auch mit Menschen, die sich am rechten oder linken Rand befinden – und es wurde auch die Frage gestellt, ob wir durch die meist undifferenzierte Verurteilung der Stasi-Mitarbeiter, Informanten und SED-Mitglieder in den Jahren nach der Wende nicht den Samen für die gegenwärtige Lagerbildung und Radikalisierung gelegt haben. An diesem Runden Tisch in Naumburg war eine tiefe Bereitschaft zum Dialog mit Andersdenkenden zu spüren, und diese Bereitschaft zum Dialog wurde zugleich umgesetzt, indem sich alle respektvoll und mit echtem Interesse begegneten, indem einander zugehört wurde. Ließ sich doch einmal ein Teilnehmer hinreißen, seinen Redebeitrag über Gebühr auszudehnen, dann wurde er vom Gesprächsleiter Johannes Kunze mit Charme und Glöckchen zur Ordnung gerufen …

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