Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

30 Jahre

Dieser Tage ist es eine zwiefache Lektüre, die mich besonders bewegt: Gerade habe ich das Buch Wir wollten ein anderes Land – Eine Familiengschichte aus der DDR von Uwe-Karsten Heye und Bärbel Dalichow (Droemer 2010) aus der Hand gelegt, in dem zwei unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen, die sowohl das politische als auch das innere Leben der Familie Hanke aus Potsdam erzählen. Heye ist der aufmerksame Zuhörer und Beobachter, der zusammenfasst, in Verbindung bringt, historisch einordnet; Dalichow, die älteste Hanke-Tochter, schildert in rauher, emotionaler, kraftvoller Sprache ihren Kampf um den eigenen Platz – im privaten Leben wie in der Gesellschaft

Brunhilde und Helmut Hanke (beide Jahrgang 1931) sind überzeugte Kommunisten, es erfüllt sie der unbedingte Wille, nach dem Kriegsende gemeinsam mit den Genossen eine wirkliche Alternative aufzubauen, ein besseres Deutschland, eine sozialistische DDR. Brunhilde Hanke wird 1961 Oberbürgermeisterin von Potsdam, mehr als zwei Jahrzehnte reibt sie sich in 12-14-Stunden Arbeitstagen auf, sie treibt den Wohnungsbau voran, dazu Kindergärten und Schulen; sie versucht, die ruinöse Innenstadt und vor allem das berühmte Holländerviertel zu sanieren (was ihr nur in kleinem Ansatz gelingt), sie sorgt für ein Kinderkaufhaus, Jugendklubs uvm., aber sie ist gezwungen, jede Entscheidung von der Partei absegnen zu lassen, was oft zu aufreibenden Kämpfen führt. Als Mitglied des Staatsrates der DDR erlebt sie, wie sich die Parteiführung die Realität schönredet, sie ringt darum, ihre Überzeugung zu bewahren, auch wenn die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer größer wird. Manches gelingt ihr nur durch schweigen und innerlich abspalten. Genau wie sie ist ihr Mann, der Kulturwissenschaftler Helmut Hanke, bis 1986 an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften, später als Professor für Kulturtheorie an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Babelsberg tätig, davon überzeugt, dass sich die DDR mit dem Mauerbau nun endlich unangefochten und geschützt entwickeln kann, die Generation der Kriegskinder, ihre Generation, ist besonders gefordert. Helmut Hanke prägt zudem, dass er aus einem proletarischen Elternhaus stammt, in dem es kein einziges Buch gegeben hat. Dass er eine Entwicklung als Intellektueller einschlagen kann bis hin zum Professorentitel, erfüllt ihn mit tiefer Dankbarkeit. Und doch kann auch er die zunehmenden Widersprüche nicht übersehen, in seine Lektionen an der Akademie fließen immer kritischere Töne, während er sich zu Hause, vor allem gegenüber der kämpferischen Tochter Bärbel, die das gesamte System hinterfragt, ganz abkapselt und einschließt. Es gibt ein Ausmaß an Schmerz, an Desillusionierung, über das sich nicht reden lässt. 1986 wird Hanke aus der Akademie entlassen, ein Parteiverfahren gegen ihn angestrengt. Er erleidet daraufhin einen schizophrenen Schub, stürzt in tiefe Krisen, wird stationär behandelt und sediert. Der Freund Lothar Bisky setzt sich für ihn ein und holt ihn als Dozenten an die HFF.

Im Frühjahr 1989 stoße ich auf einen Artikel in den Weimarer Beiträgen: Massenmedien im kulturellen Alltag. Ich bin gerade dabei, mein Studium zu beenden und mich auf die erste Lehrerstelle in Weißenfels vorzubereiten, ich setze mich ernsthaft, neugierig mit vielen ästhetischen, erzieherischen und politischen Fragen auseinander – deshalb schreibe ich dem Verfasser Helmut Hanke einen langen, nachdenklichen Brief. Er antwortet mir genauso ernsthaft und ausführlich; für eine Weile entspinnt sich ein Briefwechsel, dessen Lektüre mich 30 Jahre später ebenso berührt wie das genannte Buch.

Helmut Hanke am 18.9.89: Liebe Uta, habe Ihren Brief lange, allzu lange nicht beantwortet. Zu sehr, allzu sehr beschäftigen mich die größeren, die bestürzenderen Vorgänge, das Ausbluten des Landes, die Ohnmacht der Vernunft … Ich kann Ihnen nur raten, nicht mit 2 Gesichtern durchs Leben zu gehen … Diese Art Bewusstseinsspaltung scheint der neue Opportunismus zu sein, der das Leben vergiftet, die Freude am Dasein zerstört. Und an anderer Stelle: Das Beste ist immer kostenlos, erst das Kapital hat es dahin gebracht, daß für alles bezahlt werden muß, und auch wir kämpfen eher um Waren als um Werte.

Helmut Hanke und ich haben sich 1989/90 in einem geistigen Raum der Hoffnung zusammengefunden, ich war beseelt davon, mein Land, die DDR, zu verstehen, den Aufbruch, die Widersprüche, die Abgründe – um mit Hilfe von Analyse und Verständnis wirkliche Veränderungen herbeiführen zu helfen; Hanke ging es um sein gesamtes Lebenswerk, um seine politische Heimat, seine Haltung als Denker, als Mensch, als Genosse.

Von alldem ist noch viel zu wenig erzählt worden, deshalb finde ich das Buch Wir wollten ein anderes Land überaus wichtig. Außerdem lehrt es uns auf packende Weise, wie untauglich Schwarz-Weiß-Bilder sind, eine Lehre, die mir gerade in der jetzigen Zeit besonders wertvoll und nötig erscheint.

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