Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Am Tage

Es war mir gleich aufgefallen. Unter der Aufforderung Pegida töten!!!, in schwarzen Lettern an die Hauswand am Martin-Luther-Platz in der Dresdner Neustadt gesprüht, hatte jemand eine Erwiderung geschrieben. Mir öffnete sich durch den menschenverachtenden Satz vor Kurzem eine Tür in die Vergangenheit, ich hatte plötzlich die lange Geschichte des Schmerzes, der unerlösten Traumata in den Lenden der Stadt spüren, ja, geradezu mit Händen greifen können. Jetzt war hier außerdem zu lesen: So ein Quatsch.

Ich hielt inne vor dem Dialog an der hellen Wand und schüttelte unwillkürlich den Kopf.

Ganz zweifellos war es gut gemeint, ein Statement gegen die gewaltvolle Spaltung der Stadtgesellschaft, jedenfalls eine Ablehnung der ursprünglichen Aufforderung. Und doch stand ich kopfschüttelnd da, denn So ein Quatsch kam mir als Reaktion denkbar inadäquat vor. Mit Quatsch verbindet wahrscheinlich jeder mehr oder weniger spaßig-tapsige Szenen, heimliches Ziehen an Zöpfen, Schubsen, Kichern. Lasst den Quatsch! sagte die Mutter, wenn die Geschwister einander neckten und an ihr vorbeistürmten …

Ich stellte mir eine junge Frau vor, die die Wortgruppe im Vorbeigehen an die helle Wand geschrieben hatte, damit die Aufforderung zum Mord nicht unkommentiert blieb. Vielleicht war sie nicht ganz bei der Sache gewesen, weil das Gespräch mit der Freundin ihre Aufmerksamkeit fesselte, vielleicht hatte sie es eilig, der Liebste wartete schon zu Hause. So waren die Stimmen in ihr nicht laut genug geworden, sie hatten ihr Bewusstsein nicht erreicht und deshalb ihre Geschichte nur im Verborgenen erzählen können …

Sie wuchsen behütet auf, von der Mutter verwöhnt, vom Vater ein wenig gönnerhaft, aber doch mit stolzer Liebe behandelt, die Welt sollte ihnen offen stehen – die Welt in Form einer angemessenen Heirat, eines gesegneten Leibes und schöngeistiger Kultur im Kreise von gleichaltrigen Freundinnen. Mit Hingabe pflegten sie ihre Interessen, parlierten auf französisch, entwickelten Ehrgeiz besonders beim Klavierspiel und verfassten romantische Gedichte, die sie einander, manchmal errötend, vorlasen. Meistens sahen sie aus fröhlichen grauen oder grünbraunen Augen auf die Elbe, wenn sie mit erhobenem Kopf an der Seite des stattlichen Vaters, der ständig von Passanten gegrüßt wurde, entlang des Flusses spazierten. Ihr Haar, linealgerade in der Mitte gescheitelt, fiel bis zu den Hüften hinab, es glänzte in der Nachmittagssonne.

Die Aufmerksamkeit der Eltern galt ihnen ungeteilt, ihre Träume schossen ins Kraut und personifizierten sich bald in dem jungen Mann, der so außerordentlich zarte Briefe zu schreiben wusste und übers Jahr um ihre Hand anhielt. Ihr Glück wäre vollkommen gewesen, hätten sie sich nicht öfter über die Schwarzhaarige ärgern müssen, die in der übernächsten Straße wohnte, sich im Gemüseladen und beim Fleischer unverschämt vordrängelte und sich überhaupt typisch für ihre ungermanische Rasse verhielt.

Der Hochzeit folgte bald die erhoffte Mutterschaft, die segnende Hand der Eltern lag weiterhin über ihnen, das Haus war groß genug und bot Platz für alle. Tag für Tag verließ der Gatte das Haus, ging ins Büro, in die Kanzlei, in die Schule, er sorgte vorbildlich für die Familie, das Kind trug er auf Händen – aber man verbrachte doch viel Zeit des Tages allein in Küche und Garten; über seine Arbeit, die Kollegen, Klienten oder Kinder sprach er nie. Gelegentlich traf man sich in der Konditorei und klagte einander sein Leid, wechselte dann aber schnell, ein wenig beschämt, das Thema, man erzählte sich stattdessen die neuesten Geschichten über die Schwarzhaarige. Es hieß, sie habe im Kaufhaus Renner eine Armbanduhr gestohlen!

Das Kind wuchs heran, der Gatte gewöhnte sich an diese gräßlichen Zigaretten, nun meinetwegen, man betrat das Arbeitszimmer selten. Manchmal trafen sich die Freundinnen jetzt am Altmarkt oder man spazierte über die Brühlsche Terrasse, es war doch eine schöne, eine besondere Stadt, in der man wohnte und letztlich ging es allen gut.

Eines Tages wurde der Gatte am Abendbrottisch ganz feierlich, er verkündete eine neue glorreiche Zeit. Für einen selbst brachte diese neue glorreiche Zeit unerwartete Zärtlichkeiten, die man lange vermisst hatte, nach recht beschwerlichen Monaten, man war nicht mehr jung, erblickte ein weiteres Kind das Licht der Welt und je nachdem, wielange die Zärtlichkeiten anhielten, wohl auch noch eins und noch eins.

Nun sah man die Freundinnen selten, es gab viel zu tun, die alten, zum Glück noch immer rüstigen Eltern standen nach wie vor mit Rat und vor allem Tat zur Seite.

Da aber stürzte die Weltgeschichte höchstpersönlich in ihr kleines Reich, der Gatte, den man kaum mehr zu Gesicht bekam, weil er solange zu arbeiten hatte, brachte das Wort vom Beginn des Krieges in ihre trauten vier Wände. Nun, so wie er das erklärte, klang das alles recht, die liebe Heimat sollte stark werden und sich behaupten, auch war die Schwarzhaarige längst weggezogen, es schien doch alles positiv zu sein, und um der Kinder willen musste man das auch mit ganzer Herzenskraft wünschen.

Aber die Hoffnungen erfüllten sich nicht. Schon bald musste man lernen, mit Lebensmittelmarken zu wirtschaften, im Grunde eine Zumutung, und dann kam irgendwann die Angst, kamen halb durchwachte Nächte, verzweifelte Blicke gen Himmel …

Angesichts des Elends mancher Freundin sagte man sich immer und immer wieder: Wir haben Glück gehabt! Die Stadt lag in Trümmern, ein Verbrechen, das sich mit Worten einfach nicht ausdrücken ließ, da war man sich mit dem Gatten vollkommen einig, jedoch sie selbst waren verschont geblieben, das Haus stand, die Eltern lebten. Im ganzen Viertel war fast nichts passiert, nur bei Lorenzens hatte es gebrannt. Gewiss war die Situation furchtbar, der getreue Mann wurde aus dem Büro, der Kanzlei, der Schule hinausgeworfen, obwohl er sich nichts hatte zuschulden kommen lassen, obwohl er immer fleißig gearbeitet hatte – so also war die neue Zeit! Aber er biss die Zähne zusammen, er rackerte sich ab, und schließlich erniedrigte man selbst sich soweit, dass man irgendwo für ein paar Groschen putzen ging, weil die armen unschuldigen Kinder nicht hungern sollten.

Nach und nach besserten sich die Zeiten, die Söhne gingen nach Thüringen oder Brandenburg und studierten womöglich, die Töchter bereiteten sich auf das Abitur vor. In dieser Phase starben die Eltern kurz hintereinander, das schnürte einem die Brust ab, ein kaum zu ertragender Verlust. Zum Glück aber lernten die Töchter aufmerksame junge Männer kennen, sie richteten sich mit ihnen häuslich ein, es war ja genügend Platz da für alle, später konnte auch noch angebaut werden. Zur größten Freude ließ der erste Enkel nicht lange auf sich warten, auch der Gatte blühte mit dem Kind auf dem Arm noch einmal ein bißchen auf.

So konnte man es aushalten, so war es am schönsten: alle blieben immer zusammen! Man half den Töchtern selbstverständlich, wo es nur ging, das Vorbild der eigenen Eltern leuchtete in der Erinnerung, die Söhne jedoch sah man leider viel zu selten. Schließlich betrachtete man sein Lebenswerk zufrieden und schloss die Augen für immer …

Der Dialog an der Hauswand setzte sich wenige Tage später fort. Genauer gesagt, er wurde aufgekündigt. Ich stand auf dem Martin-Luther-Platz in der Dresdner Neustadt, ich schüttelte nicht mehr den Kopf: So ein Quatsch war mit schwarzer Farbe durchgestrichen worden.

In meinem Inneren erhoben sich Stimmen, sie begannen eine unauffällige Geschichte zu erzählen. Ich hörte ihnen aufmerksam zu und legte ein Versprechen ab. Kurz darauf saß ich am Schreibtisch.

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