Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Ankommen und Weggehen

Gestern abend war davon öfter die Rede, als ich zur Literatur im Salon (hair meets fair, Görlitzer Str. 45) aus meinem Essayband Poesie-Tankstelle: Mit Gedichten unterwegs in Deutschland und der Schweiz (Notschriften-Verlag 2018) las, denn das war und ist eine der besonderen Herausforderungen meiner Poesie-Arbeit: die Gedichte können sich nur entfalten, wenn ich mich auf mein Gegenüber einlasse, wenn ich in Resonanz gehe. Dadurch beinhaltet dann jede Verabschiedung auch eine Trennung … Außerdem muss ich mich entscheiden: Wenn ich mich in diesem Moment mit diesem einen Menschen verbinde, kann ich es nicht gleichzeitig mit einem anderen.

Der bereits erwähnte Zwischenstopp vom 19.3. trug diese Themen ebenfalls in sich: Es ging ja nicht nur um das Innehalten der tschechischen AutorInnen auf ihrem Weg zur Leipziger Buchmesse, sondern es wurde eine Ausstellung auf dem Balkon des Hauptbahnhofs eröffnet, die die Ereignisse und Hintergründe vom 3./4.10.1989 darstellt. Als tausende Flüchtlinge aus der Prager Botschaft in Zügen durch die DDR in den Westen gebracht wurden (eine umständliche Maßnahme, die deshalb nötig war, um allen die Ausweispapiere wegen unerlaubten Grenzübertritts abnehmen zu können), eskalierten am Hauptbahnhof die Ereignisse. Verzweifelte Dresdner wollten in den Bahnhof, um auf einen der Züge aufzuspringen, zu allem entschlossene Polizisten versuchten, das Gebäude abzuriegeln, es wurde geprügelt und verhaftet. Die Lage beruhigte sich erst, als sich spontan die Gruppe der 20 bildete, das Gespräch mit OB und Parteifunktionären suchte – und fand.

Zur Eröffnung der Ausstellung waren auch der Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert und Ministerpräsident Michael Kretschmer erschienen, beide hielten eine kurze Rede. Noch während des offiziellen Teils verließen sie mit ihren Begleitern die Veranstaltung, was selbstverständlich nicht aus Unhöflichkeit geschah, sondern weil der nächste Termin anstand. Ein Weggehen ohne Ankommen, würde ich sagen.

Sie sind äußerlich sehr verschieden, der OB und der MP, der Eine groß und massig, der Andere klein und schmal – gesund sehen sie beide nicht aus. Wenn ich mir Tage, Wochen, Monate vorstelle, in denen Termin auf Termin folgt, ein Thema das nächste jagt, unzählige Gespräche und Verhandlungen geführt werden müssen, Loyalität mich genauso umgibt wie Missgunst – dann kann das nur zu Entfremdung führen, Entfremdung von mir selbst und meinem Tun. Ich weiß, wie sehr sich der Ministerpräsident einsetzt, wie ernst er seine Aufgabe nimmt, er hält Herz und Ohr offen, deshalb wünsche ich ihm, dass es ihm gelingt, die Umstände und Strukturen zu verändern, die es nötig haben. Es kann für uns alle nicht gut sein, wenn die Mächtigen sich selber und damit auch uns – fremd sind, wenn sie nie ankommen, sondern immer nur weggehen …

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