Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Auch

Vor einiger Zeit bekam ich von der Deutschen Bahn einen Gutschein geschickt, er nannte sich Wiedersehen macht Freude, in der email hüpften bunte Bälle auf und ab.

Gestern ging ich zum Fahrkartenschalter in Dresden-Neustadt, um einen Fahrschein nach Leipzig zu kaufen für meine heutige Reise zur Leipziger Buchmesse. Das erste Mal musste ich unverrichteter Dinge wieder gehen, denn der Gutschein-Code allein erwies sich als ungenügend und meine Idee, ihn von meinem Stick abzunehmen, auf dem ich die Bahn-mail gespeichert hatte, führte zu einem geradezu erschreckten Ausruf der Beamtin: Wir schließen doch nicht einen fremden Stick an unser System an!! Selbstverständlich nicht, es könnten sich ja Viren darauf befinden, die alles lahmzulegen imstande wären – was für eine Macht in meinen kleinen Händen liegen könnte! Der Preis des Vernetzens, des Zentrierens und Rationalisierens – hohe Verwundbarkeit; folgerichtig befand ich mich auch nicht an einem Fahrkartenschalter wie eben behauptet, sondern in einem Reisezentrum.

Mit dem ausgedruckten Gutschein in der Hand kam ich am Abend wieder, die Dame gab meine Reisedaten und den Code ein, aber es funktionierte nicht. Sie probierte mehrfach erfolglos, sie las die Geltungsbestimmungen, lächelte erleichtert und erläuterte mir, der Gutschein gelte nur beim Online-Kauf einer Fahrkarte. Da ich genau gelesen hatte, musste ich sie berichtigen und es tat mir fast ein wenig leid, ihr die Erleichterung zu nehmen, der Satz lautete: Gilt auch beim Kauf eines Online-Tickets unter …

Die Beamtin seufzte, probierte weiter, beriet sich mit ihrer Kollegin, rief ihren Vorgesetzten an, der allerdings hörbar gar keinen Plan hatte … und ich erinnerte mich, nicht zum ersten Mal, an den kleinen Raum im Dresdner Hauptbahnhof, in dem ich Mitte der 1980er Jahre in einer Schlange stand. Es dauerte nicht lange, da war ich an der Reihe, ich nannte dem Mann mein Reiseziel, er blätterte in einer Geschwindigkeit, dass die Augen kaum folgen konnten, in dem tausendseitigen Kursbuch, das vor ihm lag – wenige Minuten später hatte ich die Auskunft, die ich brauchte …

Gestern dauerte es eine geschlagene halbe Stunde, bis ich meinen Fahrschein in den Händen hielt, verrechnet mit einem anderen, einem Kulanz-Gutschein. Die Angestellten der Bahn sind angehalten, berechtigt verärgerte Kunden mit einer solchen Kulanz zu besänftigen; die Deutsche Bahn plant also extra ein Budget ein, weil sie weiß, dass es häufig Anlass zu Unmut bei den Fahrgästen gibt. Eine eigenartige Firmenphilosophie!

Zum Schluss möchte ich der Fahrkartenverkäuferin Gerechtigkeit widerfahren lassen, ich hatte den Eindruck, dass sie sich nach Kräften mühte. Auch ist sie mir bekannt, sie hat mich schon manches Mal bei meinen für heute übliches Reisen sehr komplizierten Vorhaben (zum Beispiel mit Fahrrad bis in die Schweiz) gut beraten. Und ihr letzter Satz spricht für sich, mit einem Anflug von Verzweiflung sagte sie: Ich liebe Gutscheine!

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