Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Auszeit

Für diesen Beitrag habe ich mir vorgenommen, mich einmal nicht mit der komplexen Geschichte meiner Stadt, mit politischen Entscheidungen, Flüchtlingsfragen, kulturellen oder architektonischen Themen zu beschäftigen – ganz zu schweigen von der medial geschürten Corona-Angst – sondern mich zurückzulehnen und zu genießen …

Dazu erinnere ich mich an eine franko-kanadische Fernsehserie aus den 1990ern, die mich vor ungefähr 12 Jahren sehr bewegt und deren Hauptfigur Duncan Macleod (Adrian Paul) mich zum Helden meines Geschichtenzyklus Leon (veröffentlicht in dem Band Hinaus in die Heide, zum Fluss, 2010) inspiriert hat: Highlander – There can be only one. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf diese Serie aufmerksam geworden bin, es könnte gut sein, dass mich die Musik von Queen zu ihr führte; auf jeden Fall hinterließen einige Grundfragen der Serie und einzelne Episoden einen bleibenden Eindruck. Jetzt befrage ich youtube und werde geschwind fündig, sodass mich die Geschichten um den schottischen Highlander, der ein Unsterblicher ist, geboren 1592, wieder in ihren Bann schlagen können – zumindest einige davon. Zugegebenermaßen handelt es sich hier nicht um größte Schauspielkunst; manche Situationen und Figuren werden soweit überzeichnet, dass sie zur kalkulierten Unterhaltungsmasche oder gar lächerlich werden, immer wieder aber greifen die Autoren (Produzent: Bill Panzer) auch tiefgehende Fragestellungen auf.

Duncan MacLeod wird Anfang des 17. Jahrhunderts zum Unsterblichen, indem er nach einem Gefecht seines schottischen Clans von den Toten aufersteht; zu diesem Zeitpunkt hat er keine Ahnung, was mit ihm geschieht, er glaubt an ein Wunder; sein Clan aber, seine Familie kann mit diesem Wunder nicht umgehen und verstößt ihn. Der auf diese Weise heimatlos gewordene Duncan bleibt trotzdem ein treuer Schotte, von einem verwandten Unsterblichen lernt er, was sein Leben für die nächsten Jahrhunderte bestimmen wird: Unsterbliche erkennen einander, sie spüren die Präsenz des Anderen; kommt es zu einem Konflikt, liefern sie sich einen (Schwert-)Kampf, der Sieger köpft seinen Gegner (nur wenn sie um ihren Kopf gebracht werden, sterben sie, das ist gewissermaßen ihr Lindenblatt im Drachenblut; Verletzungen oder tödliche Wunden jeder anderen Art verheilen im Handumdrehen und früher oder später kehren sie ins Leben zurück) und nimmt dadurch beim sogenannten Quickening dessen Energie und Kraft auf. Wie alle anderen Unsterblichen auch kann MacLeod keine eigenen Kinder zeugen und er altert nicht. Mit diesen Konsequenzen setzt sich Duncans langjährige Partnerin Tessa Noël (Alexandra Vandernoot) auseinander, die durch ihr eigenes Künstlerinnen-Sein eine Kompensation findet: sie schafft und schöpft in Form von Zeichnungen, von Skulpturen auf eigene Weise. MacLeod betätigt sich als Antiquitätenhändler irgendwo in Amerika (ein 400 Jahre alter Zeitzeuge vermag natürlich besser als jeder Experte Originale von Fälschungen zu unterscheiden!), wo er eines Tages einen Straßenjungen, Richie Ryan (Stan Kirsch), findet und zu sich nimmt. Das Paar und Richie ziehen gemeinsam nach Paris, in eine Zille auf der Seine, direkt bei Notre Dame. Nachdem Tessa von einem Straßenräuber erschossen wird, zeigt sich, dass Richie ebenfalls zu einem Unsterblichen geworden ist, er wird jetzt von Duncan in allen Regeln dieses Lebens und im Schwertkampf unterwiesen. Leider nimmt das der Figur des jungen Freundes den eigenen Entwicklungsraum, so bleibt er immer der Lernende, der „Kleine“, der vom erfahrenen MacLeod profitiert. Auch folgen jetzt zahlreiche Episoden einem vorhersehbaren Muster: schöne Frauen geraten in Schwierigkeiten oder tauchen als unsterbliche Gegnerinnen des Schotten auf, es wird hauptsächlich entweder geküsst oder gekämpft; dazwischen werden meist Erlebnisse aus anderen Zeiten und Orten in Rückblenden erzählt; am Ende folgen in der Regel mit viel Feuerwerk und Pyrotechnik inszenierte Quickenings. Dann allerdings stellt sich heraus, dass es nicht nur die Unsterblichen sondern auch die sogenannten Watcher, die Beobachter gibt, eine geheime Gesellschaft, die seit Jahrhunderten die Unsterblichen begleitet und deren Leben dokumentiert. Eher zufällig entdeckt MacLeod seinen Beobachter, Joe Dawson, nach anfänglichem Misstrauen entsteht zwischen ihnen eine Freundschaft, wodurch Dawson eine der wichtigsten Regeln der Watcher verletzt: sie beobachten nur, sie greifen nie ein. Dieser Konflikt bricht immer wieder auf und bringt Dawson letztlich dazu, die Beobachter zu verlassen. Diese Figur wird von dem amerikanischen Schauspieler und Bluesmusiker Jim Byrnes verkörpert, für mich der ausdrucksstärkste Darsteller der ganzen Serie.

Es gibt eine Episode, Prophecy, in der Kassandra zu Duncan kommt, die er als 13 Jähriger im schottischen Wald kennengelernt hat. Sie wird von einem alten, sehr mächtigen Unsterblichen gejagt und weil sie den Mythos, die Legende kennt, wendet sie sich an MacLeod: An evil one will come and only a Highland foundling, born on the winter solstice who passes through darkness into light can stop him, a man and a child. Der mächtige Mann, Roland Kantos (Gerard Plunkett), der aufgrund seiner suggestiven Fähigkeiten jeden Gegner auszuschalten weiß, indem er demselben einredet, er sei schwach und hilflos, fordert MacLeod zum Kampf, zuvor aber begegnet das Kind Duncan dem Erwachsenen. Das Kind fragt, ob es ein guter Krieger geworden sei, MacLeod bejaht, daraufhin fragt der Junge, ob er vor dem bevorstehenden Kampf Angst habe. Ja, gesteht der erwachsene Mann, er spüre die außergewöhnliche Macht des Feindes, die ihn schwäche, wenn er den Worten zuhöre. Das Kind rät deshalb seinem erwachsenen Alter Ego: Then don’t listen! Eine simple Lösung in einer schwierigen Situation: der Highlander verklebt sich die Ohren mit weichem Wachs und ist so gegen die Einflüsterungen des Kantos gewappnet, die Prophezeiung erfüllt sich. Allerdings wird nicht nur in dieser Episode die komplexe Frage gestellt, was passiert mit mir, wenn ich die geballte negative oder brutale Energie des Gegners beim Quickening in mich aufnehme?

Immer wieder greift die Serie Mythen und Legenden aus unterschiedlichen Kulturen auf, ob das die Apokalyptischen Reiter der Bibel oder der Ahriman (der Zerstörer) aus dem Persischen sind. Hier liegt für mich der Höhepunkt der gesamten Highlander-Geschichte: Ahriman ergreift von Duncan MacLeod Besitz, er bedrängt und verfolgt ihn mit bedrohlichen Traumbildern und Gesichten, was schließlich dazu führt, dass er irrtümlich seinen Freund und Weggefährten Richie köpft. Danach vermag er sein Schwert nicht mehr in die Hand zu nehmen, für 1 Jahr zieht er sich in ein Kloster zurück, meditiert, praktiziert tae kwon do, aikido u.a. und stellt sich seiner Schuld. Wieder in Paris, reduziert er sein Leben in der Zille auf das Wesentliche, er meditiert auch hier und rührt sein Schwert nicht an. Schließlich kommt es zu einer direkten Konfrontation mit Ahriman, MacLeod erkennt, dass er nicht im Außen existiert sondern ein Teil von ihm selbst ist und dass er ihn nur besiegen kann, wenn er nicht gegen ihn kämpft, wenn er ihn in sich spürt und transformiert. Was für eine Botschaft!

Ich lehne mich zurück und lege jetzt die Platte auf, die Freddie Mercury in kürzester Zeit nach Lektüre des Highlander-Stoffes schrieb: A kind of magic, und ich singe laut mit: Who wants to live forever?

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