Bäume

2008, nach meinem ganz persönlichen Trauma in Folge des Baus der Waldschlößchenbrücke in Dresden, als ich wochenlang in einer so tiefen Trauer um ungefähr 300 Bäume, die in meiner unmittelbaren Umgebung gefällt wurden, und um die lieblich zur Elbe hingleitende Hanglandschaft, die es bald nicht mehr geben würde, gefangen war, dass mir spürbar Tag für Tag das Herz in der Brust zerbrach, nach diesem Schmerz, der eben doch nicht nur mein ganz persönlicher war, denn viele Dresdner, Frauen und Kinder und Männer, litten offensichtlich genauso wie ich – in dieser Zeit, in der wir Unverständnis (Wegen em Boom – total bekloppt! ‚S werden doch neue gepflanzt, was regen die sich so of?) und Haß erlebten (Solche wie euch hätten mir früher nach Auschwitz gebracht, geht leider ni mehr!), hatte ich irgendwann die Idee zu einer Geschichte: In einer Stadt verschwinden nach und nach die Bäume, sie haben keine Lust mehr, sie wollen sich den Stress von Lärm und Gestank nicht mehr antun, sie gehen ein. Was würde das mit uns Menschen machen?

Aus irgendeinem Grund habe ich die Geschichte nie geschrieben, jetzt weiß ich, dass es sich bei dieser Idee um einen Impuls aus der Zukunft handelte.

Bäume kommunizieren nicht nur – untereinander sowieso, aber auch mit uns, wenn wir uns ihnen öffnen – sondern sie haben außergewöhnliche Kräfte. An verschiedenen Orten mitten in Dresden, zum Beispiel am Zwingerteich, stehen Eichen, Platanen, Buchen, die über 100 Jahre alt sind, was nichts anderes bedeutet, als dass sie die Bombardierungen der Alliierten am 13. und 14.2.1945 und den folgenden Feuersturm, in dem tausende Menschen verbrannt sind, überlebt haben. Wie war das möglich?

Inzwischen fällt es überall in diesen Sommertagen auf: In den Wäldern und in den Städten sterben die Bäume, sie vertrocknen, sie gehen ein. Wie bereits im letzten Jahr ist es ungewöhnlich heiß, Tage und Wochen lang, und vor allem regnet es viel zu wenig. Die Ressourcen der Bäume sind aufgebraucht, sie haben in ihren kleinen Mulden wenig Möglichkeit zum tiefen Wurzeln, Feuchtigkeitsspeicherung ist in unseren modernen Städten für die zahlreichen Straßenbäume nicht möglich. Plötzlich ist die Bestürzung groß, in unterschiedlichen Medien gibt es Gespräche und Analysen, politische Entscheidungen sollen folgen – wir müssen doch etwas tun für unseren Wald und für widerstandsfähige Baumsorten in den Städten!

Gewiss lässt sich etwas tun, es können Erkenntnisse gesammelt werden über die Baumarten, die mit den veränderten klimatischen Bedingungen am besten zurechtkommen, im Straßenbau können Standorte verbessert werden, damit Bäume mehr Platz haben, es können viele Neupflanzungen initiiert werden … Aber hier ist es wie bei uns Menschen auch: Ein junger Baum ist noch sehr mit sich beschäftigt, das wenige Laub vermag nur eine geringe Menge Kohlenstoff zu binden, der Sauerstoffausstoß ist dementsprechend niedrig. Ehe ein Baum wirklich sicht- und spürbar für seine Umgebung wird, ehe er seinen Charakter ausbildet und Wirkung entfalten kann, vergehen Jahrzehnte.

Es könnte sein, dass die alten Platanen, die wir im Zuge der Baumaßnahmen an der Bautzner Straße geschützt und eingeschalt haben, trotzdem verschwinden werden, es könnte sein, dass die mindestens 200jährige Platane, die mit ihrer gewaltigen Krone den Albertplatz behütet, vertrocknet, es könnte sein …

Was geschieht mit uns, wenn die Bäume gehen?


Menü schließen