Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Begegnung in Dresden

Seit September diesen Jahres findet bei uns eine Schreibwerkstatt für NachwuchsautorInnen statt, die von der Literaturwissenschaftlerin Dr. Julia Meyer und dem Schriftsteller Kurt Drawert geleitet wird. Mit dem Thema Heimat.Heute reiht sie sich ein in die Ideen und Projekte zur Dresdner Kulturhauptstadtbewerbung 2025, die unter dem Motto Neue Heimat steht. Die Werkstatt beinhaltet auch öffentliche Lesungen und Diskussionsveranstaltungen, deshalb trafen sich am vergangenen Sonnabend, dem 16.11., 17:30 Uhr, im „Schauraum Neue Heimat Dresden 2025“ (Deutsches Hygienemuseum) die Werkstattleiter, die AutorInnen, Gäste und ich als Moderatorin zu einer Gesprächsrunde, in der Fragen von Autorschaft und Literatur in unserer digital geprägten Gegenwart im Mittelpunkt stehen sollten. Und Gesprächsrunde ist hier ganz wörtlich zu nehmen, wir saßen in einem großen Kreis einander gegenüber.

Zum Einstieg in ein gemeinsames Nachdenken hatte ich Thesen von Kurt Drawert (Der entrissene Text, NZZ 168/2012) und Ernst-Wilhelm Händler (Die Literatur stirbt am Algorithmus, FAZ.NET, 2.8.2019) herausgesucht: 1) Ein literarischer Text werde von der digitalen Unendlichkeit eingesaugt und in seiner semiologischen Architektur beschädigt; 2) Im Internet finde eine permanente Fragmentarisierung und Atomisierung (auch der Aufmerksamkeit) statt; 3) Es bestehe durch das Netz die Gefahr einer Uniformierung des individuellen Denkens, Fühlen und Handelns.

Zunächst verständigten sich die Teilnehmer über verschiedene Erfahrungen mit e-book, download und dem physischen Buch sowie eigenen Schreibprozessen, bevor tiefergehende Fragen ins Zentrum rückten. Schnell war sich die Runde dahingehend einig, dass ein Kunstwerk, ein literarischer Text Anfang und Ende brauche, um sinnvoll sein zu können und dass im Unterschied zum digitalen Raum das Buch auch einen Ort besetze. Hier wurde eingewendet, dass sich ebenfalls virtuelle Orte bilden könnten bzw. längst existierten. Es wurde die Frage nach der Qualität und ihrer Prüfung aufgeworfen, da im Internet jeder alles veröffentlichen könne und bisherige steuernde Institutionen wie Lektoren, Rezensenten, Verlage an Bedeutung verlören bzw. in bestimmten Formaten gar nicht mehr existierten. Damit sei jeder Text, jede Veröffentlichung egalisiert (von den Pionieren des world wide web wurde gerade diese Möglichkeit in allen Bereichen als demokratische Errungenschaft bewertet), es gebe also zum Beispiel keine Unterscheidung mehr zwischen inhaltlich-stilistisch anspruchsvoller und Unterhaltungsliteratur.

Ein Teilnehmer formulierte die Hoffnung, dass über Foren und Formen im Netz gerade bei jungen Leuten Interesse für klassische Literatur im weitesten Sinne geweckt werden, also etwa der webblog zum Einstieg in Roman oder Gedichtband werden könne. Kurz streiften die Anwesenden Gedanken zu algorithmen-erzeugter Literatur, die de facto nicht existiere, da ihr die Seele fehle (was selbstverständlich genauso für die Musik und die bildende Kunst gilt, auch wenn es hier angeblich andere Erfahrungen und Untersuchungen gibt). Eine Autorin fügte an, dass eine Maschine immer nur soviel könne, wie ihr vorher beigebracht worden sei, sie sei also begrenzt (was ebenfalls für das sogenannte „Lernen“ der Algorithmen gelte).

Befragt nach der Praxis des social writing, bei dem ein Autor online schreibt und seine Leser dazu einlädt, sofort Anmerkungen oder gar Korrekturen im Text vorzunehmen, lehnten die Gesprächsteilnehmer diese für sich selbst einhellig ab.

Letztlich im Zentrum blieb die Überlegung, ob es möglich sein könnte, dass sich die genuine, die metaphysische Kraft eines Romans und damit auch seines Erzählers auflösen könne, andererseits blieb das ganze Gespräch von vorsichtigem Optimismus getragen, dass es zukünftig eher ein Nebeneinander aller Formen und Ausdrucksweisen geben werde als dass eine bestimmte verschwinde. Zu dieser Haltung trug auch die Gewissheit bei, dass wir uns immer in einem Prozess befinden, dass wir bewusst oder unbewusst in einer Tradition stehen. Und abschließend stellte eine der Autorinnen fest: Ich finde, es gibt nicht eine analoge oder virtuelle, sondern es gibt nur eine Welt.

Diese Gesprächsrunde zeichnete sich durch leidenschaftliches Fragen, durch Zuhören und Weiterdenken aus, sie hat mich inspiriert und wird auch über diese Zeitgedanken hinaus noch in mir nachwirken. Leider hat die kurze Begegnung nicht ausgereicht, die jungen Schriftstellerinnen und Schriftsteller wirklich kennenzulernen, aber so will ich wenigstens hier noch einmal alle Akteure nennen:

Schreibwerkstatt Heimat.Heute // Leiter: Dr. Julia Meyer, Kurt Drawert // David Blum, Christian Engel, David Jokschat, Katharina Kaps, Jill-Francis Käthlitz, Krisha Kops, Amanda Lasker-Berlin, Martine Lombard, Gorch Maltzen, Silke Peters, Angela Regius, Laura Karoline Rogalski, Sigune Schnabel

Menü schließen