Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Bilder

Wahrscheinlich waren wir noch nie so bildergläubig wie heutzutage, auf jeden Fall gab es noch nie eine solche Masse an weltweit verbreiteten Bildern – und demzufolge wurde auch noch nie soviel gefälscht …

Diese Idee ist selbstverständlich alt. Mir fällt zum Beispiel das Schiller-Goethe-Denkmal in Weimar ein, 1857 vom Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel geschaffen. Der Künstler trug ein Bild in sich und dementsprechend gestaltete er das Denkmal: In seiner Vorstellung war Goethe der Meister, der berechtigt war, den Lorbeerkranz zu vergeben und der seinem Dichterfreund wohlwollend die Hand auf die Schulter legte. Auch damals wusste man natürlich, dass Goethe in Wirklichkeit klein und dick war und von Schiller um Haupteslänge überragt wurde, aber das äußere Erscheinungsbild sollte die Überzeugung Rietschels von der größeren schriftstellerischen Bedeutung Goethes widerspiegeln, also fälschte er es. Zunächst sahen dieses gefälschte Bild nur die Weimarer und ihre Gäste, bald aber wurde es fotografiert, gedruckt, verbreitet, sodass die meisten Menschen, die sich heutzutage mit den beiden Dichtern oder ihrem Werk befassen, das Rietschel-Denkmal als Wahrheit dazu im Kopf haben.

Ein solcher Vorgang (dass das innere Bild sich materialisiert und zum äußeren wird) geschieht nicht nur bei der Entstehung eines Kunstwerkes, sondern immer: Wie wir das sehen, was uns umgibt, hat mit unseren inneren Bildern – Erfahrungen, Prägungen, Überzeugungen – zu tun.

Einer, der mit der destruktiven Macht tausendfach wiederholter (sprachlicher und fotographischer) Bilder konfrontiert war, ist seit Anfang 2015 der Wirtschaftswissenschaftler und Ökonom Yanis Varoufakis. Als griechischer Finanzminister eines bankrotten Staates gehörte es zu seinen ersten Amtshandlungen, die beiden Nobelkarossen vor der Tür des Ministeriums zu verkaufen, da sein Motorrad ihn sehr gut nach Hause und zur Arbeit bringen würde. Sofort kursierten in allen Medien Aufnahmen des coolen, motorradfahrenden, Lederjacke statt Anzug tragenden Ministers und dieses äußere Bild dient bis heute dazu, die inhaltlichen Anliegen des Griechen kleinzureden (auch ich fahre Motorrad und kleide mich unkonventionell, was genau sagt das über die Qualität meiner Literatur aus?).

Natürlich war das demokratische Mandat, das Ministerpräsident Alexis Tsipras und sein Finanzminister vom griechischen Volk bekommen hatten, eine Herausforderung für Brüssel – sie waren gewählt worden, weil sie versprochen hatten, neu zu verhandeln, ein 3. Memorandum und weitere Austeritätspolitik zu verhindern – und diesen Auftrag nahmen sie sehr ernst. Die Chance hätte darin bestanden, sich bei allen Differenzen, bei allen Abhängigkeiten innerhalb der Eurogruppe und im ganzen festgefügten System Brüssel zu einem Kompromiss vorzuarbeiten, das aber war nicht gewollt, sondern es ging um die Rettung der deutschen und französischen Banken und es ging um die Demonstration, wer die Macht hat. Dass dazu vor allem in Deutschland das Bild des faulen, korrupten Griechen vielfach beschrieben wurde, dessen Steuern und Renten jetzt der deutsche Arbeiter und Angestellte übernehmen sollte, gehört zu den ganz großen, unheilvollen Lügen innerhalb Europas.

Der gebildete Varoufakis, der nicht nur ökonomische und wirtschaftliche Zusammenhänge auf verständliche Weise zu erklären und dieses Wissen mit Philosophie, mit Geschichte, mit Literatur zu verbinden imstande ist, sondern der auch noch einen fertigen wirtschaftlichen Alternativplan (durch Experten aus Amerika und England geprüft) im Gepäck hatte, musste scheitern. Nach seinem Rücktritt als griechischer Finanzminister zog er sich aber nicht etwa grollend in die akademische und private Welt zurück, er suchte sich Mitstreiter und gründete in der Berliner Volksbühne die gesamteuropäische Graswurzelbewegung DiEM25. Mittlerweile befindet sich Europa im Wahlkampf, Yanis Varoufakis tritt als Spitzenkandidat der transnationalen Liste von DiEM25 in Deutschland an, um ein weiteres Zeichen zu setzen gegen behauptete Feindschaft von Deutschen und Griechen. Und wieder geschieht dasgleiche: Zeitungen, TV-Sendungen, Online-Medien berichten über den motorradfahrenden, coolen Varoufakis, über das umfassende, evolutionäre Wahlprogramm von DiEM25 fällt kaum ein Wort …

Europa. Die Angst vor einem allgemeinen Rechtsruck ist groß, in unterschiedlichen Zusammenhängen begegne ich der Aussage, das Böse sei auf dem Vormarsch. Meiner Ansicht nach ein undifferenziertes Bild, das davon ausgeht, das Böse sei eine Macht, eine Kraft an sich, dabei befindet es sich in jedem einzelnen Menschen, auch in mir selbst, auch in meinem Nachbarn.

Das Kunsthaus Dresden in der Rähnitzgasse lud vorgestern zu einem Fest unter dem Motto Nachbarschaften 2025 ein. In diesem umfassenden künstlerisch-sozial-kulturellen Vorhaben werden ganz unterschiedliche Aspekte des Nachbarlichen betrachtet und dargestellt, es reicht von vertikalen Kunst- und Performance-Aktionen im Hochhaus (WBS70) über ein Dresdner Müll-Manifest bis hin zu bewusster Auseinandersetzung mit Friedhofs- und Gedenkkultur. Eine gewaltige Dresdner Chance: neu zu lernen, dem Nachbarn zu begegnen ohne sofort in überhitzte politische Debatten zu verfallen. Zuallererst ist jeder Nachbar ein Mensch und, wie Kulturbürgermeisterin Frau Klepsch in ihrer kurzen Rede zur Eröffnung betonte, wir können uns die Nachbarn nicht aussuchen, ob sie nun freundlich oder unhöflich, liebenswert oder nervig sind (oder alles zugleich), wir müssen mit ihnen leben. Mit ihnen reden. Sie respektieren.

Die vielfältige, sehr anregende Ausstellung im Kunsthaus Dresden gibt berührende, tiefgehende Impulse, sie betont zugleich den Prozess – sowohl des nachbarschaftlichen Miteinanders als auch der künstlerischen Auseinandersetzung, wie die Leiterin der Einrichtung, Frau Mennicke-Schwarz, in ihrem Grußwort hervorhebt. Allein ihre Danksagung an die bisher Beteiligten von Nachbarschaften 2025 verdeutlicht, wie breit angelegt das ganze Projekt ist (und selbstverständlich nehmen auch tschechische und polnische Nachbarn daran teil).

Es bleibt zu hoffen, dass dieses Vorhaben dabei helfen wird, ein neues Dresdner Bild zu entwickeln, ein Bild, das Spaltung und Ausgrenzung (in welcher Richtung auch immer) den Boden zu entziehen vermag.


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