Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Chose Love!

Es ist mehr als 3 Jahre her, dass ich an der weiß gestrichenen Wand des Cafès Kuchenglocke auf dem Dresdner Martin-Luther-Platz die schwarze Aufschrift entdeckte: Pegida töten!!! Gemeinsam mit der Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt, mit der ich gerade eine Veranstaltung bestritten hatte, hielt ich lange vor dieser schreienden Aufforderung inne, ich spürte aus den Buchstaben heraus einen kaum zu ertragenden Schmerz auf mich übergehen, ich fühlte die langen Linien von Gewalt und Gegengewalt in meiner Stadt, ich ahnte die traumatisierten, verletzten Seelen dahinter.

Nach einiger Zeit wurde der Buchstabenschrei mit gleicher schwarzer Farbe durchgestrichen und kommentiert mit einem So ein Quatsch, schließlich verschwand der Dialog an der Wand, sie war wieder weiß. Jetzt steht fast an derselben Stelle zu lesen: Chose Love! Wenn derjenige, der hier rot gekritzelt hat, dazu auffordern will, dass wir uns für Liebe entscheiden sollen, dann handelt es sich dabei um eine willkommene und gleichzeitig sehr komplexe Botschaft. Meiner Ansicht nach beginnt diese Entscheidung mit der Liebe zu sich selbst – einer schwierigen Aufgabe, an der wir oft scheitern. Denn sie schließt ein, dass wir uns mit uns selbst auseinandersetzen, dass wir erkennen, in welchen Beziehungen, unter welchen Umständen wir liebend und empathisch, in welchen wir (bewusst oder unbewusst) gewaltvoll agieren, wir dürfen unsere Stärken und Begabungen genauso wertschätzen wie unsere Vorurteile und Aggressionen. In dieser Ehrlichkeit uns selbst gegenüber liegt der Schlüssel zu unserer Verbindung mit einem Du: Je umfassender wir uns selbst wahrnehmen, unsere Potentiale in alle Richtungen anerkennen, desto weniger werden wir verdrängte Anteile ins Außen projizieren (und dort vorzugsweise bekämpfen). Natürlich ist das ein immer währender Prozess, verdrängte eigene Anteile können nur durch tiefgreifende körperliche und seelische Arbeit ins Bewusstsein geholt werden, ein logischer, rationaler, nachdenkender Zugang kommt hier nicht weit. Außerdem braucht es bestimmte Entwicklungen oder Lebensphasen, um tiefere Schichten unseres Seins zu erschließen.

Zur Zeit findet in Dresden das Festival Literatur Jetzt! statt, mit Lesungen, Vorträgen, Musik, Poetry slam uvam. Im Zentralwerk, einem ungewöhnlichen, kreativen Veranstaltungs- und Kunstort mit brüchiger, wechselvoller Geschichte, der sich im Stadtteil Pieschen befindet, wohnte ich gestern der Lesung des in Hamburg lebenden Schriftstellers Anselm Neft aus seinem aktuellen Roman Die bessere Geschichte bei. Er schildert darin aus der Perspektive eines Ich-Erzählers dessen Kindheit und Jugend, in der es unter anderem auch sexuelle Gewalt gibt. Anselm Neft hat mich einst sehr berührt mit dem Artikel Eigentlich waren wir religiös (Die Zeit, 2017) über seine eigene Lebensphase als rechtsradikaler Student. Genau wie in diesem Aufsatz zeigt sich im Roman die Fähigkeit des Autors, vielschichtig und differenziert darzustellen, ohne billiges Schwarzweiß oder Klischees; außerdem ist mir das langsame Tempo seines Erzählens nah, die genauen Beschreibungen von Menschen und Situationen. Im Gespräch mit dem kundigen Moderator Michael Bittner klingen allerdings auch problematischere Töne an, zum Beispiel, als er die im Zuge der sogenannten sexuellen Befreiung durch die Grünen propagierte Pädophilie (als einfach eine sexuelle Ausrichtung unter anderen) herunterredet und ihre Verurteilung als ungerechtfertigte Angriffe aus rechten Kreisen bezeichnet. Ganz offensichtlich sympathisiert Anslem Neft mittlerweile mit der Partei Bündnis90/Die Grünen, hier offenbart sich eine politische Haltung, möglicherweise eine Überzeugung; wenn diese zu Liebe werden soll, dann müssen die damaligen Abgründe erkannt und anerkannt werden. Vor allem wünsche ich Anselm Neft, dass er seine eigene radikale Zeit in sich selbst zu integrieren, zu heilen vermag, dass er die Wandlung seiner Seele ernst nimmt und damit aus dem polaren Denken heraustreten kann. Den Roman habe ich erworben, ich bin neugierig und gespannt, wie es mir bei seiner Lektüre ergehen wird.

Wenn wir uns für Liebe entscheiden, dann ist das eine lebenslange Aufgabe, eine Reise in die Tiefe, eine tägliche Herausforderung, eine verdammt komplizierte Chose

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