Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Dämmerung und … Dämmerung

Die Weite des Landes ist schwer erfassbar, Wälder, Prärie, Bergformationen und Gebirge wechseln sich ab, Indianerstämme haben ihre Tipis oder Hütten errichtet, sie leben seit tausenden von Jahren in der Tradition ihrer Ahnen und Urahnen, die sich von der Gemeinschaft des Stammes herleitet, sie achten die lebendige Erde und sie sind eng verbunden mit dem Göttlichen, mit dem Großen Geist, mit Heammawihio oder Manitou … Ihr Dasein ist bestimmt vom Jahreskreis, von der Jagd oder dem Anbau, von den persönlichen Entwicklungskrisen eines jeden Einzelnen – alle wichtigen Ereignisse werden mit Ritualen, Tänzen, Gesängen der Gemeinschaft begleitet. Kommt zum Beispiel für einen Jungen die Zeit, begibt er sich für mehrere Tage allein und ohne Nahrung in die Wildnis, er öffnet sich für die geistige Welt und wartet auf Visionen, die ihm seine Bestimmung, seinen Lebensweg zeigen, denn das Kind in ihm stirbt, damit sich der junge Mann entfalten kann. Ein Prozess, der intensiv von der Mutter begleitet wird, weil auch sie das Kind in sich sterben lassen muss, um den jungen Mann begrüßen zu können, der ihr Sohn von nun an sein wird. In einigen indigenen Völkern ist es Brauch, dass die Frauen während ihrer fruchtbaren Zeit mit mehreren Männern schlafen, damit das entstehende Kind von allen beschützt und versorgt wird, denn jeder der Männer könnte der leibliche Vater sein … Die Stammesstruktur ist in der Regel streng demokratisch, von den Weißen sogenannte Häuptlinge treten als Sprecher der Gruppe auf, Medizinmänner spielen eine besondere Rolle als Heiler genauso wie als Vermittler zwischen der irdischen und der spirituellen Welt, alte Stammesmitglieder werden geachtet, auf ihren Rat gehört. In manchen Verbänden wird bei Konflikten und Auseinandersetzungen solange gemeinsam gesungen, bis die Dissonanz überwunden ist …

Die Cheyenne zum Beispiel beginnen einst als sesshafte Farmer, bevor sie zunehmend zu einem Nomadenstamm werden, der dem Zug der Büffelherden folgt, weil die Tiere ihnen alles liefern, was sie zum Leben brauchen: Fleisch, Fell, Leder, Sehnen, Knochen – diese Versorgung danken sie den Büffeln mit einer tiefgehenden Verbundenheit. Bei den Irokesenstämmen im Osten des nordamerikanischen Kontinents wird das gemeinsame Leben durch den Rat der weisen Frauen bestimmt, er entscheidet über alle wichtigen Belange der Gemeinschaft. Die Apachen im Südwesten gelten als mutige Krieger, was sie u.a. in Konflikten mit den benachbarten Comanchen beweisen, die ihrerseits ihren Lebensraum in der Prärie verteidigen. Die Navaho, die Schoschonen, die Cree, die Sioux, die Hopi, die Schwarzfußindianer, die Lakotastämme … im 12., 13. und 14. Jahrhundert haben vermutlich nicht alle voneinander gewusst, was aber sicher allen eigen gewesen ist: sie leben im Zusammenklang mit der Natur, sie haben Respekt vor Tier und Pflanze und Erde.

1492 landet Christoph Kolumbus in Amerika, das er zunächst für China hält, der Auftrag und sein Versprechen an die kastilische Krone sowie die Finanziers seiner Expeditionen ist eindeutig: er werde ihnen soviel Gold und Sklaven bringen, wie sie wollten. In dem Moment, als Teile der Kolumbusschen Besatzung auf Hispaniola, der größten der Inseln der Antillen, zurückbleiben, beginnt der Auftakt eines Genozids, der nahezu bis heute anhält: die gutmütigen Arawaken haben die Fremden freundlich empfangen, diese danken es letztlich mit Streit, Vergewaltigung, Verstümmelung und Mord. Entscheidend dafür ist die Grundhaltung der Europäer (nach Kolumbus: Spanier, Portugiesen, Franzosen und Engländer, im 19. Jh. auch Deutsche, Schweizer, Österreicher und Tschechen), dass die Ureinwohner Amerikas keine Menschen seien. Dies ändert sich auch mit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776 nicht, in der zwar zum ersten Mal allgemeine Menschenrechte formuliert werden, die aber weder für Frauen, Sklaven oder freie Schwarze noch Indianer gelten. Deren Zahl ist durch eingeschleppte europäische Krankheiten, vor allem aber durch den steigenden Landhunger der Weißen bereits stark reduziert, als der Genozid im 19. Jahrhundert fast vollendet wird: Immer wieder werden seitens des Weißen Vaters in Washington Verträge angeboten, Zusagen gemacht, die stets gebrochen werden; Goldfunde in Kalifornien und den Black Hills führen dazu, dass tausende Glücksritter in diese Regionen ziehen, die Indianer erneut von ihnen zugesagtem und heiligem Land vertrieben und schließlich in oft unfruchtbare Reservate verbracht werden. The civilization of the Indians is impossible while the buffalo remain upon the plains. (Columbus Delano, U.S. Secretary of the Interior, 1871) Diese Erkenntnis führt bis 1910 zur gezielten Ausrottung der Büffelherden, um den Stämmen die Nahrungsgrundlage zu entziehen, was dank des Einsatzes eifriger Zivilisateure, die sich damit brüsten, tausende von Tiere an einem Tag getötet zu haben, gelingt. Die Wilden, die roten Teufel, wie es nun auch in der sich zunehmend entwickelnden Presse verbreitet werden kann, werden immer auf’s Neue entmenschlicht, während die weiße Kultur die überlegene, die zivilisierte, die einzige ist. Nach der für die Indianer erfolgreichen Schlacht am Little Bighorn 1876 muss deshalb Rache an diesen Teufeln geübt werden, was mittels zahlreicher Vernichtungszüge durch indianische Dörfer geschieht. Unzählige Male sind Frauen, Kinder und Alte die Opfer, Frauen werden meist auch skalpiert, weil sich mit dem langen Haar Geld machen lässt. Berühmt berüchtigt geworden ist das Massaker am Wounded Knee 1890, in dem über 300 Indianer getötet werden. It is my purpose to utterly exterminate the Sioux. They are to be treated as maniacs or wild beasts and by no means as people with whom treaties or compromise can be made. (General John Pope, 1868) Eine weitere wichtige Strategie zur Vernichtung der Indianer nimmt ab 1880 Fahrt auf. Den verbliebenen Stämmen werden ihre Kinder entweder gewaltsam oder mittels blumiger Versprechen weggenommen und in weit entlegene, häufig von christlichen Missionaren geführte Schulen gesteckt. Den Kindern schneidet man gewaltsam die Haare ab; es ist ihnen verboten, in ihrer Sprache zu kommunizieren, tun sie es doch, müssen sie Seife essen. Physische, psychische und sexuelle Gewalt sind in diesen Einrichtungen an der Tagesordnung, was sich auch im 20. Jahrhundert nicht ändert. Versuchen einzelne Opfer, als Erwachsene auf ihre Schicksale aufmerksam zu machen, werden sie für verrückt erklärt und solange mit Elektroschocks behandelt, bis sie es wirklich sind. 1937 werden tausende Lakota-Frauen zwangssterilisiert.

Bis heute feiert die amerikanische Kultur in Filmen und Büchern einen aus dem 19./20. Jahrhundert stammenden Typus: einerseits den rücksichtslosen Geschäftsmann, den Selfmademan, und andererseits den Outlaw, der seine Geschicke in die eigenen Hände nimmt, sich als einsamer Wolf durchsetzt und zum Helden des Wilden Westens stilisiert wird. Bekannteste Beispiele hierfür sind Jesse James (1847-1882) und Wyatt Earp (1848-1929). The Indian must be imbued with the exalting egotism of American civilization, so that he will say I instead of We and This is mine instead of This is ours. (U.S. Commissioner of Indian Affairs, 19.Jh.)

Es sind nur einige Informationen, die ich hier über diese jahrhundertelange, komplexe Geschichte zusammentragen kann, meiner Meinung nach wird aber auch daran schon deutlich, dass wir von den USA nichts Gutes, nichts Friedfertiges erwarten können, ganz egal, welcher Präsident an der Spitze steht. Dieser ganze Kontinent gründet sich auf Landraub, Gewissenlosigkeit und Gewalt, kein Wunder, dass den Amerikanern die Angst um das Eigene besonders in den Knochen steckt, dass sie permanent das Gefühl haben, sie müssten sich mit allen Mitteln verteidigen. Kein Land der Welt hat derart viele Angriffskriege begonnen und geführt wie die USA, und die Begründung dafür war immer dieselbe: ein behauptetes Bedrohungsszenario. Wer sich auf Aggression aufbaut, kann auch nur Aggression leben, so lange jedenfalls, wie man sich nicht aufarbeitend, versöhnend und heilend der eigenen Geschichte zugewendet hat. Wann emanzipieren wir Europäer uns endlich von Amerika?

Meine Beschäftigung mit der indianischen Geschichte hat mich zu einer Vision geführt, die sich aus der Tatsache nährt, dass es trotz der geschilderten radikalen Versuche, nicht gelungen ist, diese Kultur auszurotten, im Gegenteil. Einzelne Stämme wie zum Beispiel die Cree in Manitoba (Kanada) haben sich ein großes Maß an Autonomie sowie Mitbestimmung bei großen Vorhaben wie zum Beispiel Staudämmen zur Energiegewinnung, die ihre Lebensumwelt unmittelbar beeinflussen würden, erkämpft; in Reservaten wenden sich Indianer wieder ihrer traditionellen Lebensweise zu, sie hören die Geschichten und Lieder ihrer Ahnen, üben deren Fertigkeiten wie Reiten und Lassowurf, lernen und pflegen ihre Sprache.

Seit Tagen sehe ich einen riesigen Büffel sein Haupt aus der nordamerikanischen Prärie erheben, er schüttelt sich, dass die Erde bebt und Wind aufkommt, der indigene Geist verbreitet sich – das ist meine Vision. What is life? It is the flash of the firefly at night. It is the breath of a buffalo in the wintertime. It is the little shadow which runs across the grass and looses itself in the sunset. (Blackfoot)

Wir sind ein Teil der Erde – und sie ist ein Teil von uns. Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern, die Rehe, das Pferd, der Adler – sie sind unsere Brüder. Die felsigen Höhen, die saftigen Wiesen, die Körperwärme der Ponys und des Menschen – sie gehören alle zur gleichen Familie.

Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen, oder die Wärme der Erde? Diese Vorstellung ist uns fremd. Wenn wir die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers nicht besitzen, wie könnt ihr sie von uns kaufen?

Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne und Töchter der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer ihr dem Gewebe antut, das tut ihr euch selber an …

Unsere Verstorbenen leben fort in den süßen Flüssen der Erde, kehren wieder mit des Frühlings leisem Schritt, und es ist ihre Seele im Wind, der die Oberfläche der Teiche kräuselt … (Häuptling Seattle zugeschrieben, 1855)

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