Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Demonstration

Schon vor zwei Wochen vermuteten Freunde aus der Schweiz, dass die jetzige Situation, in der wir uns alle befinden, eine Zeit für meine Poesie-Tankstelle sei, dass sie besonders benötigt werde. Bisher befand ich mich nicht in der inneren Energie, mit der ich Gedichte zu den Leuten hätte tragen können, aber am Sonnabend, 30.5.20, war es soweit. Die bundesweite Initiative Demokratischer Widerstand rief erneut zu Demonstrationen für Freiheit, für die Beendigung der Einschränkungen, für das Grundgesetz auf, und ich hatte am Morgen plötzlich das klare Gefühl, da gehört meine Poesie-Tankstelle hin. Also radelte ich nachmittags in den Großen Garten, zum Palaisteich. Dort angekommen, sah ich Menschen, die meditierten, die mit dem Grundgesetz neben sich auf Bänken saßen, die miteinander sprachen, die ihre Gedanken mit bunter Kreide auf den Asphalt schrieben … Kaum hatte ich die Poesie-Tankstelle aufgebaut und die Mappe in der Hand, filmte jemand mein Schild, ich bot ein Gedicht an und rezitierte zwei aufmerksamen Zuhörern Johannes Bobrowskis Das Wort Mensch. Gleich darauf waren wir im Gespräch verbunden, wir tauschten uns über unsere Erfahrungen der letzten Wochen aus, der Filmende wies auf einen Widerspruch hin, den er schon öfter wahrgenommen hatte, nämlich, dass in öffentlich-rechtlichen Medien von gewaltbereiten oder rechtsradikalen Teilnehmern die Rede sei, er aber bisher, von vermummten und grölenden Antifa-Angehörigen abgesehen, keine solchen gesehen habe, was seine Filme belegen würden.

Wir sprachen lange miteinander, über unsere Sorgen und Hoffnungen, schließlich verabschiedeten wir uns herzlich.

Inzwischen waren weitere Menschen eingetroffen, auch Elijah Tee, der mit seiner Kamera schon von Anfang an die Demonstrationen des Demokratischen Widerstands in Dresden begleitet und seine ausdrucksstarken, emotionalen Filme veröffentlicht (https://elijahtee.com/); ein großes Plakat ist zwischen zwei Bäumen aufgespannt worden, das einen Corona-Untersuchungsausschuss fordert.

Jetzt fragt eine freundliche Frau, ob das meine Poesie-Tankstelle sei, sie sagt, sie sei von der Sächsischen Zeitung und interessiere sich für die Motive, warum Menschen hier dabei sind. Die beste Antwort auf diese Frage ist ohne Zweifel die Poesie, wieder also öffne ich meine Mappe und rezitiere Bobrowski. Als ich geendet habe, bekennt mein Gegenüber, sie habe nicht so den Zugang zu Gedichten, deshalb würde sie sich freuen, wenn ich noch mehr dazu sagte. Frau Kay Haufe zeigt großes Verständnis für die existentielle Lage der Freiberufler, die ich anspreche, wobei ich nicht vergesse, die Unterstützung des Kulturamtes Dresden zu erwähnen, das gerade uns aus der Kreativwirtschaft nach Kräften mental und praktisch zu unterstützen versucht hat. Bereits an anderer Stelle habe ich betont, dass mich die unbürokratische und schnelle Auszahlung der Projektförderung für meine Dresdner Spaziergänge auf den Spuren von Schriftstellerinnen des 20./21.Jh. zu einer Zeit, als gar keine Veranstaltungen stattfinden konnten, vor dem finanziellen Ruin bewahrt hat. Dann folgte noch der Zuschuss von 1000,- Euro für Soloselbstständige, der zu überbrücken half, aber über Monate hinweg ohne andere Einkünfte ist diese Hilfe natürlich sehr begrenzt. Außerdem gibt es ja nicht nur Dresdner, was ist mit all den Kreativen in Radebeul oder Bautzen oder Delitzsch oder wo auch sonst in Sachsen?

Frau Haufe meinte, sie habe dort drüben, wobei sie auf die andere Seite des Palastteichs zeigte, zwei Holocaust-Gegner gesehen. Nun ist natürlich nicht auszuschließen, dass sich jemand dazu gesellt, der eine Bühne für radikale Äußerungen sucht, was mein Gesprächspartner vom Anfang ja auch in Bezug auf Antifa-Mitglieder berichtet hatte; ich aber betonte jetzt vor allem, was mich seit Jahren umtreibt und beschäftigt: Wir dürfen diese Situation nicht hinnehmen, wir müssen geschützte Räume der Begegnung schaffen, wir sollten immer und immer wieder versuchen, jemanden, der radikale oder menschenverachtende Ansichten vertritt, in die Mitte der Gesellschaft zurückzuholen. Ich erzählte deshalb von Michael Grasemanns Rundem Tisch und von meiner Teilnahme an der Meditation auf dem Neumarkt (http://zeitgedanken.eu/runder-tisch/). Frau Haufe betonte, dass sie die Maßnahmen der Regierung richtig und angemessen finde und dass es ja jetzt mit den Lockerungen auch aufwärts gehe. Wir verabschiedeten uns freundlich und respektvoll voneinander. Danach ging mir ein Beitrag des Medienfachmanns und Journalisten Markus Langemann (http://www.langemann.de/start.html) durch den Kopf, der darin kommentierte, dass das Wort Lockerung Gift sei, weil es mit Gefängnis, mit Haft konnotiert sei (Lockerung des Vollzugs).

Die erste Rednerin der Kundgebung sprach mir sehr aus dem Herzen, indem sie eine ganzheitliche Medizin einforderte und einen möglichen Impfzwang mit klaren Worten ablehnte, indem sie sich für das Ende von Massentierhaltung einsetzte und für einen natürlichen, einen würdevollen Umgang mit Tod und Sterben in unserer Gesellschaft. Ein Mann berichtete von zahlreichen schwarz Vermummten, die am Rand der großen Demonstration in Stuttgart vor 14 Tagen, drei seiner Kollegen überfallen hatten und einen von ihnen so schwer verletzten, dass er im Koma liege.

Ich bewegte mich über das ganze Gelände, einen Teilnehmer, der ein Schild trug, auf dem der Holocaust geleugnet wurde, sah ich nicht.

Auf dem Nachhauseweg dachte ich an etwas, das uns, wenn wir durch die Stadt gehen, dauernd begegnet: Stehen wir an einer roten Ampel, sehen wir uns meist mit der Aufforderung Bitte drücken oder Bitte berühren konfrontiert. Stellen wir uns das nur einen einzigen Tag lang an jeder roten Ampel vor: ein Lächeln, ein Händedruck, eine Umarmung für den Menschen, der sich zufällig neben mir befindet – was für eine Welt!

Johannes Bobrowski (1917-1965) DAS WORT MENSCH

Das Wort Mensch, als Vokabel/ eingeordnet, wohin sie gehört,/ im Duden:/ zwischen Mensa und Menschengedenken.

Die Stadt/ alt und neu,/ schön belebt, mit Bäumen/ auch/ und Fahrzeugen, hier/ hör ich das Wort, die Vokabel/ hör ich hier häufig, ich kann/ aufzählen von wem, ich kann/ anfangen damit.

Wo Liebe nicht ist,/ sprich das Wort nicht aus.

Menü schließen