Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Elbelieder

Literarische Auseinandersetzung mit dem gleichnamigen Text von Johanna Marie Lankau aus ihrem erfolgreichsten Buch Dresdner Spaziergänge (Holze&Pahl, 1912)

hinaus ins Freie, die schöne Prager Straße hinab, durch die laute Seestraße, immer weiter und weiter, über den Altmarkt und durch das Georgentor bis an das Gestade unseres stolzen Stromes … Es ist ein kalter Februarsonntag im Jahr 2021, als ich die Langlaufski anschnalle und zum Gestade unseres stolzen Stromes aufbreche, aber anders als meine Schriftstellerahnin Lankau führt mich mein Weg durch die Straßen der Neustadt zum rechtselbischen Ufer. In der Nacht ist soviel Schnee gefallen, dass ich schon auf den Fußwegen dahingleiten kann; die weiße Fläche der Elbwiese allerdings erscheint deutlich reduziert, weil sich braune träge Wasserzungen bis nahe an den Weg heranschieben. Noch sind wenige Menschen unterwegs, eine junge Frau jedoch kommt mir auf Skiern entgegen, sie grüßt freundlich lächelnd. Zwar bläst mir ein eisiger Wind in den Nacken, trotzdem ist die Luft nicht klar, sondern sehr diesig, ja, geradezu wie ein Spiegelbild der aktuellen politischen Maßnahmen, die unseren Bewegungsspielraum auf 15 km reduziert haben, ist auch die Sicht an diesem Februarmorgen sehr reduziert: Die Elbhänge in meinem Rücken sind im Grau verschwunden, linkerhand hört die Welt hinter den dominanten Gebäuden der Altstadt wie Frauenkirche, Ständehaus und Schloss einfach auf, der Fluss, die Ufer, die elbnahen Häuser aufgereiht wie auf einer Schnur und eingepackt in Himmelswatte, jenseits davon – nichts. Aber auch in den Gebäuden selbst herrscht geisterhafte Stille, zum Beispiel in der stummen Semperoper, in der seit Monaten nicht mehr gespielt, gesungen und getanzt wird, im Maritim-Hotel (Erlweinspeicher), in dem seit Wochen niemand mehr abgestiegen ist. Der neue Landtag hingegen sieht Tag für Tag Abgeordnete in seinen Mauern, die in bisher noch nie gesehener Einigkeit politische Entscheidungen treffen, um eine angenommene epidemiologische Lage nationaler Tragweite zu meistern, Entscheidungen, bei denen allerdings fehlende Logik, Transparenz und Überzeugungskraft zu beklagen sind. Auch verrät die verwendete Sprache viel: epidemiologische Lage nationaler Tragweite ist ein Pleonasmus, denn wenn die Lage keine nationale Tragweite hätte, würde es sich nicht um eine Epidemie handeln. Unser tägliches Leben wird durch Lockdown, Lockerung und den möglichen Gefährder bestimmt – Begriffe, die aus dem Strafvollzug bzw. der Justiz stammen.

Inzwischen kommt die Yenidze in meinen Blick, jenes moscheeartige Gebäude, das einst Martin Hammitzsch (1878-1945) für den Unternehmer Hugo Zietz plante, der wiederum mit dem Namen Yenidze an jenen Ort im heutigen Nordgriechenland erinnern wollte, aus dem er den Tabak für seine Zigarettenproduktion bezog. In der buntglasigen Kuppel ist bis März 2020 die 1001 Märchen GmbH mit Lesung, Gesang und Tanz zu Gast gewesen … Johanna Marie Lankau erwähnt den ungewöhnlichen Bau in ihrer Schilderung 1912 nicht, obwohl er zu diesem Zeitpunkt längst vollendet ist, sie konzentriert sich hier auf etwas Anderes: Da dröhnt der harte Schlag der Eisenhämmer durch die köstlich reine Morgenluft von der Schiffswerft zu uns herüber, und das Ächzen des Dampfkranes und das Pusten und Fauchen eiserner Ungetüme und Maschinen sowie das laute bewegte Treiben am König Albert-Hafen und seinen Ufern. O das ist ein wildes, ohrenbetäubendes Orchester, das uns eine Weile umbraust. Ohne Rhythmus, ohne Harmonie und doch ein Lied, das ohne hohe Worte gewaltig wirkt: das Lied der Arbeit. Die bei Johanna Lankau selten anzutreffende Referenz an Industrialisierung und Technisierung, die doch in Dresden vor 100 Jahren allgegenwärtig gewesen sein muss, kann in meinem Erleben an diesem Wintermorgen kein Echo finden, und das nicht nur, weil Sonntag ist. Zwar wird das Areal noch immer als Warenumschlagplatz zum Beispiel für die nahe Kornmühle genutzt, aber das ursprüngliche Hafenbecken ist wesentlich verkleinert und Teile der Gesamtanlage sind zu einem technischen Museum geworden. Ganz in der Nähe erhebt sich ein runder, begehbarer Berg, der momentan nur als Schatten im Nebel zu erkennen ist. Dieser Hügel konnte von meiner Vorfahrin weder gesehen noch beschrieben werden, denn er ist erst nach 1945 aus dort abgekippten Trümmern entstanden. Die Sportanlagen davor hat es jedoch auch schon zu ihren Zeiten gegeben, allerdings sind aus kleinen Sportplätzen mittlerweile große Stadien und Trainingshallen geworden. Da Johanna im Frühsommer unterwegs ist, kann sie an dieser Stelle etwas Besonderes wahrnehmen: Vom Ostragehege her ziehen schwere Duftwellen, umfächeln die heiße Stirn der Arbeitenden und umschmeicheln auch uns Sinn und Seele. Die hohen alten Linden dort drüben schicken ihre Düfte auf Reisen!

An einem weiteren schneereichen Februartag, in dessen Azur-Himmel diesmal eine helle Sonne gleißt, setze ich meinen Weg auf den Spuren von Lankaus Elbeliedern fort. Diesmal überquere ich, ohne Skier und vorsichtig die Füße auf dem festgetretenen Schnee setzend, die Marienbrücke und gehe unterhalb der bereits erwähnten Yenidze an das andere Flussufer, um etwas zu tun, das zu den grundlegenden Formen menschlichen, gesellschaftlichen Miteinanders zählt, inzwischen aber zu einer Unmöglichkeit geworden zu sein scheint: die Perspektive wechseln, eine gegensätzliche Sichtweise kennenlernen …

Und in der Tat, jetzt, da ich den schon beschriebenen Linden mit ihren weiß angehauchten dunklen Stämmen, entlangschreite, eröffnet sich rechterhand der Blick jenseits des Stroms auf ein Viertel, das zu Zeiten meiner Schriftstellerahnin ebenfalls von Arbeit und Industrie geprägt gewesen sein muss: Pieschen und Leipziger Vorstadt mit dem Neustädter Hafen. Auch hier sind einst Güter umgeschlagen und mittels Gleisanbindung zum Alten Leipziger Bahnhof gebracht worden oder umgekehrt. Nach der deutschen Wiedervereinigung geriet dieses Gebiet zunächst etwas in Vergessenheit, weshalb sich alternative Wohn- und Kulturprojekte ansiedeln konnten, Künstler veranstalteten Freiluftausstellungen oder bauten halbe Ruinen zu Ateliers um, Festivals und Tagträumer-Happenings fanden statt … und die Natur holte sich das Ihre zurück. Irgendwann gab es Planungen zu einer ökologisch-nachhaltigen Vorzeigestadt, ein Vorhaben, das Dresden besonders gut zu Gesicht gestanden hätte und das vor allem wirklich zukunftsweisend gewesen wäre; dann aber kehrte städtisches Denken und Entscheiden wieder in alte, profitorientierte Bahnen zurück. Deshalb entstehen nun durch private Investoren hochwertige Eigentumswohnungen, Hotels und Restaurants in üblicher, austauschbarer Allerweltsarchitektur und damit sich das richtige Klientel angesprochen fühlt, hat man jetzt auch den passenden Namen: Hafencity. (Ein bisschen Größenwahn ist in Dresden gerne dabei.)

Das Ballhaus Watzke, das zu den ältesten Ballhäusern der Region zählt und in seiner heutigen Gestalt 1898 durch Paul Watzke errichtet wurde, denn Pieschen entwickelte sich zu einem Industriestandort und die Einwohnerzahlen stiegen, macht einen geradezu majestätischen Eindruck. Mit liebevoll saniertem historischem Ballsaal, mit Biergarten und Elbzimmer lädt das Watzke zum Verweilen ein, wobei das seit einigen Jahren im Haus selbst gebraute Bier (Watzke Pils, Altpieschner Spezial u.a.) sicher die größte Attraktion darstellt. Aber auch hier herrscht neben einem Bier to go benannten Notbehelf gespenstische Stille, wo eigentlich fröhliche Geräusche, Gespräche und Musik hingehören würden.

Inzwischen habe ich die historische Lindenallee in Richtung Fluss durchschritten, vor mir öffnet sich weiße Elbwiesenweite, die plötzliche Überhelle schmerzt fast in den Augen. Dank der Sonnenbrille, hinter der ich mich durchaus manchmal gern ein wenig verstecke, die jetzt aber einfach zum Schutz nötig ist, kann ich ausschreiten und erst an einer 2. Allee halte ich wieder inne: Auch hier sind es alte Linden, die sie bilden und eine Sichtachse modellieren: August der Starke soll sie in dieser Form angelegt haben, nachdem er das gegenüberliegende Schloss Übigau übernommen und zu seinem Lustschloss gemacht hatte. Dunkel steht dieses Gebäude, das seit einigen Jahren als Theater und Sommerwirtschaft wieder mit Leben gefüllt werden kann, im gleißenden Licht. Es blickt auf eine ungewöhnliche Geschichte zurück, da es nicht nur adliges Lustschloss sondern auch Verwaltungssitz verschiedener Firmen gewesen ist (z.B. VEB Dampfkesselbau Übigau – bis 1990 – oder Dresdner Maschinengesellschaft und Schiffswerft AG – bis 1930); viele Jahre stand es leer und verfiel, ehe es 2017 einen neuen Besitzer fand, der es der Öffentlichkeit zugänglich machte.

Als ich zu meinem nächsten Ausflug aufbreche, ist die weiße Schönheit im Nieselregen vergangen, ich fahre mit treuem Begleiter (meinem Fahrrad Fabrice) von Radebeul nach Meißen.

Indes sind wir ein gut Stück vorwärts geglitten, wie ein dichter grüner Kranz umwallen zur Rechten die Lößnitzberge den Fluß, bekrönt vom Spitzhause, dem hellen Bismarckturm, der Wilhelmshöhe und Friedensburg. Dicht und grün ist der Kranz nicht, zu dessen Füßen ich strample, eher grau, aber auch im kahlen Kleid offenbart sich die liebliche Landschaft, die Johanna Lankau als sächsisches Nizza bezeichnet. Meiner Schriftstellerahnin nehme ich das gelegentlich aufscheinende Pathos nicht übel, denn bei ihr kommt es nach meinem Gefühl nicht aus Größenwahn sondern aus einem feinen heimatlichen Stolz und tiefer Verbundenheit. Inzwischen sehe ich auf der anderen Flussseite eine Ingenieursleistung, die die Schriftstellerin nicht mehr kennengelernt hat: eines der ersten im Großmaßstab verwirklichten Pumpspeicherkraftwerke, das von Architekt Emil Högg und Bauingenieur Prof. Kurt Beyer betreute und 1930 fertiggestellte Werk Niederwartha. Es besteht aus einem Ober- und Unterbecken und riesigen Fallrohren, im Unterbecken existiert seit 1936 eine Badeanstalt, und auch im Oberbecken wird mittlerweile wild gebadet. Der heutige Betreiber Vattenfall hält aufwendige Instandhaltungsmaßnahmen, deren es bedürfte, unter den gegenwärtigen energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen für unmöglich, sodass die Zukunft des Pumpspeicherwerks ungewiss ist.

Ich radle und schwitze angenehm ob der Anstrengung, die frische, regendurchtränkte Luft ist eine Wohltat für die Lunge, mit einem Lächeln der Erinnerung grüße ich das Schloss Scharfenberg, das am Hang jenseits der Elbe gut zu erkennen ist. Dieses Schloss, einst ein Zentrum der deutschen Romantik, präsentiert sich heute als Hotel und Veranstaltungsort. Ich durfte vor Jahren eine Nacht der Romantik hier erleben, in der nicht nur verschiedene Räume, Schlossgarten und Terrasse zum Spielort wurden, sondern auch zahlreiche Dichterworte, Weisheiten und Lieder erklangen – ein unvergessliches und besonderes Kunsterlebnis. Aber auch hier nun – Stille.

Mein Radweg endet dort, wo Johanna ruft: Nun beginnt die Meißner Schweiz! Leider kann ich mich nicht in einem Café oder Ausschank ausruhen, um den viellieben Schieler zu genießen, wie es die Schriftstellerin vor 100 Jahren empfiehlt, aber ich kann mich gegenüber vom Lieblingsplatze König Johanns (dem Turmzimmer in der Albrechtsburg Meißen) niederlassen, kann den Blick elbauf und elbab schweifen lassen und mich ins Zwiegespräch mit Johanna Marie Lankau begeben. In unserem Schreiben sind wir einander verbunden, mit ihren Texten befinde ich mich seit 2 Jahren im Dialog, diesmal aber versuche ich, mit der Frau von damals in Kontakt zu kommen, von der ich nicht einmal weiß, wie sie ausgesehen hat, weil von ihr kein Bild existiert. Vor genau 100 Jahren ist sie nach einer schweren Krankheit verstorben, nahezu im selben Alter, in dem ich jetzt bin. Ihr Leben hat sie zunächst der Erzieherinnentätigkeit in einer adligen Familie gewidmet, mit der sie viel auf Reisen gewesen ist, ab 1894 lässt sie sich wieder in ihrer Geburtsstadt Dresden nieder und widmet sich ganz dem Schreiben. Wahrscheinlich hat sie ihren Vater verloren, als sie noch ein Kind war – wie hat dieser Verlust ihr Leben geprägt? Wer war ihre Mutter, in welchen Umständen wuchs sie heran? Sie hat nie geheiratet und keine eigenen Kinder geboren – ob dies einer unglücklichen Liebe geschuldet war? Vielleicht aber hat sie auch einfach ihr Alleinsein genossen und sich an den künstlerischen Kindern erfreut, die sie regelmäßig in die Welt entlassen konnte? Auf diese und mehr Fragen werde ich vermutlich niemals Antworten finden, Johanna wird ein Geheimnis bleiben. Trotzdem fühle ich mich in diesem Moment am Ufer der Elbe meiner Ahnin sehr nah, über ein Jahrhundert hinweg reichen wir einander die Hände, blicken uns an und nicken einander zu …

Vorbereiten, recherchieren und schreiben dieses Textes wurde durch ein Stipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen ermöglicht.

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