Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Entscheidungen

Die Zahlen sind bekannt, erste Wahlanalysen bereits veröffentlicht, ein allgemeiner Stoßseufzer ist zu hören: Weder in Brandenburg noch in Sachsen erreicht die Alternative für Deutschland (AfD) die Spitzenposition. Befürchtete Umbrüche haben somit nur ansatzweise stattgefunden, die sogenannten Volksparteien CDU und SPD müssen sich zwar neue Bündnispartner suchen, aber in beiden Ländern haben sie die Mehrheit behalten (Brandenburg: SPD 26,2%; Sachsen: CDU 32,1%). Durch die veränderten Konstellationen wird es allerdings kein Weiter-so-wie-bisher, für das besonders die christdemokratische Politik steht, mehr geben können. Das Festhalten, die Sicherheit, das Unveränderliche – ganz besonders im Politikstil der Bundeskanzlerin Angela Merkel verkörpert – offenbart am deutlichsten das Pathologische des kapitalistischen Gesellschaftssystems: Allem Lebendigen, ob nun dem einzelnen Wesen oder einer Gemeinschaft (Pflanze, Tier, Mensch) wohnt das Zyklische inne, gehören Krisen zu den wichtigsten Entwicklungszuständen, braucht es den Tod für die Geburt des Neuen. Dem wollen wir uns verweigern, es soll uns immer gleich gut gehen, linear und ewig erfolgreich schreiten wir durchs Leben – allerdings müssen wir große Anstrengungen unternehmen, um dabei unsere Sterblichkeit zu verdrängen. Vor allem unser Umgang mit den eigenen Lebensgrundlagen (Regenwald, Tiere, Erde, Luft, Wasser) zeigt, wie weit wir uns von uns selbst entfremdet haben; kein Wunder also, dass wir dem irrigen Alles-soll-bleiben-wie-es-ist, hinterher laufen, zumal wir doch mit Hilfe der Technik und des Digitalen alles im Griff haben

Aber nicht nur in diesem großen Zusammenhang zeigt sich unsere Pathologie, sie ist auch in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen zu finden, sei es in der Medizin (z.B. Überleben um jeden Preis), im defizitären Menschenbild des staatlichen Schulwesens (der Schüler kann dies und das – immer – noch nicht), in der Wirtschaft (Unternehmen werden künstlich am Leben gehalten (15% in ganz Europa!), weil ihre Insolvenz zum Verlust von Arbeitsplätzen führen würde) …

Roger Willemsen (1955-2016), Publizist, Moderator und Schriftsteller, hat sich einst ein ganzes Jahr lang auf die Tribüne des Bundestages gesetzt und daraufhin 2014 sein Buch Das Hohe Haus veröffentlicht. Darin beklagt er u.a. das Destruktive des Fraktionszwangs, er beobachtet Zynismus und Machtdemonstration und Ignoranz, manchmal sieht er leidenschaftliches Arbeiten von Politikern der 2. oder 3. Reihe. Gewiss wäre Willemsen nicht auf die Idee gekommen, die problematische Partei AfD zu wählen, aber ich glaube, er hätte die Menschen, die es tun, verstanden, Menschen, die sich von dieser Politik nicht vertreten fühlen, die vielleicht nur ein diffuses Unwohlsein wahrnehmen, die eine Krise anzeigen, indem sie protestieren oder – schmerzlicherweise – sich radikalisieren.

Der Dozent für Makroökonomie Andreas Popp beschreibt, dass wir uns nicht nur in einer Krise befänden, sondern – viel schlimmer – in einem Dilemma, weil wir an einem Punkt stünden, an dem es momentan nur abwärts gehen könne: Auf der einen Seite habe die Niedrigzinspolitik des EZB-Chefs Mario Draghi bewirkt, dass die Zinserträge der Banken, Sparkassen, Pensionskassen und Sozialversicherungen immer weiter sinken würden, was außerdem katastrophale Folgen für die Altersvorsorge habe (vgl.: Brief des Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes Helmut Schleweis), auf der anderen Seite geht er auf die oben erwähnte Pathologie der Wirtschaft ein: Es gebe schon längst ein risikoloses Unternehmertun, indem Qualitäts- oder/und Managementmängel von einem Betrieb oder Konzern nicht mehr selbst ausgebadet werden müssten, schlimmstenfalls in Form der Insolvenz, da man stets ein machtvolles Druckmittel gegenüber der öffentlichen Hand habe: Wenn du mich nicht rettest, verschwinden soundsoviele Arbeitsplätze! Ich erinnere mich daran, wie ich mir Anfang der 1990er Jahre verwundert die Augen rieb, weil die uns unwissenden Ossis verabreichten Lektionen in freier und sozialer Marktwirtschaft so gar nicht dazu passen wollten, dass eine Produktionsstätte des offensichtlich schlecht geführten und deshalb nicht mehr konkurrenzfähigen Opel-Herstellers mit staatlichen Hilfen in beträchtlicher Höhe unterstützt wurde – um die Arbeitsplätze zu retten … Der Ökonom Yanis Varoufakis spricht von einer systemischen europäischen Krise, die die Wirtschaft genauso wie die Finanzmärkte betreffe.

In diesem Zusammenhang bin ich der festen Überzeugung, dass all die Menschen, die bei Pegida mitlaufen, die sich links oder rechts radikalisieren, die die AfD wählen, eine feine Antenne dafür haben, dass etwas ganz falsch läuft. Dass sie dies mit z.T. schwer erträglichen Mitteln äußern, gehört leider dazu, denn wie bei einer Krankheit ist es der Schmerz, der die Krankheit anzeigt, allerdings ist er eben nicht die Ursache, sondern lediglich das Symptom.

Deshalb hoffe ich sehr, dass Michael Kretschmer (CDU), der wiedergewählte Ministerpräsident von Sachsen, seine im Gespräch mit Katja Kipping (Die Linke) geäußerte Haltung, keinerlei Verständnis zu haben für Leute, die AfD wählten, überprüft, ich hoffe, dass sich der MP auch für diese mehr als 700000 Sachsen entscheiden wird und nicht gegen sie.

At least it enabled me to purge my hatred of that drunken child who took aim at me, smiled at me and was quite capable of shooting me to silence the grief that dwelt in him. In twenty-five years I have found no place among our fine theories for that young human being, who had already raped and killed, and who often peers at me in my dreams …Andrei Makine L’amour humaine (2006)

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