Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Erzählraum

Im Sommer dieses Jahres ist der Ringelnatzverein Wurzen in Gestalt seiner umtriebigen und weit vernetzten Projektmanagerin Katrin Hanisch mit der Frage an mich herangetreten, ob ich bereit wäre, ein Vorhaben der Begegnung zu entwickeln und zu leiten. Im gemeinsamen Nachdenken haben wir sehr schnell einen entsprechenden Rahmen gefunden – es soll sich um einen biographischen Erzählraum handeln, in dessen geschützter Atmosphäre Menschen einander zuhören, sich auf die jeweilige Erfahrungswelt des Gegenübers einlassen und so ganz unterschiedliche Lebensperspektiven einnehmen können. Katrin Hanisch und ich sind sich in der Beobachtung einig, dass solche Räume schmerzlich fehlen, die doch einst so selbstverständlich zum Alltag dazu gehört haben. Heute scheinen wir uns zunehmend mit unseren eigenen Meinungen oder Überzeugungen zu identifizieren, sodass wir uns letztlich nur noch im argumentativen Schlagabtausch erschöpfen können, um dieses Eigene unter allen Umständen zu verteidigen (öfter artet das zum Meinungskrieg aus). Etwas völlig Anderes ist es, sich Zeit zum aufmerksamen Zuhören zu nehmen und das Erleben des Gesprächspartners zu respektieren und bestenfalls nachzuvollziehen.

Dort wollen wir hin in Wurzen, allerdings nennen wir das Vorhaben dann doch vorsichtshalber Erzählcafè, damit es sowohl für potentielle Geldgeber als auch Teilnehmer besser greifbar wird …

Im August treffen wir uns zum ersten Mal, es ist ein heißer Sommer-Sonnabend, der es uns ermöglicht, die Stühle im Hof, zwischen zwei großen Bäumen, Linde und Kastanie, aufzustellen. Nachdem sich die Anwesenden mit Kaffee und Kuchen gestärkt haben, eröffne ich unseren Kreis, indem ich kurz die Dialogmethode erläutere, die von dem Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) zusammen mit dem Quantenphysiker David Bohm (1917-1992) entwickelt wurde und auf ein Prinzip daraus näher eingehe, nämlich das Verlangsamen: Wenn wir den Prozess verlangsamen, können wir beobachten, welche Reflexe, Reaktionen, Wertungen und Gedanken in uns durch die Aussagen einer anderen Person ausgelöst werden; dazu setzen wir einen Redestab ein und die Regel lautet: Nur die Person, die den Stab in den Händen hält, spricht. In unserem Fall ist es kein Stab, sondern ich habe eine blei- und glasgefasste Sternfigur als Redegegenstand mitgebracht.

In der Vorstellungsrunde zeigt sich, dass die Teilnehmer neugierig darauf sind, was auf sie zukommen wird, denn alle haben noch nie ein solches Dialogformat erlebt. Nach einem Moment des stillen Innehaltens ergreift ausgerechnet Herr S. zuerst den Stern und damit das Wort, der vorher betont hat, dass er eher schüchtern sei und zuhöre anstatt selbst zu reden. Jetzt aber fühlt er sich von unserer Runde und dem Thema Weg inspiriert und an Eindrücke erinnert, die er bei einem Besuch der Leuchtenburg gesammelt hat, die er nun schildert. Spannend und humorvoll wird es, als Frau H. zu erzählen beginnt: Sie ist stark sehbehindert, mit einem ebenso fast blinden Gefährten hat sie bei einer Wanderung in der Sächsischen Schweiz die Gruppe verloren, was die Beiden nicht davon abhält, sich ihren Wanderweg durch Felsen, Felsen, Felsen hindurch zu suchen und am Ende auch wieder an der Elbfähre anzukommen. Der Stolz auf diese gelungene Expedition schwingt in ihren Worten deutlich hörbar mit. Danach berichtet Frau S. von einem ganz anderen Weg, der ihr Leben geprägt hat: 1997 entscheidet sie sich mit ihrer Familie, von Russland nach Deutschland zu übersiedeln, damit die Kinder eine Zukunft haben. In der Sowjetunion, so sagt sie, ist sie naiv und sicher herangewachsen, für alles ist gesorgt gewesen, alles war klar – Schule, Ausbildung, Beruf, Familie, Arbeit und die Kinder hatten immer ihren Platz. Diese Sicherheit zerfällt nach 1989 völlig, und so folgt für sie nach dem Zusammenbruch des vertrauten gesellschaftlichen Systems auch noch der Schritt in die Fremde – ein mutiger Weg ins doppelt Unbekannte. Schließlich in Wurzen sesshaft geworden, hört sie nie auf, sich für die Ermutigung und Begleitung anderer Menschen, besonders aber von Kindern und Jugendlichen zu engagieren … In gewisser Weise nimmt die Erzählung von Frau J. ähnliche Motive auf, denn sie beginnt als blinde junge Frau in der DDR eine Ausbildung zur Fachkraft für Schreibtechnik, die anspruchsvoll und umfassend ist, nach der Wende aber nicht fortgesetzt werden kann, weil sie im Westen schlicht und einfach nicht existiert. Immerhin kann sie einen Abschluss als Bürohilfskraft erwerben, eine in ihren Augen sehr abwertende Bezeichnung angesichts des Wissens und der Fertigkeiten, die sie sich vor 1989 bereits angeeignet hat. Im Arbeitsamt wird sie behandelt, als sei sie nicht lediglich blind, sondern auch geistig eingeschränkt, man möchte sie unter allen Umständen in einer Behindertenwerkstatt unterbringen, was sie strikt ablehnt. Stattdessen erstreitet sie sich einen Arbeitsplatz im Landratsamt, der ihren Fähigkeiten entspricht, fortan transkribiert sie Gesprächsprotokolle, schreibt nach Diktat Briefe und anderes. Heute könnte sie das noch genauso tun, aber im Zuge der Digitalisierung verfassen die Kollegen inzwischen alles selbst, es geht ja so einfach, was dazu führt, dass diese unter der vermehrten Arbeitslast stöhnen, während sich Frau J. häufig langweilt. Diese Situation veranlasst sie, darüber nachzudenken, ob ihr Weg vielleicht noch einmal in eine ganz andere Richtung führen könnte … Auch Herr L. ist blind; da es in der DDR nur wenige Abiturplätze für Blinde in Berlin-Königswusterhausen gab, bleibt ihm dieser Abschluss verwehrt, stattdessen absolviert er eine Lehre als Masseur und gestaltet sich seine Freizeit mit vielen unterschiedlichen Aktivitäten … Herr R. wiederum, ein Ur-Wurzener, der sich in seiner Heimatstadt kritisch einbringt, schildert die von ihm diagnostizierte kulturelle Blindheit heimischer Politiker, die dazu führe, dass unverständliche oder sogar fatale Schwerpunkte gesetzt würden, das optisch heruntergekommene Gebäudeensemble (Haus Seepferdchen Wurzen), in dessen Hof wir sitzen, dient ihm dafür als beredtes Beispiel. Aber noch ein anderes Thema treibt ihn um, er kümmert sich um die schlesisch-stämmige Gemeinschaft der Region, die durch die gleichen Verteibungs- und Fluchterfahrungen besonders verbunden ist, da seine eigenen familiären Wurzeln zum Teil in Schlesien liegen. Am Ende unseres Treffens denkt er sogar laut darüber nach, ob es für ihn nicht an der Zeit wäre, zu diesen Wurzeln zurückzukehren … Der junge Syrer A. nimmt genau dieses Bild auf, durch seine Flucht nach Deutschland fühle er sich wie ein Baum ohne Wurzeln, obwohl er schon einige Jahre hier lebt und gut deutsch spricht. Ein solcher Baum ist schwach und kraftlos, sagt er … In der abschließenden Runde ist es Frau J., die A. noch einmal direkt adressiert, ihm Kraft wünscht und ihm die Daumen drückt, dass er bald eine Ausbildungsstelle finden möge.

Als ich am Abend nach Hause fahre, kann ich die Energie dieses Raumes, den wir gemeinsam geschaffen haben, indem wir uns aufeinander einließen, uns öffneten und jedem achtsam zuhörten, mit Händen greifen, so stark ist sie.

Auch meine 2. Reise zum Erzählraum macht das deutlich: die GDL streikt, unzählige Bahnverbindungen sind ersatzlos gestrichen, aber zwei Züge fahren, nämlich der eine, der mich pünktlich nach Wurzen und der andere, der mich pünktlich zurückbringt … Der Teilnehmerkreis ist diesmal klein, was uns nicht davon abhält, uns intensiv unserem Thema – Humor – zu widmen. Doch bevor wir beginnen, stelle ich noch einmal ein Bohmsches Dialogprinzip in den Mittelpunkt: In Schwebe halten: Wenn wir unser Wissen als Konstrukt erkennen, können wir unsere Annahmen und Bewertungen sichtbar machen, sie vor uns aufhängen, sie so in der Schwebe halten und suspendieren und uns dadurch weiter auf das einlassen, was von Anderen gesagt wird.

Bei diesem Thema ist natürlich der Hausherr, Joachim Ringelnatz, sofort mit anwesend, und seine Dichtung ist genau davon geprägt: er spießt mit spitzer Nadel auf, er stellt dar, aber er bewertet nicht. Außerdem zeigt auch er, dass Humor und Ernst untrennbar zusammengehören. Im Gespräch erinnern wir uns an subversive DDR-Witze und leichtfüßige Begebenheiten, um kurz darauf in existentiellen generationenübergreifenden Erzählungen anzukommen. Wir erkennen, dass Humor Augenhöhe schafft, im gemeinsamen Lachen ist keine Hierarchie möglich, während Ironie verletzend oder als Machtinstrument eingesetzt werden kann. Im weiteren Nachdenken über Macht sagt Herr A.: Menschen spielen Gott, sie teilen ein in gut und böse, in richtig oder falsch. Frau H. spricht von der Erfahrung der Ohnmacht, wenn ihr jemand autoritär oder übergriffig entgegentritt und wie sehr sie sich dann wünsche, in der Lage zu sein, zum Beispiel ironisch zurückzubeißen. Wohingegen Frau V. betont, wie wichtig es wäre, nicht dem Kampf-Impuls zu folgen, sondern der Situation mit Humor oder auf andere Weise die Spitze zu nehmen – das könnte zu mehr Frieden führen. Am Ende gehen wir mit dem Bewusstsein auseinander, wie wichtig das Lachen ist, dass es ohne Humor kein richtiges Leben gibt …

Trotz der bereits beschriebenen starken Energie des Erzählraums muss die 3. Veranstaltung aus Mangel an Teilnehmern ausfallen. Das ist schade, zeigt aber gleichzeitig auch deutlich, welche Herausforderung ein solches Format für uns geworden ist. Denn intensive Begegnungen in einer Gruppe lassen sich nicht kontrollieren oder durchplanen, alle Teilnehmer müssen sich für einen gemeinsamen Prozess öffnen und bereit sein für einen wirklichen Kontakt. Darin eingeschlossen liegt die Bereitschaft, sich zu zeigen wie man ist, verletzlich, unvollkommen, mit Irrtümern und Fehlern auf der eigenen Lebensreise, aus denen gelernt wurde oder auch nicht …

In der letzten Veranstaltung zum Thema Licht beginne ich erneut mit einem Bohmschen Prinzip: Partizipieren: Wenn ich wirklich zuhöre, kann ich teilhaben an etwas Größerem, ich kann teilhaben am Wesen meines Gesprächspartners, meiner Gesprächspartnerin, und wir können in einen gemeinsamen, erfrischenden Fluss von Austausch eintreten, der im Moment entsteht und nicht aus der Erinnerung erzeugt ist. Sehr schnell ist die Gruppe diesmal direkt in der biographischen Dimension, vor allem, was die Kindheit betrifft. Nur ein Teilnehmer beschreibt sein Heranwachsen als glücklich, als hell, indem er vom Aufwachsen in großer Freiheit berichtet, mit den Großeltern nahebei, die als Hausmeister der Domschule Wurzen arbeiteten, was bedeutete, dass den Kindern an den Wochenenden die Schule und das ganze Gelände allein gehörten. In seiner Schilderung wird bei aller Begeisterung deutlich, dass es reines Licht oder Dunkel niemals gibt, denn von Anfang an ist sein Leben auch durch eine Krankheit geprägt gewesen. Alle Anderen beschreiben ihre Kindheit als düster, es ist von seelischem Missbrauch, von emotionalem Krieg, von Gewalt und Armut die Rede, was in der Aussage von A. gipfelt, dass der Krieg in Syrien ihm und seinen Geschwistern die Möglichkeit gegeben habe, dem häuslichen Krieg zu entfliehen und in anderen Ländern ein eigenes Leben aufzubauen. Frau H. wirft die Frage auf, wie es uns gelingen kann, den Blick auf die eigene dunkle Vergangenheit zu verändern, im gemeinsamen Nachdenken darüber ist vom Durcharbeiten des Schmerzes die Rede, das helfen kann, mit der Geschichte, mit der Herkunftsfamilie Frieden zu schließen. Die Fakten, das Geschehene lassen sich nicht verändern, wohl aber die Sicht des Betroffenen darauf. Und daraus wiederum kann Licht erwachsen in Form von innerer Kraft, von Freiheit und Selbstermächtigung.

Am Ende mündet unser Gespräch aus der seelisch-geistigen Sphäre in ein ganz praktisches Nachdenken und Unterstützen von A., damit dieser seinem sehnlichen Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit/ Ausbildung näherkommen kann.

Erzählraum Wurzen – ein Moment des Innehaltens, der Begegnung, eine Keimzelle für weitere Entwicklungen an der Peripherie, wo, wie der Schweizer Architekt Gion A. Caminada es beschreibt, große Potentiale liegen; mitunter mehr als in den hektischen, überhitzten und beliebig gewordenen Zentren, in denen nicht nur die Architektur austauschbar geworden ist. Oder um noch einmal Joachim Ringelnatz selbst zu Wort kommen zu lassen:

Doch hier – das tolle Welt- und Großstadtleben/ Zermürbt mich ganz und gar./ Übrigens: Wurzen liegt nicht weit daneben,/ Die Stadt, wo meine Mutter mich gebar …

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