Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Fließen

Ein Tag, der sich von seinen sehr heißen Vorgängern dadurch unterscheidet, dass die Stimmungen wechseln, mitunter ist es geradezu kühl mit leichtem Wind, ich bin darüber erleichtert, denn der literarische Spaziergang, den wir an diesem 10.7.22 vorhaben, ist aus verschiedenen Gründen recht anspruchsvoll.

Heute habe ich eine Schriftstellerkollegin an der Seite, die 2009 als Stadtschreiberin in Dresden war und die Erzählungen, Romane, Essays sowie das Langgedicht Sommer in Dresden veröffentlichte: Dorothea Dieckmann.

Vom Treffpunkt Marien-/Stauffenbergallee aus gehen wir zunächst an den Gebäuden der Albertstadt vorbei, jenem Gelände, das vor über 100 Jahren als eigenständige Militärstadt errichtet worden war und in dem sich inzwischen die Offizierschule des Heeres befindet, in die Heide hinein. Die 1. Lesestation habe ich direkt gegenüber des Sowjetischen Garnisonfriedhofs gewählt, wo sich die Teilnehmer auf einem am Boden liegenden Baumstamm niederlassen können, was in diesem Moment besonders hilfreich ist, weil es jetzt eine Verzögerung gibt: drei weitere Spaziergänger haben den Treffpunkt verpasst und stoßen nun verspätet zur Gruppe dazu.

Nachdem alle einen Platz gefunden haben, liest Dorothea Dieckmann eine Passage aus ihrem Buch Harzreise, in dem sie nicht nur eine tatsächliche Reise, sondern ebenso Erinnerungen und Vorstellungsräume jenseits des Todes beschreibt: Der Vater ist gestorben, Dieckmann taucht zusammen mit ihrem Begleiter Juri in die Vergangenheit ein, wobei ein 1933 gemaltes Bild von Alfred Loges (1871-1946) aus dem Besitz des Vaters zum Leitfaden wird: Zwei Einschläge waren es gewesen, von der einen Seite die Liebe, von der andern der Tod, in dieser Reihenfolge. Und dann umgekehrt: zuerst das Begräbnis im Süden, dann die Fahrt hinaus in den hohen Sommer, nach Osten. Juri und ich fuhren über die verschwundene Grenze … Juri und ich rannten und rätselten im Niemandsland herum, zwischen lauter nackten Zeichen – Pflastersteinen, Mauern, Holz, rostigem Metall – und ihrer unsichtbaren Bedeutung. Mein eigenes Dasein, von den stolpernden Füßen bis zu den suchenden Augen, kam mir komisch vor, leicht und falsch. Der Himmel war hellgrau, glatt und nichtssagend. Ich spürte keinen Verlust. Ich sah nur die Lücke, die der Lebende mit sich herumgetragen hatte, sah sie jetzt, wo er tot war und nichts mehr trug. (S.13f)

Ich hatte Dorothea Dieckmann ganz intuitiv ausgewählt, denn ich kannte im Vorfeld weder sie noch ihre Literatur. Als ich Kontakt zu ihr aufnahm, bekundete sie sofort ihre Bereitschaft, nach Dresden zu kommen, um einen Spaziergang mitzugestalten, und sie wünschte sich die Route über Garnisonfriedhof hinab zur Prießnitz, dem kleinen Fluss, der in seinem Tal von Klotzsche bis zur Elbe den größten Teil des Weges durch die Heide fließt; sie erklärte mir, dass umstrittene, widersprüchliche Orte sie in ihrer Zeit als Stadtschreiberin besonders bewegt hätten, auch deshalb, weil der Riss durch die Einwohnerschaft wegen des Baus der Waldschlößchenbrücke für sie noch sehr spürbar war – die Diskussionen um Erhalt oder Aufgabe des sowjetischen Friedhofs bzw. seines Nordflügels wurden damals und werden heute geführt … Anhand dieser Themen ergab sich schnelll eine Textauswahl zu metaphysischen Fragen wie Vergänglichkeit, wie Leben und Tod, Natur und Stadt. Bei ihrer ersten Lesung nun steht Dorothea Dieckmann so, dass wir Zuhörer die ganze Zeit an der Autorin vorbei den Blick auf den Friedhof haben mit seinem großen gusseisernen Eingangstor und dem 16m hohen Obelisken von Friedrich Preß (1904-1990), der links zwischen den Kiefern hindurch zu sehen ist.

Der Weg zur 2. Lesestation ist kurz, wir gehen auf das Gelände des Friedhofs, wo wir uns unterhalb des Obelisken inmitten der Kriegsgräberreihen im Halbrund einiger Bänke versammeln. Hier lese ich aus dem Anfang meines Romans Garbald in Dresden, in dem eine der Hauptfiguren, Hanna Gefrees, in einem quadratischen Haus neben dem Nordfriedhof wohnt und als Friedhofsgärtnerin arbeitet. Auf jedem der rechteckigen grauen Steine konnte sie einen Namen erkennen und Daten, das Gold der kyrillischen Buchstaben aber war längst verblichen. Obwohl Hanna auf diesem Gelände keine Aufgaben hatte, zog es sie oft zum Sowjetischen Garnison-Friedhof auf der anderen Seite des Kannenhenkels, und immer hatte sie das Gefühl, all die blutjungen Russen und Armenier und Tschetschenen und … zu besuchen, ihnen Gesellschaft zu leisten in ihrer militärisch exakt ausgerichteten letzten Ruhe. Dabei ahnte sie, dass wohl nicht nur in den mit „Unbekannt“ beschrifteten Gräbern anonyme Gebeine liegen mochten … Trotzdem spürte Hanna all die Seelen, die einmal Alexej, Pjotr oder Dmitri geheißen hatten und sie gab ihnen einen Platz am Rand der Dresdner Heide, weil sie sie nicht vergaß. (S.42)

Im Folgenden haben wir alle Zeit, die beiden Lesungen in uns wirken zu lassen oder uns darüber auszutauschen, denn jetzt gilt es, den Kannenhenkel entlang und danach einen längeren, manchmal steilen Waldweg hinab zur Prießnitz zu gehen, wo wir an einer ihrer historischen Steinbrücken (der Kannenhenkelbrücke) ankommen. Unmittelbar daneben befindet sich wiederum ein liegender Baumstamm, der als Sitzgelegenheit dienen kann, Dorothea Dieckmann, die nun aus ihrem aktuellen Buch Das Land mit seinen Kindern – Ein Nachtbrief lesen wird, entscheidet spontan, sich direkt ins Flussbett hinein auf eine trockene Sandstelle zu positionieren, weil sie gern zu uns aufblicken möchte. Wir hocken, sitzen, stehen am Ufer der Prießnitz, deren Wasser unaufhörlich reden und plätschern: … daß ich als Vorfahrin schreibe, hinausfahrend, während du in die Ferne rückst und mit dir die, die ich war: ‚das Land mit seinen Kindern‘, von dem ich ausgezogen bin … Wer du bist, sein wirst, wer ich gewesen bin, geworden wäre undsoweiter, alle die Fragen nach dir und mir klingen dünn und horizontfern wie Hilferufe von Seefahrern, die weit vor der Küste Schiffbruch erlitten haben. Laute aus vollem Hals, aber kaum vom Grundrauschen zu unterscheiden. He, wer da? Ist da jemand? Zwischen lauter Unbekannten suche ich nach einer Antwort auf diese fernen Stimmen, je suis, je suisse, oui, suis … eine Sprache, die das ungreifbare Element überbrückt oder unterläuft, das stehend-fließende, mich von mir und dir trennende, das Meer, die Zeit. (S. 74)

Ein magischer Moment, ein Ineinanderfallen von Literatur und Landschaft, von Lesen und Zuhören; alles fließt, sagt jemand leise. Die Teilnehmer verweilen, sie sind untereinander oder mit der Schriftstellerin im Gespräch, ich habe einige Mühe, die Gruppe zum Weitergehen zu bewegen. Eine eindrucksvolle Eichenallee nimmt uns auf, wir kommen auf dem Waldweg parallel zum Fluss nach kurzer Wanderung zu einer Lichtung, die unsere 4. Lesestation wird. Jetzt werfe ich den Anker aus in die Ferne, indem ich einen Auszug der biographischen Darstellung Johanna Garbalds (1840-1935) lese, jener Schweizer Schriftstellerin, deren Leben und Werk ich mit in meinen Roman hineingewoben habe. So reisen wir nun an ein anderes Flussufer, das der Maira nämlich, im kleinen Grenzort Castasegna in Graubünden (Bergell) und staunen gemeinsam über die Bildung, das Selbstbewusstsein und den Humor der 20jährigen Johanna und ihres 14 Jahre älteren Bräutigams Agostino: … Und was für eine grössere Schande könnte es wohl für die Frauen geben? Früher wurden solche, welche etwas mehr Scharfsinn verriethen, als die gewöhnlichen, als Hexen verschrien, heut zu Tage stehen sie in dem Geruch der Gelehrsamkeit. Deine Johanna (die auf dem besten Wege steht, an Deiner Hand eine Hexe zu werden) … Liebste, Du bist schon jetzt eine Hexe, brauchst es nicht erst an meiner Hand zu werden! … Du stellst keine Gerichte zusammen auf den Tisch, deren Namen sich nicht reimen; ich frage nach dem darin enthaltenen Eiweiss und Kleber … Wahrlich, wenn das Sprichwort: ‚Die Extreme berühren sich‘ je richtig ist, so ist es, wenn wir einander umarmen! Dein Augustin. Gar bald Dein Männchen. (S.49f)

Zum Schluss halten wir direkt am gewaltigen Prießnitztalviadukt inne, über das die Stauffenbergallee führt, an der wir unseren Spaziergang begonnen haben. Wir finden noch einmal Platz auf den Stammteilen eines alten Baumes, jener sicher hundertjährigen Buche, die beim letzten Sturm in doppelter Mannshöhe abgebrochen ist. Dorothea Dieckmann schenkt uns einen ihrer Engel (Wie Engel erscheinen, 1994) für den Heimweg, ich danke allen Anwesenden für ihre achtsame, ko-kreative Teilnahme.

Als wir schließlich den kleinen Holzsteg über die Prießnitz überqueren, um uns wieder der Stadt zuzuwenden, rauscht uns auch der Fluss ein Abschiedswort nach …

Dieckmann, Dorothea: Harzreise. Eine Erzählung. weissbooks 2008

Dieckmann, Dorothea: Das Land mit seinen Kindern. Ein Nachtbrief. Arco Verlag 2021

Hauthal, Uta: Garbald in Dresden. Roman. NOTschriften Verlag 2017

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