Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Freundschaften

Mit graziler Bewegung schwingt das kupferne Mädchen über ihren Kopf einen Schirm, von dessen Rändern Wasser fließt, das bei auffrischendem Wind kühlende Tröpfchen in der Luft verteilt. Im Halbkreis um diese Brunnenfigur der Dresdner Künstlerin Małgorzata Chodakowska versammelt sich am 14.8.2022 eine größere Gruppe von Menschen ganz unterschiedlichen Alters, die alle neugierig sind auf einen literarischen Spaziergang im Zeichen der beiden Schriftstellerinnen Annemarie Reinhard (1921-1976) und Auguste Lazar (1887-1970).

Diesmal habe ich die Veranstaltung Die Zaubertruhe genannt, nach dem in den 1960er/1970er Jahren in der DDR erschienenen Almanach für junge Mädchen, der immer wieder Erzählungen und Essays von Reinhard und Lazar enthält. Ich habe zunächst die Geschichte Das letzte Heft ist meins ausgewählt, mit deren Lesung ich nach einer kurzen Einstimmung mit Fotos und biographischen Hintergründen der beiden Schriftstellerinnen beginne.

Als mich und das antiquarische Buch in meinen Händen gleich darauf feine Tropfen treffen, braucht es einen Moment bis ich begreife, dass diese nicht vom Brunnen stammen, sondern dass es sich tatsächlich um Regen handelt. In dieser erneuten Phase heißer trockener Sonnentage wird Regen zum unbegreiflichen Wunder. Ungeachtet der Freude über die Himmelsgabe muss ich jetzt schnell den Almanach schützen, deshalb stellt sich sogleich eine Teilnehmerin mit Schirm direkt neben mich, sodass ich weiterlesen kann. Aber wenige Minuten später klappen wir – leider – die Schirme wieder zusammen, der kurze Regenguss ist vorbei, er wird von zunehmend schwüler Hitze abgelöst.

Von all dem unbeschadet hat sich mittlerweile Reinhards Geschichte angefangen zu entfalten, in der die 14jährige Ich-Erzählerin von ihrer Not berichtet, dass sie dringend eine gute Zensur in Deutsch braucht, nachdem der Klassenlehrer Billy (Herr Billinger) jedoch das nächste Hausaufsatzthema verkündet hat, sicher ist, keine Chance zu haben, diese zu erlangen. Wege zum Beruf, heißt das Thema, und Billy wünscht sich die Darstellung von Menschen, die zielstrebig, zukunftsbewusst ihren Beruf gefunden haben. Eine blöde Aufgabe schätzt die Ich-Erzählerin ein, denn ihre eigene Berufswahl ist völlig unklar, noch dazu, wenn sie sich vorstellt, dass sie 1995 oder 2000 noch arbeiten wird – welche Professionen wird es dann überhaupt noch geben? Eine Klassenkameradin wird über die Tante, die als Richterin tätig ist, schreiben, aber werden 2000 überhaupt noch Richter gebraucht? Frank, der ihr in der Klasse am besten gefällt, hat’s gut, er weiß, dass er Architekt werden will und mit Sicherheit wird auch in Zukunft gebaut! Im Verlauf der Geschichte entwickelt das Mädchen Helga Ehrgeiz, sie möchte es allein schaffen, zu einem Menschen, der Bedeutsames leistet, Kontakt aufzunehmen. Als sie von Herrn Melchior erfährt, einem Verdienten Erfinder, der in der Bau-Union arbeitet, weiß sie, über wen sie schreiben möchte, auch wenn der Vater abrät, da sie einem so vielbeschäftigten Mann nicht die Zeit stehlen dürfe.

An dieser Stelle unterbreche ich meine Lesung, stattdessen treten wir nun den gemeinsamen Weg die Lisztstr. hinauf an. Ein vielleicht 12jähriges Mädchen gesellt sich gleich zu mir, sie spricht über ihre eigenen Leseerfahrungen, ja, dass sie auch gern eine Geschichte schreiben wolle, aber nicht genug Ausdauer besitze. Erst kürzlich habe sie die Jugendbuch-Reihe um den Helden Nik, die Annemarie Reinhards Mann Götz Gode (1905-1969) in den 1960er Jahren veröffentlichte, gelesen und sie sei begeistert davon. Schließlich redet sie noch von einer generellen Beobachtung, die ich zu fassen versuche, denn sie selbst findet nicht leicht Worte für das, was sie meint. Das Mädchen erläutert, dass es in modernen Büchern immer gleichmäßig fortlaufe, während es in alten Geschichten auch nach oben gehe. Vermutlich bezieht sie sich auf Handlungsverlauf und Dramaturgie, und ich staune, dass ein Kind eine tiefere Schicht des Erzählens intuitiv zu verstehen vermag. Im Nachhinein wundere ich mich dann allerdings mehr über mich selbst, denn warum sollte ein Kind nicht begreifen – mitunter vielleicht sogar viel mehr als wir Erwachsenen? …

An der August-Bebel-Straße machen wir halt, ich setze die Lesung fort. Die Ich-Erzählerin muss einige Umwege bewältigen, aber zuletzt findet sie Zugang zu Herrn Melchior, der auch bereit ist, über seinen Werdegang zu sprechen. In ihrem Aufsatz verknüpft Helga das, was sie gesehen und wen sie getroffen hat miteinander, sodass sie unterschiedliche Entwicklungsperspektiven darstellen kann. Billy bewertet ihre Arbeit mit einer glatten Eins, was Helga sehr stolz macht.

Danach ergibt sich ein kurzes Gespräch mit den Teilnehmern über die Zukunftsgedanken zum Jahr 2000, die Annemarie Reinhard ihrer jugendlichen Heldin mitgibt, sowie über die Frage, inwieweit eigene Erfahrungen in die Geschichte eingeflossen sein mögen. Es wird angenommen, dass die eine oder andere reale Person die Schriftstellerin inspiriert haben wird und aus dem eigenen Schreiben heraus verweise ich auf Juli Zehs stimmiges Bild, das eigene Leben sei ein Steinbruch für die Literatur, aus dem der Autor herauslöse, umforme, neu zusammenfüge, erweitere …

Wir setzen unseren Spaziergang weiter hinauf fort, queren Teplitzer Straße und Zellescher Weg und erreichen dahinter die stille Donndorfstraße. Bei meiner Vorbereitung habe ich an der nächsten Kreuzung zwei kleine Bänke entdeckt, hier lassen wir uns zur 3. Lesung nieder. Diesmal nehme ich Die Zaubertruhe von 1970 zur Hand, in der ein Text Reinhards über Auguste Lazar (1887-1970) steht: Sie hat Kinder aufgenommen. Die beiden Schriftstellerinnen waren über viele Jahre hinweg sowohl künstlerisch-intellektuell als auch persönlich und ideologisch eng miteinander verbunden.

Vor allem als Verfasserin der Sally Bleistift in Amerika (Moskau, 1935) hat Lazar viel Post von Kindern bekommen, die sie, so oft es möglich war, auch beantwortet hat. Annemarie Reinhard berichtet von einem längeren Briefwechsel mit dem Mädchen Andrea aus Thüringen, das sitzengeblieben war und nun keinen Mut mehr hatte, es hielt sich für dumm und wollte die Schule nach der 7. Klasse verlassen. Tante Gusti wird zur Vertrauten des Kindes, sie spornt das Mädchen an, redet ihm gut zu, ringt sich selbst immer wieder Briefe ab, obwohl es ihr gesundheitlich nicht gut geht, die Hände zittern. Als Andrea wieder etwas Zutrauen fasst und beschließt, die 8. Klasse doch zu versuchen, freut sich die Schriftstellerin darüber genauso wie über das Erscheinen ihres letzten Buches Akelei und das Wurzelmännchen.

Die letzte kurze Etappe führt uns die Donndorfstraße entlang zum Haus Nr. 41, dem Wohnhaus Auguste Lazars, das sie, zurückgekehrt aus dem englischen Exil, bis zu ihrem Tod bewohnt hat. Ein kleines, schlichtes, zweistöckiges Haus mit Garten dahinter; nebenan wohnt die im Gegensatz zu Lazar recht divenhafte Malerin Lea Grundig (1906-1977) …

Die Autorin, die sich mit viel Liebe den Kindern widmet, kann auch ungemütlich werden. Das zeigt sich im Brief an eine Germanistikstudentin vom 18.1.1970, in dem es heißt: …Mir scheint, dass es interessantere Gesichtspunkte gibt als Ihre Fragen, die offenbar, unabhängig von der Person und dem Werk des Schriftstellers, von Ihnen und Ihren Kommilitonen gestellt werden. Sogar in Kinderbriefen, von denen ich hunderte besitze und immer weitere erhalte, finden sich oft originellere Fragen …

Zum Schluss lese ich Lazars Brief an ein Mädchen, das gefragt hat, wie wahrheitsgemäß die Sally Bleistift sei. In dieser, in der Zaubertruhe abgedruckten, ausführlichen Antwort, beschreibt die Autorin das Zusammenspiel von persönlicher Begegnung, Recherche, eigener Inspiration und Erfahrung, das letztlich zu einem Buch führen kann, das durch seine innere Wahrheit weit über die Person des Schriftstellers hinausweist. Und so gelangen wir mit dem Text zurück zu der schon vorher im Zusammenhang mit Das letzte Heft ist meins diskutierten Frage, was alles zur Entstehung von Literatur beiträgt. Außerdem zeigt dieser Brief besonders deutlich, dass Auguste Lazar Kinder nicht nur auf- sondern vor allen Dingen ernstgenommen hat.

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Wir waren Gäste zu einem literarischen Spaziergang mit Uta Hauthal im schönen Dresden. Dieser Spaziergang lockte uns auf besondere Weise, da Frau Hauthal diesmal auf den Spuren unserer Tante bzw. Großtante Annemarie Reinhard und ihrer lieben Freundin Auguste Lazar wandelte.
Es war sehr berührend, aus Texten gelesen zu bekommen, welche zukunftsweisend ein Bild der 2000er Jahre malten, wenn man im Jahre 2022 zurückblickt. Unsere Tochter, welche gerade das Abitur abgelegt hatte, fühlte sich seelenverwandt abgeholt von der jugendlichen Protagonistin Helga aus dem Text Das letzte Heft ist meins aus der Zaubertruhe von 1970, die zur Aufgabe hatte, einen Aufsatz zur Berufswahl zu verfassen.
Ein Geschenk war auch der Einblick in den Briefwechsel Auguste Lazars mit Andrea aus Thüringen, welche sich durch die einfühlsame Konversation immer wieder rührend motivieren konnte, ihre schulische Laufbahn nicht zu früh aufzugeben.
Ich konnte weder meine Großtante Annemarie Reinhard noch Auguste Lazar kennenlernen, erhielt aber durch diesen bewegenden und bewegten Spaziergang die Möglichkeit, ein Stück in die literarische Vergangenheit dieser beiden Autorinnen zu reisen. Dies war ein wirklich großes Geschenk für mich und ganz sicher auch für meine Familienmitglieder, welche auch zugegen waren.
Vielen Dank an Uta Hauthal für dieses unvergessliche Ereignis.

Anne Grökel (geb. Petzoldt) und Familie

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