Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Frühling

Unbeirrt machen sich Knospen und Blüten auf den Weg, betupfen Strauch und Baum und Halm, obwohl die Nächte immer wieder kalt oder gar eisig sind. Mir geht es ähnlich, ich fühle mich kräftig verwurzelt, jeden Tag überrasche ich mich selbst mit neuen Einsichten, mit einem Aha! in Seele oder Geist, aber mein Körper, der Stamm, friert manchmal noch.

Der Übergang braucht dieses Jahr Zeit, länger als sonst, scheint mir. Zwar ist der Winter hier besonders mild gewesen, aber das bedeutet offenbar nicht, dass er schnell überwunden und losgelassen werden kann, womöglich ist durch den fehlenden Kontrast der Prozess sogar erschwert. Gibt es große Kälte und viel Schnee, sehnt sich irgendwann die ganze Natur so sehr nach Frühling, dass er einfach kommen muss und auch eintrifft, ist es überwiegend angenehm und freundlich, bleibt die Frage offen, wo es jetzt eigentlich hingehen soll …

Indigene Völker gestalten jeden Übergang mit Ritualen, denn sie leben noch ganz in dem Bewusstsein, dass Altes erst sterben muss, ehe Neues beginnen kann.

Loszulassen fällt schwer: ein Freund hat sich abgewendet und ist nicht mehr erreichbar; der alte Baum, an dem ich so oft gelehnt, mit dem ich gesprochen habe, ist gefallen; die Wohnung, in der ich lange gelebt, muss verlassen werden; das Kind geht aus dem Haus und gestaltet sein eigenes Leben; der Vater verabschiedet sich in eine andere Welt … Etwas stirbt in mir mit und wenn ich genau hinsehe, genau hinspüre, dann passieren diese – manchmal winzig kleinen – Sterbensprozesse jeden Tag, nämlich immer dann, wenn etwas Vertrautes, Gewohntes aufhört zu sein. Ich habe nun die Wahl, ob ich in der Empfindung des Verlustes stehenbleibe und mich damit letztlich als Opfer begreife oder ob ich mich auf den Weg mache, die Tür zu finden, die sich durch das Zufallen der alten öffnet.

Die eingangs angesprochene Verwurzelung ist in meiner Kunst langsam und stetig gewachsen, seit der Beschäftigung mit meinen Johannen erlebe ich sie als unzerstörbar: Johanna Garbald (1840-1935), Schweizer Schriftstellerin (s. Roman Garbald in Dresden, 2017) und Johanna Marie Lankau (1866-1921), Dresdner Schriftstellerin (s. Dresdner Spaziergänge auf den Spuren von Schriftstellerinnen des 20./21. Jh.). Denn diese Beschäftigung hat mich in innere Unabhängigkeit und damit zur eigentlichen Essenz geführt: In all meinem Tun, meiner Arbeit, meinem ganzen Sein geht es nicht um ein Außen, es geht weder um Erfolg noch Anerkennung noch Preise oder Applaus, sondern es geht um das An-Sich.

Bereits während all der Jahre, die ich im staatlichen Schuldienst aushielt, wunderte ich mich immer wieder darüber, dass es Kollegen gab, die nur darauf hinarbeiteten, anlässlich eines Klassen- oder Kursabschlusses von den Schülern gebührend gefeiert zu werden, für manche war dieses Gefeiert-werden geradezu der entscheidende Maßstab ihrer Arbeit. Und Vergleichbares gibt es ebenso im Literatur-, ja, im gesamten Kulturbetrieb. Narzisstische Strukturen, die dazu führen, dass es all die ihre Bedeutung maßlos überschätzenden Theaterleute, Festivalveranstalter, Kinofritzen, Performancer, Biennale-Profis und so weiter und sofort, deren Marketingknechte falsche Versprechen zur existenziellen Bedeutung der gigantischen Überproduktion fürs aktuelle und zukünftige Wohl der Weltbewohner über sämtliche Kanäle hinausposaunen, gibt, wie die Potsdamer Autorin Bärbel Dalichow eindrucksvoll formuliert. (Dalichow, Bärbel: Abseits mit Montaigne, 2020; Auszug veröffentlicht in https://nachhall.net/). Und das führt wiederum zu einer Quantifizierung (nur Masse ist gut – Bestseller, hohe Verkaufszahlen, tausende Klicks und Likes usw.) und damit zur Vernichtung von Differenzen.

Mein Weg ist ein völlig anderer (geworden), und dafür bin ich sehr dankbar. So ist für mich das Wichtigste an meinem Roman einerseits die Verbindung zu Johanna Garbald, die existiert und bleibt, obwohl die Fondazione Garbald mich ignoriert und meinen Roman ablehnt, und andererseits der transgenerationale Heilungsprozess, den ich mit der Lorenz-Handlung (Dresden 1920-1960) anstoßen konnte und der für mich bis in die Urgroßelterngeneration spürbar war und ist.

Und bei den kleinen Gruppen, die sich zu den literarischen Spaziergängen einfinden, kommt es auf die Stimmen der Autorinnen und das Miteinander der Teilnehmer an, wozu es einen offenen, integrierenden Raum braucht, in dem jeder Einzelne sich auf seine eigene Weise einbringen kann. Meine wichtigste Aufgabe ist es, diesen Raum zu schaffen, zu halten und gemeinsam mit den Anwesenden ko-kreativ zu füllen; um mich als Person geht es nicht.

Die Quantifizierung bestimmt mittlerweile unsere gesamte Weltsicht; im Aufmerksamkeitskampf der Medien zählt wiederum nur das Massenhafte. Und schauen wir uns das Massenhafte zum Beispiel der öffentlich-rechtlichen Medien (TV, Radio, Print) an, so scheint es, als befänden wir uns in einem ständigen Kreislauf von Krisen, Hunger, Angst, Zerstörung, Krieg, Mord, Unfall, Tod. Das Eisige dieser Frühlingstage.

Aber unbeirrt machen sich Knospen und Blüten auf den Weg, betupfen Strauch und Baum und Halm … der Nachbar lächelt freundlich, als ich ihn grüße, die balzende Meise überrascht mit Glockentönen im Gebüsch, die uralte Platane breitet ihre mächtigen Äste, als wollte sie zu einer Umarmung ansetzen, die Magnolien halten ihre üppige Schönheit …

Wir haben die Wahl.

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