Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Geburt

Nach Monaten des Wachsens, Reifens und Heimischseins im Mutterleib kommt für das Kind der Moment, in dem es weniger den Schutz und die Geborgenheit als vielmehr die zunehmende Enge spürt, dann setzt es den Impuls, seinen Weg ins irdische Leben hinein zu vollenden. Die Mutter empfängt diesen Impuls, die ersten Wehen setzen ein, die noch in großen Abständen kommen und leicht sind. Damit hat ein Prozess begonnen, der willentlich nicht steuerbar ist, sondern auf den es sich einzulassen, dem es sich hinzugeben gilt.

Die Wehen verstärken sich, die Frau probiert immer wieder neu aus, was ihr guttut, vielleicht nimmt sie ein Bad oder steigt Treppen, vielleicht stützt sie sich irgendwo ab oder lehnt sich an eine Wand, um durch eine Wehe zu gehen. Meist kopfüber ist unterdessen das Baby auf seinem Weg nach draußen, es schiebt sich tiefer und tiefer und dehnt dadurch den Muttermund soweit auf, dass schließlich sein Köpfchen hindurchpasst. Wenn es nicht schon geschehen ist, platzt jetzt möglicherweise die Fruchtblase, was den Druck noch einmal erhöht, da das Kind nicht mehr von einer Art Luftkissen umhüllt ist; es muss sich im Folgenden zweimal drehen, um seine Reise durch das mütterliche Becken fortzusetzen und um letztlich mittels der heftigen Presswehen sowie dank einer Überstreckung seines Kopfes ins Freie zu gelangen. Obwohl wir in unserer Sprache davon reden, dass ein Kind geboren wird, machen diese Zeilen bereits deutlich, dass es ohne eine intensive Kommunikation zwischen Baby und Mama und ohne aktive Beteiligung des Kindes nicht geht: es handelt sich in gleichem Maße um einen Prozess des Sich-Gebärens wie des Geboren-Werdens. Eine Geburt gleicht einer Naturgewalt, sie ist voller Eigenheit und Würde und sie schließt das Erleben von großem Schmerz mit ein.

Sehen wir uns die Praxis in Deutschland (und nicht nur dort) an, zeigen sich einerseits erschreckend andere Realitäten: Hebammen in Krankenhäusern berichten von werdenden Müttern, die sich mit Opiaten vollpumpen, weil sie den Schmerz der Geburt nicht ertragen können oder wollen, ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verwenden, welche Folgen das für ihr Kind haben könnte; es gibt Frauen, die ihr Kind ablehnen, weil ihm z.B. eine Hand fehlt oder die einen Zwilling zur Adoption freigeben, weil sie schließlich nur ein Kind wollen … Vielerorts gibt es den Kaiserschnitt als Wunschgeburt, da das schnell und planbar geht, was bedeutet, dass ein Krankenhaus mit einer Sectiorate von 17% die Ausnahme, während 50 oder gar 60% die Regel sind (insgesamt wird davon ausgegangen, dass in Deutschland ein Drittel aller Kinder mit Schnittgeburt zur Welt kommt). Andererseits nimmt die Tendenz zu, dass Frauen ins Geburtshaus gehen oder zu Hause gebären, weil sie ihr Kind achtsam, selbstbestimmt und fern jeder Apparatemedizin zur Welt bringen möchten. Hier sei der französische Gynäkologe und Geburtshelfer Frédérick Leboyer (1918-2017) zitiert, der bereits 1974 feststellte, dass eine Geburt ein zutiefst lebendiger und gesunder Vorgang sei, der nicht in ein Krankenhaus gehöre und keinen Arzt brauche, es sei denn, es würden Komplikationen auftreten (Leboyer, Frédérick: Geburt ohne Gewalt, Goldmann 1974).

Angesichts dieses komplexen Themas, das ich hier natürlich nur in ausgewählten Aspekten anreißen kann und bei dem ich versucht habe, die Perspektive des Babys stärker in den Fokus zu nehmen, frage ich mich, was mit Neugeborenen passiert, die plötzlich aus der schützenden Hülle heraus ins OP-Licht gezerrt werden; die nicht die Erfahrung machen, dass sie ihre Geburt mitbestimmen und sich durch den engen Geburtskanal hindurcharbeiten können. Ich frage mich, wie ein Neugeborenes die unfassbare Gewalt der Trennung von seinem Zwilling oder der Ablehnung durch die Mutter am Anfang seines Erdenweges zu verarbeiten vermag.

Gleichzeitig jedoch wird mir die Parallele zu unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation mehr als augenfällig, denn meiner Überzeugung nach lässt sie sich auch als eine Zeit der Geburt auffassen: Wir befinden uns kollektiv auf dem Weg in ein neues Bewusstsein und der scheint mir um nichts leichter als der des Kindes durch den mütterlichen Leib; er erfordert, dass wir uns unter Schmerzen von dem trennen, was bekannt und gewohnt ist, alte Strukturen müssen absterben und wir müssen uns auf ein Neues, Unbekanntes einlassen. Im Moment könnte man das Gefühl eines Geburtsstillstandes haben, alles scheint in vertrauten Bahnen weiterzugehen, Wahlen finden statt mit erwartbaren Resultaten, die Bundestagswahl rückt in greifbare Nähe, der Ausnahmezustand wurde bis zum September verlängert, weil ja immer irgendeine Mutante zur Hand ist; Geschäfte sind nach wie vor voll bestückt, inzwischen darf es ein wenig Kultur geben – so what?

Das wird sich zeigen. Denn auch beim Weg des Babys kann es Stunden geben, in denen äußerlich nicht viel passiert außer der regelmäßigen Wiederkehr der Wehen, während sich das Kind innen Zentimeter für Zentimeter weiterschiebt. Instinktiv kennt es nur eine Richtung, hinaus, auch wenn es keinerlei Vorstellung davon hat, was dieses Hinaus letztlich für es bedeuten wird. Ungesehen und in aller Stille schieben wir uns nun auch Zentimeter für Zentimeter vorwärts, denn eine gesamte Transformation braucht vor allem eines – Zeit.

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