Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Gedenken

Jedes Jahr wird in Dresden um ein Datum besonders gerungen, es wird erinnert, benutzt, instrumentalisiert, argumentiert und demonstriert, wenn es um den 13. Februar geht. An jenem Tag 1945 fielen in den Abendstunden die ersten Bomben, die später so zahlreich waren, dass sie zu dem berühmt-berüchtigten Feuersturm führten, aus dem niemand zu entrinnen vermochte und der ein Hitze abstrahlendes Trümmerfeld hinterließ.

Sowohl in Fachkreisen als auch in Teilen der Bevölkerung kursiert nach wie vor die Argumentation, dass die Bombardierung keine Kriegsnotwendigkeit gehabt habe oder sogar als Kriegsverbrechen einzustufen sei, da ihr zahllose Zivilisten zum Opfer gefallen wären. Eine mir unverständliche Sicht, weil Krieg immer zu Entfesselung führt, in der sich mit Logik und Notwendigkeit wenig ausrichten lässt. Deutschland begann 1939 diesen Krieg aus Eroberungswillen und Größenwahn, verwüstete und unterdrückte halb Europa oder, um es biblisch auszudrücken, es säte Wind und erntete Sturm; trotzdem beansprucht Dresden bis heute eine Sonderstellung oder bekommt sie zugewiesen, was letztlich nichts Anderes heißt, als dass der Geist von Goebbels einen erschreckend langen Schatten wirft. Denn der strategische Propagandaminister des Dritten Reichs erkannte sofort, wie das Bombardement zu instrumentalisieren sei: Außenpolitisch ließ er bereits am 14.2.1945 die Sinnlosigkeit der Vernichtung der unschuldigen, reinen Kulturstadt, der herausragenden europäischen Perle, verkünden, um die britischen und amerikanischen Angriffe ins Unrecht zu setzen bzw. deren Barbarei nachzuweisen. Die Dresdner selbst fanden sich auf diese Weise von jeglicher nationalsozialistischer Schuld freigesprochen und zu unschuldigen Opfern stilisiert, eine Argumentation, die auch der DDR in den folgenden Jahrzehnten noch zupass kam, da man auf diese Weise den kapitalistischen Westen zu diskreditieren vermochte. Ich habe diese Frage schon an anderer Stelle formuliert, werfe sie aber trotzdem hier noch einmal auf: Was unterscheidet die getöteten Zivilisten in Magdeburg oder Köln oder Hamburg von denen in Dresden und inwiefern fällt die völlige Zerstörung dieser und vieler anderer Städte weniger ins Gewicht als die der Elbmetropole? Und da habe ich bisher noch gar nicht nach den Frauen und Kindern und Männern Warschaus oder Stalingrads gefragt!

Die genannte Argumentation gießt zudem allen Neonazis und rechtsradikalen Gruppen reichlich Wasser auf ihre unablässig laufenden Mühlen, auch deshalb ist eine differenzierte, ehrliche Betrachtungsweise oberstes Gebot.

Dieser hat sich die Erinnnerungswerkstatt DenkMalFort! e.V. ebenso verschrieben wie der Dresdner Geschichtsverein e.V. Beide Veranstalter luden gestern vormittag zu einem gemeinsamen Gedenken auf dem Heidefriedhof ein, innerhalb des Ehrenhains, der in den 1950er und 1960er Jahren geschaffen wurde und von unpersönlichem politischem Pathos geprägt ist, wie Holger Hase von DenkMalFort!e.V. in seinen Eingangsworten feststellte. Die Veranstalter waren sich einig in dem Anliegen, den vielen Menschen, die am 13./14.2.1945 gewaltsam starben, ihren Namen zurückzugeben, persönlich an sie zu erinnern. Das nicht etwa, um die politische Schuld Nazideutschlands oder mögliche persönliche Schuld Einzelner zu relativieren oder gar unter den Teppich zu kehren, sondern um zu zeigen, dass all diese Bürger Dresdens durch den Bombenangriff gestorben sind. Viele Personen hatten sich bereiterklärt, an der Verlesung der Namen (es sind fast 4000, die zusammengetragen werden konnten) teilzunehmen, darunter auch die Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus Barbara Klepsch sowie der Erste Bürgermeister Detlef Sittel.

Bereits vor Beginn der Veranstaltung fiel mir eine Gruppe junger Menschen mit einem Plakat auf, das (in politisch korrekter Schreibweise) behauptete: Deutsche Täter*innen sind keine Opfer! Diese Gruppe von der linksjugend störte kurz darauf das Vorlesen der Namen durch laute Zwischenrufe, später durch Sprechchöre und indem sie sich lautstark unter die Anwesenden mischte. Leider demonstrierte sie auf diese Weise nicht nur ihre Befürchtung, die Veranstaltung könnte dazu gedacht sein, deutsche Schuld zu relativieren oder gar zu negieren, sondern sie demonstrierte vor allen Dingen ihr eigenes aggressives Potential und die Unfähigkeit zuzuhören. Denn in seiner Rede zu Beginn machte der Vorsitzende des Dresdner Geschichtsvereins, Dr. Justus H. Ulbricht, unmissverständlich klar, dass es nicht um die Abwehr der eigenen Verantwortung gehe, sondern um die Anerkennung des einzelnen persönlichen Schicksals. Die moralische Bewertung von Handlungen oder Überzeugungen sei das Eine, das Bewusstsein menschlichen Leidens durch die Zerstörung der Stadt das Andere.

Leider bemerkten die radikalisierten jungen Leute nicht, dass ihr Verhalten dem derjenigen, die sie selbst verurteilten, verdächtig ähnlich war: keine Achtung einem Andersdenkenden gegenüber; nur die eigenen Ansichten sind gültig. Solange wir in der polarisierenden Betrachtung Täter-Opfer stehenbleiben, solange wir unsere eigene Geschichte aus moralischer Nachgeborenen-Überheblichkeit heraus be- oder verurteilen, wird eine Befriedung, wird Transformation nicht möglich sein. Auch darauf wies Justus H. Ulbricht hin.

Als ich an der Reihe war, ungefähr 110 Namen zu verlesen, sprach ich jeden einzelnen laut und sehr deutlich. Es berührte mich, dass es sich mehrfach wohl um ganze Familien handelte, die aufgehört hatten zu existieren; und bei den Gefallenen waren nicht nur deutsche sondern auch ukrainische, russische und polnische dabei …

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