Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Geheimnis

Ich gehe in den Wald, der Boden unter meinen Schuhsohlen ist weich und sandig, an manchen Stellen muss ich vorsichtig die Füße setzen, damit das feine Korn nicht in die Sandalen kippt, unterschiedliche Vogelstimmen singen ihr jeweils eigenes Frühlings- oder Liebeslied in den Kronen der Eichen, Buchen, Erlen und Ahornbäume, das Grün der Knospen und Blätter strahlt so frisch, als hätte Gott heute Waschtag gehabt. Eine warme Mittagsstunde, ich halte inne am Beginn der Allee alter Eichbäume, die den Waldweg hier säumen, wenn ich jetzt achtsam bin, dann führt der nächste Schritt in eine andere Welt, die mit unserer irdischen tief verbunden ist, von uns aber oft nicht mehr wahrgenommen wird. Eine fühlbare, eine geistige, eine Anderswelt, die in der Poesie, in der Musik, in der Kunst gestaltet werden kann. Und auch die Quantenphysik empfängt Impulse aus dieser Richtung …

Ich begegne zwei hellen Augen. Durch sie hindurch trete ich ein in ein eigenes Reich aus Erfahrung, aus Verletzung und Liebe, aus Humor und Schmerz. Meine Augen öffnen ebenso ihr Tor, sodass plötzlich ein gemeinsamer Raum entsteht, in dem wir anfangen können, Erde umzupflügen, Samen auszuwählen und auszustreuen. Wenn wir wollen, können wir in diesem Raum zu Schöpfern werden, wir können eine eigene Welt erschaffen.

Langsam setze ich meinen Weg fort, ich atme ein, was die Bäume ausatmen, die Bäume atmen ein, was ich ausatme – auf dieser Ebene habe ich nur mit den Bäumen eine solch intensive Verbindung, mit keinem anderen Lebewesen sonst. Am Ende der Allee kann ich die alte Steinbrücke wählen, um den kleinen Fluss zu überqueren oder ich laufe weiter geradeaus am sandigen Ufer entlang. Heute entscheide ich mich für ein Drittes, ich setze mich auf einen Baumstumpf. Das Wasser des Flüsschens vor mir ist durchsichtig, es kräuselt sich um kleine Hindernisse herum, manchmal schmatzt es, als hätte es eben einen wohlschmeckenden Fisch verschluckt … Mein Körper besteht zu ca. 80% aus Wasser, auf dieser Ebene bin ich nur mit dem Fluss in solch intensiver Beziehung, mit niemandem sonst.

Ich begegne zwei hellen Augen, im Raum unserer Verbindung liegt schwere dunkle Erde, Samenkörner rutschen zwischen die Krumen. Am Morgen glänzen kleine Perlen darauf, die die Sonne zum Schmelzen bringt, später nimmt die Erde dankbar die Tropfen des Regens zu sich und netzt die Samen. Ein samtenes Buchenblatt verlässt seinen Zweig, es schaukelt herab, vielleicht weil es weiß, dass es eine Aufgabe als Dünger haben wird …

Ich wandere weiter, steige über umgestürzte Stämme, ein Specht klopft in der Nähe um Einlass, Birkenzweige streicheln meine nackten Unterarme, dass die Haut sich gänselt. Anemonen haben einen weißgrünen Teppich gewebt, auf den setze ich mich, hier will ich doch verweilen. Ein Sonnenstrahl tastet sich zu mir, die Bienen summen mich müde. Ich lasse mich fallen in dieses lebendige Bett.

Ich begegne zwei hellen Augen, im Raum unserer Verbindung sprosst es Hellgrün aus dem Boden, Pflanzenspitzen schieben schwere Krumen zur Seite, was manchmal mühsam ist. Wir hatten Kresse gesät und Lavendel, ein wenig Thymian und Liebstöckl, auch Brennessel ist dabei und Giersch, nicht zu reden von Hundszahnlilie und Milchstern. Viel kann passieren in unserem Raum, der nicht existiert und doch da ist, die Sonne kann dürren, der Regen überschwemmen, Winde sich entfachen, alles, was ich im Wald erleben kann, ist möglich, und so strecke ich mich auf meinem Teppich aus, mein Körper empfängt ein Beben, der Puls der Erde durchrhythmet mich, ein Eichelhäher fliegt mit lautem Ruf davon …

Ich begegne zwei hellen Augen.

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