Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Geld

Wir müssen Ihnen sagen, wir wollen Ihr Geld nicht bei uns haben.

Wer hätte je gedacht, dass man solche Sätze in einer deutschen Bank oder Sparkasse zu hören bekommen könnte? Tatsächlich sind die Geldinstitute mittlerweile in Not, wenn man bei ihnen eine größere Summe nicht in Fonds oder Aktien anlegen, sondern, sagen wir, in einem Tagesgeldkonto zur Verfügung haben möchte. Es befindet sich viel zuviel Geld in den Banken, das nicht investiert wird, eine solche Menge, dass Negativzinsen drohen (Negativzinsen? Was für eine manipulative Wortschöpfung, gemeint sind natürlich Gebühren!). Deutschland schwimmt im Geld, weil es sich seiner europäischen Verantwortung nicht stellt. Dabei spricht auch der oben genannte Sparkassenangestellte inzwischen vom solidarischen Denken und Handeln, obwohl dieses besonders dem Finanzsektor bisher völlig gefehlt hat. Aber auch die Bundespolitik muss sich den Vorwurf gefallen lassen, an vielen Stellen mit Macht- und Personalfragen beschäftigt und auf dem Auge für die Gemeinschaft, zumal die europäische, blind gewesen zu sein. Griechenland im Jahr 2015 zu einem Labor gemacht zu haben, in dessen Folge es zum Armenhaus Europas wurde, ist eine Schande, die an uns allen klebt, zumal wenn man sich bewusst macht, dass das 3. Memorandum zu 90% direkt an deutsche und französische Banken zurückgeflossen ist …

Seit 2002 gibt es den Euro, nach wenigen Jahren wurde er als eine der stabilsten Währungen weltweit gepriesen. Allein an solchen Einschätzungen zeigt sich schon, welcher protestantisch grundierte Maßstab angelegt (und allen Anderen aufgedrückt) wird: Es geht um Wirtschaftswachstum, Stabilität und Wohlstand, wer dies erreichen und sichern will, muss hart arbeiten und effektiv produzieren. Yanis Varoufakis zitiert in diesem Zusammenhang gern die Aesopsche Fabel von der Grille und der Ameise; ich möchte lieber auf die hellsichtige Kurzgeschichte Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral von Heinrich Böll verweisen, er schrieb sie 1963!

Die Sprache macht es deutlich, wenn vom Design einer Währung die Rede ist (im Falle des Euro bezeichnenderweise ein künstliches, die Brücken und Gebäude auf den Geldscheinen existieren nicht) oder von ihrer Architektur. Wir müssen die Grille und die Ameise wieder zusammendenken, weil sie zusammengehören, die Eine ist nicht besser sondern anders als die Andere, weshalb sie sich gegenseitig brauchen und bereichern.

Ich habe von der Verantwortung gesprochen, die meiner Ansicht nach vor allem darin besteht, dass wir Instabilität und Unsicherheit annehmen und diese nicht mehr den ärmeren Ländern der europäischen Peripherie aufbürden (ganz zu schweigen von der Tatsache, dass wir es zulassen, dass unsere Konsumgüter zum Teil unter sklavenarbeitsähnlichen Bedingungen produziert werden). Wir müssen aufhören, Exportweltmeister bleiben zu wollen, damit andere Volkswirtschaften zum Zuge kommen können, wir brauchen eine flexible Währung, die auf geänderte Bedingungen zu reagieren vermag, wir brauchen politische Entscheidungen. Wir brauchen vor allen Dingen endlich eine politische Europäische Union, denn die wirtschaftliche allein vermag weder identitätsstiftend noch einigend zu sein, wie wir sehen.

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