Gesichter

Fremde Gesichter. Ich senke den Blick,/ daß nicht ihr Blick auf mich fällt./ Gott, wieviel andre Gesichter es gibt./ Soviel Gesicht auf der Welt … ENDRE ADY (1877-1919)

Und jedes Gesicht erzählt. Senke ich den Blick wie das lyrische Ich des ungarischen Dichters, geht die Erzählung des Anderen ins Leere; hebe ich ihn, entsteht ein Raum: ein ganz flüchtiger in den Augen, in einem Lächeln oder ein dauernder, weil man stehenbleibt, sich ansieht und einander zuhört.

Vor vielen Jahren erfand der Züricher Kabarettist Franz Hohler eine Szene, in der ein Mann dadurch, dass er aufmerksam Lieder hört, große Erfolge feiert: in ausverkauften Konzerthäusern sitzt er auf der Bühne, lauscht, nickt, lächelt, applaudiert; Schallplattenaufnahmen seines Atmens und Räusperns werden zu Bestsellern, er wird mit Preisen überhäuft – Udo Linnenbrink hört Lieder … Eine prophetische Zuspitzung, wenn wir uns den Zustand unserer Gegenwart kritisch betrachten.

Zuhören zu können hat etwas mit Neugier, mit Geduld, mit Sich-einlassen zu tun, wenn ich meinem Gegenüber zuhöre, sehe ich ihm ins Gesicht, in die Augen.

Mit meiner Poesie-Tankstelle durfte ich diese Erfahrung oft machen: durch die Rezitation eines Gedichts für einen einzelnen Menschen plötzlich auf intensive Weise verbunden zu sein, in einem gemeinsamen Raum des Innehaltens. Der Andere lächelt, seine Züge werden weich, er spürt eine Gänsehaut, er ist verzaubert …

Es gibt nicht nur unendlich viele fremde Gesichter, auch ich selbst bin vielgesichtig, und es gehört zu unseren schwierigen Lebensaufgaben, diese in uns zu entdecken. Eine schwierige Aufgabe ist es deshalb, weil wir daran gewöhnt sind, alles moralisch zu bewerten; nun erkenne ich aber womöglich ein Gesicht in mir, das in diesem Sinne unmoralisch ist, was dann?

Unser medial gesteuerter oder zumindest beeinflusster Alltag ist von abnehmender Vielfalt geprägt, während Uniformierung auf allen Ebenen zunimmt: Tier- und Pflanzenarten verschwinden täglich, Monokulturen werden allerorts angelegt, Mode, Parteiprogramme, Kunstwerke, Autos werden austauschbar, Differenzen vernichtet. Apropos Auto: Sieht man sich die Gesichter von PKWs genau an, so lässt sich an ihnen eine klare Entwicklung ablesen – dem treuherzigen Anblick eines VW Käfers oder eines Trabis sind längst (vor allem natürlich im Namen der Sicherheit) aggressiv-hinterhältig wirkende, fahrende Burgen gefolgt. Wer in einer solchen Burg sitzt, sagt zuerst einmal Ich.

Auf der anderen Seite aber wächst auch unsere Sehnsucht, unsere Sehnsucht nach wirklicher Begegnung, nach Eigenart und Eigensinn, nach Unternehmungen, die sich nicht rechnen, nach Bewahrung der Vielfalt. Wir öffnen die Augen und damit unseren Verstand, wir öffnen die Ohren und damit unser Herz, wir finden die Geschichten in den Gesichtern, den eigenen und fremden …

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