Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Grenzen

23 Jahre lang lebte ich in einem Land, in einer Gesellschaft, die durch Einschränkungen gekennzeichnet war: Wir achteten darauf, was wir öffentlich sagten, denn bereits eine kritische Bemerkung über die politischen Verhältnisse konnte Verhaftung und Verhör nach sich ziehen. Zur obligatorischen Demonstration am 1.Mai durfte kein selbst beschriebenes Plakat getragen werden, selbst wenn sein Inhalt völlig staatskonform war. An den Geschäften gab es lange Warteschlangen, wenn begehrte Konsumgüter eintrafen, die ansonsten in den Auslagen fehlten. Bei Fernweh konnte im Osten gereist werden, in die ČSSR, nach Rumänien, Polen, Bulgarien oder Ungarn, keinesfalls aber ins westliche Europa, geschweige nach Übersee. Das Leben in der DDR war ein vielfach begrenztes, und ich erinnere mich gut an das Gefühl, mir am Sozialistischen Schutzwall (der Mauer) den Kopf blutig zu stoßen.

In Reaktion auf diese äußeren Rahmen bildeten sich mannigfache Gemeinschaften, in denen, wenn man einander vertraute, Klartext gesprochen wurde; zahlreiche kleine Parallelgesellschaften mit innerem Zusammenhalt, mit Geheimnissen und intellektuellem Austausch, die sich von der offiziellen Parteilinie abgrenzten. Oft bestanden diese Gruppen aus der Familie oder der Hausgemeinschaft.

Die Sehnsucht nach Weite, nach Unbeschränktheit, nach Freiheit, die unter solchen Bedingungen entstehen musste, spielte dem kapitalistischen System nach 1989 auf einzigartige Weise in die Hände, weil sie sich mit dem westlichen Anspruch grenzenlosen Wachstums, grenzenloser Selbstverwirklichung, grenzenloser Möglichkeiten verband. Die Folgen davon sehen wir seit Jahren, aber erst jetzt beginnen wir, die Augen wirklich zu öffnen: Die Böden sind ausgelaugt, Tiere zu Objekten degradiert, Bodenschätze und Wasser werden knapp, das Klima verändert sich rasant, die Artenvielfalt geht verloren … Der westliche Mensch hat sich zum Nabel der Welt erklärt, er ist am äußersten Punkt seiner – äußeren – Entwicklung angekommen. Das birgt die Chance zur Umkehr, zu grundlegender Veränderung in sich, die sich allerorten beobachten lässt: Initiativen auf dem Land, die sich der Permakultur, der Geomantie, dem biodynamischen Landbau und artgerechter Tierhaltung verschrieben haben; generationenübergreifende Wohngemeinschaften in den Städten; kulturell-künstlerische Projekte, die soziale Grenzen aufbrechen; Bewegungen wie Common purpose oder Thèrapie sociale u.v.m.

Es geht um das Wechselspiel von Begrenzung und Freiheit, von Individuum und Gesellschaft, von Harmonie und Differenz – nie ist das Eine ohne das Andere zu haben. Und immer muss das Verhältnis neu ausgehandelt werden! Wenn wir uns auf diese Prozesse immer wieder einlassen, dann kann ein anderes Wachstum beginnen, eines, das wir so dringend brauchen wie vielleicht noch nie zuvor: das innere.

Irgendwann 1988 erzählte mir mein griechischer Freund Thanassis, der in Westberlin lebte, folgenden Witz: Ein Mann steht auf dem Alexanderplatz und ruft laut: Scheiß Staat! Wenige Augenblicke später kommt ein Volkspolizist und will ihn festnehmen. Der Mann protestiert, er habe ja nicht gesagt, welchen Staat er meine! Der Polizist denkt nach und nickt, er geht. Am nächsten Tag steht der Mann wieder auf dem Alex und ruft laut: Scheiß Staat! Der Volkspolizist erscheint und führt ihn ohne viel Federlesens ab. Wieso, protestiert der Mann erneut, ich habe doch gestern schon erklärt … Der Polzist unterbricht ihn und schnauzt: Ich habe mich erkundigt, es gibt nur einen scheiß Staat!

Vielleicht ist dieser Witz gar nicht so veraltet wie man denkt?

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