Grün

Robert Habeck, der Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen, ist diese Woche in Dresden gewesen, in einer mit ca. 500 Zuhörern geradezu vollgestopften St-Pauli-Ruine auf der Neustädter Elbseite. Zum ersten Mal habe ich Habeck erlebt, bisher hatten mir nur Andere von dem ehrlichen, sympathischen, authentischen … Politiker berichtet. Sollte mich jetzt einer von diesen Anderen bitten, nach knappen 2 Stunden Wahlkampfveranstaltung in Dresden meinerseits ein passendes Adjektiv für ihn zu finden, so würde ich sagen: nachdenklich. Ein Mann, der sich Zeit nimmt, dem, was die jeweilige Frage aus dem Publikum in ihm auslöst, nachzuspüren; ein Politiker, der sich dazu bekennt, für manches Problem auch noch keine Lösung zu haben; ein Mensch, der leidenschaftlich bei der Sache ist, ohne deshalb den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Im besten Sinne die Bühne bereitet, hat ihm die Dresdner Sprecherin der Grünen, Susanne Krause, die mit Charme und Zugewandtheit den Abend moderierte. Sie ist es auch, die nach einer Stunde auf der demokratischen Abstimmung durch Handzeichen besteht, ob für die verbleibende Zeit im Interesse von mehr Publikumsfragen alle Antworten kürzer gefasst werden sollten oder ob die Anwesenden lieber den ausführlicheren Darstellungen folgen wollen. Das Ergebnis der Abstimmung kommentiert Robert Habeck erstaunt und bewegt zugleich, ein Publikum, das sich nicht mit Erklärungen im Twitterformat zufriedengeben will, begegnet ihm offenbar nicht häufig.

Die für mich berührendste Aussage des Politikers ist seine Bereitschaft, aus dem linearen Denken und Berechnen herauszutreten und stattdessen auf Entwicklungsprozesse zu vertrauen, auch und gerade weil nicht alle Aspekte im Vorhinein geklärt und bestimmt werden können. Diese Bereitschaft wird besonders bei den komplexen Fragestellungen im Zusammenhang mit der angestrebten Energiewende (Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe) deutlich.

Es gibt noch einen weiteren Moment, der mich während der Veranstaltung besonders bewegt und zwar, als Robert Habeck davon spricht, dass wir es alle kennten, wenn Angst oder Sorge in uns Fuß fasse, dass dadurch eine eigene innere Realität entstünde, die nicht weggewischt oder mit grüner Überheblichkeit kommentiert werden dürfe. Diese grüne Überheblichkeit gibt es, nämlich immer dann, wenn sich Menschen als Weltretter empfinden, nur weil sie im Bioladen einkaufen, während es der Netto- oder Lidl-Kunde eben einfach nicht begreift (auch der in meinen Augen inhumane Begriff des Gutmenschen kommt ursprünglich aus dieser, meist in Großstädten zu findenden, Szene).

Gleich zu Beginn der Veranstaltung fragt ein älterer Mann nach den Möglichkeiten des Brückenbauens, denn den Pegida-Gänger oder AfD-Wähler könnten wir doch nicht einfach sich selbst überlassen. Da mich diese Frage seit Jahren umtreibt, hoffe ich auf Impulse zur Überwindung von Spaltung und gegenseitiger Ausgrenzung, werde in diesem Punkt aber enttäuscht. Selbst für Robert Habeck, der bei unterschiedlichen Themen so tiefgründig nachzudenken und zu argumentieren vermag, scheint ein Gespenst in unserer Gesellschaft umzugehen, das wahlweise NPD, AfD oder Pegida heißt oder oberflächlich einfach unter rechtsradikal zusammengefasst wird. Es ist jedoch kein Gespenst, es sind Menschen, Mitbürger, Nachbarn. Entwürdigende Reaktionen darauf wie Nazis raus! (Wohin? In ein Lager?) oder Fck AfD (Wahlplakat der Partei Die Linke) setzen die in Gang gekommene Spirale von Gewalt und Gegengewalt lediglich fort. Ich halte dies für die vielleicht gewaltigste Herausforderung heute und hier: Sich das Menschsein des Anderen stets bewusst zu machen, den Schritt in das vereinfachende und einfache Feindbild zu verhindern, und zuallererst zu unterscheiden zwischen der radikalen Äußerung oder Tat, der man entgegentreten, die man gegebenenfalls strafrechtlich verfolgen muss, und dem Menschen. Wir sollten uns hüten, von dem Bösen zu reden und es nur außerhalb von uns zu sehen – wenn es das Böse geben sollte, dann existiert es auch in uns selbst.

Ja, es ist eine große Aufgabe, einem radikalisierten Menschen gegenüberzutreten, es ist schmerzlich, sich bestimmte Reden und Wahlprogramme anzusehen, aber das darf uns nicht davon abhalten, den Weg zu dem Menschen dahinter zu suchen, immer und immer wieder. Oder welchen Sinn sollten all die schönen Worte von einer weltoffenen, toleranten, humanen, integrativen Gesellschaft sonst haben?

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