Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Haltung

Warme Novembersonne lässt mich blinzeln, ich bewege mich langsam über den Leipziger Augustusplatz, um einen Ort zu finden, an dem ich den vorgegebenen Abstand zu meinen Mitmenschen einhalten kann, dabei werde ich immer wieder wegen des Aufklebers an meiner durchsichtigen Plastemaske angesprochen: Jazztage wo? Ah, Dresden. … Bist du dort aufgetreten? … Was, Daniele Ganser war bei den Jazztagen? Wow! … Ich musste dich einfach ansprechen, Kilian Forster wird jetzt schlimm beschimpft, ein Mann, der soviel für unsere Stadt getan hat! …

Es stimmt, am 25.10.20 hat der Schweizer Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser bei den Jazztagen Dresden einen Vortrag über den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy sowie dessen Ermordung 1963 im Bundesstaat Texas gehalten (d.h., wegen der vorgeschriebenen Abstände und sonstigen Corona-Hygieneregeln sind es de facto 2 Vorträge gewesen, 11 Uhr und 15 Uhr), was auch bedeutet, dass der Wissenschaftler bereits zum wiederholten Mal bei diesem Festival zu Gast ist. Diesmal allerdings entbrennt im Vorfeld eine hitzige Auseinandersetzung, die soweit geht, dass der Intendant der Jazztage, Kilian Forster, unter Druck gesetzt wird, die Veranstaltung abzusagen; einzelne Künstler ziehen ihre Konzertzusagen zurück, Sponsoren springen ab. Forster nimmt diese heftigen Reaktionen ernst, ohne sich in die Hoheit der Programmgestaltung hineinreden zu lassen (Cancel-Culture gibt es bei uns nicht, sagt er zur Einführung). Das Festivalteam organisiert im Anschluss an die Vorträge eine Diskussionsrunde und bemüht sich sehr, dazu auch Ganser-Kritiker auf das Podium zu bekommen. Das gelingt nicht.

Ich habe Daniele Ganser bereits mehrfach im Internet gelauscht und bin nun auch live beeindruckt und berührt von der Verbindung wissenschaftlicher Expertise mit Achtsamkeit und Mutterwitz, die es zu einem Genuss für Herz und Verstand macht, dem Schweizer zuzuhören.

Im voll besetzten Saal sitzen 5 Diskutanten auf dem Podium: Julia Szarvasy (nuoviso.tv), Dr. Daniele Ganser, Julia Neigel (Musikerin, Aktivistin), Kilian Forster und Prof. Werner Patzelt (Politikwissenschaftler), der Jazztage-Intendant erläutert zu Beginn (leider etwas ausschweifend), was für ein Sturm durch das Internet und den Blätterwald im Vorfeld der Veranstaltung gegangen ist, und er lädt offen und ausdrücklich zu kritischen Fragen ein. Und beginnt gleich selbst mit einer, nämlich der, ob der vielfach erhobene Vorwurf, dass Ganser sein Publikum spalte, gerechtfertigt sei. Meiner Überzeugung nach wäre er das, wenn der Wissenschaftler bei seinen öffentlichen Auftritten bestimmte Gruppen abwerten oder gar zu Kampf und Krieg gegen jemanden aufrufen würde. Das, was tatsächlich geschieht, ist jedoch das genaue Gegenteil: seit Jahren wird der Friedensforscher nicht müde zu mahnen, dass jeder auf dieser Erde Teil der Menschheitsfamilie sei, dass wir endlich das Führen von Kriegen hinter uns lassen müssten, weil daraus nur Leid und Not entstünde, dass wir achtsamen und respektvollen Umgang mit Andersdenkenden üben sollten. Die Spaltung in harscheste Ganser-Kritiker und – etwas salopp gesagt – Ganser-Fans hat also das Publikum selbst zu verantworten, nicht der Redner auf der Bühne. In diesem Zusammenhang erläutert der Historiker, dass sein Forschungsgebiet – Zeitgeschichte von 1945 bis zur Gegenwart und speziell verdeckte Kriegsführung – die Schwierigkeit bereits in sich trage, er stoße in seiner Recherche immer wieder auf brisante Fragen und Hintergründe, die von bestimmten Kräften oder Strukturen gern unbeantwortet oder unentdeckt gesehen werden wollten.

Julia Neigel formuliert ihre Ansicht klar, dass sie sich als Künstlerin niemals anmaßen würde, sich in die Programmgestaltung eines Veranstalters einzumischen und Werner Patzelt trägt einen kurzen Exkurs zum Begriff des Verschwörungstheoretikers bei, dann sind Eindrücke oder Fragen aus dem Publikum zu hören. Ein junger Mann wirft Daniele Ganser vor, dass er sich zur Corona-Thematik einseitig geäußert habe, hierzu nimmt der Wissenschaftler Stellung, indem er sein Unbehagen äußert, als Historiker überhaupt etwas zu einem gegenwärtigen Geschehen zu sagen, betont aber, dass er sich selbstverständlich umfassend informiere, bei Professor Streeck genauso wie bei Prof. Drosten, bei Dr. Püschel genauso wie bei Prof. Bhakdi, und dass er sich auf diese Weise eine stetig wachsende Datenbank anlege. Später kritisiert derselbe junge Mann – an Julia Szarvasy gerichtet – die häufig pauschale negative Bewertung der Mainstream-Medien. Sie stimmt ihm in ihrer Antwort teilweise zu und erklärt, dass es den Portalen wie eben nuoviso.tv, KenFM, Nachdenkseiten uvam aufgrund jahrelangen negativen Framings mitunter schwerfalle, bezüglich der Öffentlich-Rechtlichen ihrerseits sachlich und fair zu bleiben. In diesem Zusammenhang wird auch kurz auf die katastrophale Lage der Journalisten eingegangen, die nicht nur immer schlechter bezahlt würden und unsichere Arbeit hätten, sondern häufig unter großem Anpassungsdruck stünden.

Das bewährte Format der Jazztage: Concertare! Diskussion & Session, innerhalb dessen die Veranstaltung stattfindet, beinhaltet natürlich auch Musik, verschiedene Künstler um den Intendanten herum bereichern den intensiven Gesprächsabend mit ihren Beiträgen. Denn, so betont Kilian Forster zum Schluss, Musik im Allgemeinen sei ohne das Wechselspiel von Konsonanz und Dissonanz nicht denkbar und die Jazztage im Besonderen würden ohne ständige Grenzgänge, Kooperationen zwischen unterschiedlichen Richtungen und Künstlern, ohne Vielfalt im umfassendsten Sinn nicht existieren. Deshalb setzt er sich für direkte Auseinandersetzung, für Debatte und Gespräch ein, dafür, dass wir endlich wieder miteinander reden anstatt übereinander.

What a wonderful world!

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