Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Herbstlaub

Die Teilnehmer des diesjährig letzten Spaziergangs auf den Spuren von Dresdner Schriftstellerinnen des 20./21. Jh. treffen sich am 24.10.20 vor dem Eingangstor zum ältesten Friedhof der Stadt, der sich zwischen Pestalozzi- und Ziegelstr., an den Güntzplatz angrenzend, befindet. Johanna Marie Lankau, deren Dresdner Spaziergänge (1912) dank meines Engagements für ihr Werk mittlerweile antiquarisch vergriffen sind, widmet dem Alten Eliasfriedhof ein ganzes Kapitel, das sie mit dem Satz beginnt: Mitten im lauten Lärm unserer Stadt liegt ein mauerumfriedeter Garten

Nachdem ich die Anwesenden begrüßt und den Ausblick auf 2021 gegeben habe – die Stadt Dresden hat großes Interesse daran, dass ich die Spaziergänge fortführe – greife ich allerdings nicht zu Lankau, sondern stimme uns ein mit dem Gedicht Menschenkenntnis von Marianne Bruns (1897-1993), das ich wie einen aktuellen Kommentar empfinde:

Mir wird berichtet, er sei arrogant./ Mir scheint er schüchtern./ Mir wird gesagt, er sei ein Simulant./ Mir scheint er nüchtern./ Ihr sagt, der Mann sei euch zu kompliziert./ Er ist doch klar und schlicht!/ Und wie geschickt er immer operiert!/ Zu seinen Gunsten nicht!/ … Was heißt hier gut, was heißt hier schlecht!/ Jetzt kenn ich seinen Sinn und Brauch:/ Ihr hattet recht./ Ich aber auch.

Die Reaktionen der Zuhörer zeigen, dass sie wohl ähnliche Gedanken und Assoziationen haben wie ich …

Anschließend betreten wir gemeinsam bei sonnig-klarem Herbstwetter das Gelände des Eliasfriedhofs, das uns mit seinen weniger zahlreichen, aber immer noch imposanten Bäumen – besonders Eiche, Ahorn und Buche -, den efeuüberwachsenen alten Grabsteinen und z.T. restaurierten größeren Gedenkstätten sofort in Bann zieht. Menschentritt und Kinderstimmen, das Gerassel der Wagen, Pfeifen und Klingeln und die ganze Unrast der Straße – alles versank mit einem Schlage wie durch ein seliges Wunder. Durch hohe Steinmauern getrennt vom lauten Draußen, unter herbstlich bunten Bäumen im goldenen Sonnenschein lag die grüne Einsamkeit des Eliasfriedhofes da, schreibt Johanna Lankau; so glücklich sind wir im Jahre 2020 nicht, das Rattern der Straßenbahn, der rauschende Verkehr vom Güntzplatz ist deutlich zu hören, ansonsten aber spüren wir den Frieden des Ortes genauso wie die Autorin vor 100 Jahren. Wir lauschen ihrer Beschreibung der Flora des Gottesackers, diese Vielfalt, so ahnen wir weniger gebildeten Städter, findet sich hier nicht mehr, obwohl neben dem kräftigen Efeudunkelgrün doch noch die eine oder andere Farbe auszumachen ist. Wer von uns allerdings würde Hauslaub, Fette Henne oder Filzigen Mauerpfeffer kennen und also erkennen?

Wir gehen über den Friedhof, auf den wenigen Wegen durchs gelbe oder braune Laub, das unter unseren Füßen leise raschelt; oder zwischen den Gräbern hindurch, um sehenswerte Kulturzeugnisse vergangener Zeit zu erreichen wie z.B. die Grabstätte der russischen Familie Scouratoff mit dem von Franz Pettrich (1770-1844), dem bedeutenden klassizistischen Bildhauer, geschaffenen griechischen Tempel oder die von Christoph Gottlieb Hock: Errichtet aus schwesterlicher Liebe: Ein großer Engel umfängt eine mächtige Urne in trauerndem Sinnen … Lankau hat 1912 hier außerdem eine alte Hängebirke bewundern können, diese ist verschwunden, aber den folgenden Eindruck teilen auch wir an diesem Herbsttag 2020 voll und ganz: Und wie schön sind diese schwarzen verwitterten Grabsteine! Scheinen sie nicht, wie der Erde selbst entwachsen, eins mit den alten Bäumen, den Gräbern und Grüften, eins mit den Toten? Bilden sie nicht ein friedsames Ganze mit der Natur, klingen sie nicht in ernst-feierlicher Harmonie mit ihrer Umwelt zu einem einzigen Mollakkorde zusammen?

1945 ist dem Friedhof zum Glück nicht viel passiert, aber die Grufthäuser an der westlichen Mauer sind zerstört worden. Nur eines davon ist 2015 wieder aufgebaut worden, weil es an den wichtigen Stifter Justus Friedrich Güntz (1801-1875) erinnert, der im 19. Jahrhundert zahlreiche soziale und künstlerische Aktivitäten in Dresden ermöglichte wie u.a. das Rietschel-Denkmal von Johannes Schilling (Brühlsche Terrasse), die beiden Brunnen Stille Wasser und Stürmische Wogen von Robert Diez (Albertplatz) oder das Maternihospital (heute Elsa-Fenske-Heim). Hier, am Güntz-Grufthaus, halten wir auf unserem Spaziergang noch einmal inne, um einige Gedichte von Marianne Bruns zu hören, die mit ihren nachdenklichen, einfachen, bildreichen Versen gut zu diesem Ort passt. Eine Teilnehmerin bedankt sich am Ende ausdrücklich für diesen Schubs in Richtung Lyrik. Wir alle verlassen den Friedhof in angeregter, freundlicher Stimmung und wir sind froh, dass sich Johanna Lankaus Prophezeiung nicht erfüllt hat: … das ist der Anfang deines nahenden Unterganges, du stiller, friedsamer Eliasfriedhof! Auch über dir wird die Großstadt hinwegfluten, auch du wirst fallen müssen, damit neues Leben erblühe …

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