Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Infektion

Vermutlich wird in diesen Monaten kein Wort so häufig verwendet wie dieses, aber mir scheint, seine umfassendere Bedeutung jenseits des Medizinischen sowie ein damit verbundenes, einseitiges Menschen- oder eher Lebensbild ist in unseren westlichen Gesellschaften schon seit langem präsent und sogar bestimmend.

Doch zunächst ein Schritt zurück: laut Wörterbuch der deutschen Sprache leitet sich das Verb infizieren vom lateinischen inficere ab, das mit vergiften bzw. anstecken üersetzt wird, ursprünglich jedoch die Bedeutung etwas vermischen, tränken, anmachen (in: hinein, facere: tun, machen) gehabt hat.

Seit März 2020 wird uns medizinisch, politisch und medial eine außerordentliche Gefahr durch das sogenannte Corona-Virus suggeriert, wobei offensichtlich nicht von einem Prozess des Vermischens sondern von einem Vorgang in eine Richtung ausgegangen wird: Das Virus ist übermächtig, wir Menschen bzw. unser Immunsystem ist mehrheitlich zu schwach, um uns mit dem Erreger auseinanderzusetzen, folgerichtig kann uns am Ende nur eine Hilfe aus dem Außen retten, nämlich die Impfung. Ebenso folgerichtig hat es in all den Monaten keine Hinweise und Tipps für die Stärkung des Immunsystems gegeben, da der Patient (alle Menschen) wohl so oder so ein hoffnungsloser Fall ist. Diese Betrachtungsweise ist dergestalt noch auf die Spitze getrieben worden, dass die zwischenmenschliche Distanz, dass das Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung als Akte der Verantwortung dem Anderen gegenüber bewertet werden: Ich schütze dich vor meinen möglichen Viren, indem ich dir nicht zu nahe komme und Maske anlege. Meiner Ansicht nach ließe sich das auch mit diesen Worten ausdrücken: Ich halte dich für schwach und nicht widerstandsfähig, du bist nicht in der Lage, selbst für dich Verantwortung zu übernehmen, deshalb tue ich das.

Eingangs habe ich gesagt, dass ich seit Jahren diese einseitigen Vorstellungen in anderen Bereichen wahrnehme. Es sei noch einmal daran erinnert, dass sich sächsische Landtagsabgeordnete einst rühmten, den Saal immer dann zu verlassen, wenn ein Mitglied der – demokratisch gewählten – NPD ans Mikrofon gegangen ist, was bedeutet, sie haben den Kollegen aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit die Fähigkeit, wichtige Fragen aufzuwerfen oder zu diskutieren abgesprochen, ohne sich in irgendeiner Weise damit zu beschäftigen, was sie zu sagen haben, d.h., sie sind ihrer parlamentarischen Verantwortung nicht gerecht geworden. Das fragwürdige Konzept der Kontaktschuld hat dazu geführt, dass jemand, der sich in den Diskurs mit einem Pegida– Demonstranten, mit einem AfD-Politiker oder gar mit einem bekennenden Neonazi begeben hat, selbst zum Pegida-Anhänger, AfD-Befürworter oder Neonazi erklärt worden ist. Die einseitige Virusbetrachtung findet sich hier wieder: der Demokrat, der sich mit den Positionen der oben Genannten auseinandersetzt, ist offensichtlich so schwach und hilflos, dass er von den anderen Argumenten und Ansichten sofort überrannt wird und seinen eigenen Standpunkt verlässt oder sein Immunsystem ist einfach zu schwach und braucht die Impfung durch Wissende: die richtigen Medien, die richtigen Experten, die Faktenchecker. Gleichzeitig wird eine Beeinflussung in der entgegengesetzten Richtung – zum Beispiel: weil dem Pegida-Demonstrant auf Augenhöhe begegnet wird, beginnt er, bestimmte Vorstellungen zu hinterfragen – als unmöglich angesehen oder auch: einmal so, immer so; eine statische Betrachtung, die ich als lebensfremd bezeichne, da jegliches Leben ständige Veränderung und Entwicklung beinhaltet.

Meiner Überzeugung nach ist durch diese dauernd propagierte Grundhaltung, verbunden mit dem gezielten Abwerten all jener Menschen, Portale, Denker, youtube-Kanäle, Verlage usw., die sich ihre Offenheit, ihre Lust an Diskussion und Differenz nicht haben nehmen lassen, unser gesellschaftliches Immunsystem schwer beschädigt, das Vertrauen in die Kraft humanen Denkens und Handelns untergraben worden. Konsequenterweise brauchen wir nun für die Lösung aller Probleme – analog zur Impfung – einen starken, vielleicht sogar autoritären Staat.

Weder die Politiker noch die öffentlich-rechtlichen Medien scheinen wahrzunehmen, wie gewaltvoll ein solches Vorgehen ist. Und sie bemerken offensichtlich auch nicht, dass sie auf diese Weise das Vertrauen der Bevölkerung immer weiter verlieren. Umso wichtiger wird jede Bewegung, die sich der Offenheit, der Gewaltfreiheit, dem Zuhören, der Auseinandersetzung und Debatte verschreibt. Vielleicht liegt hier die zentrale Transformation, um die es geht.

In Leipzig fragte mich neulich jemand, ob ich wisse, wie oft das Wort Liebe im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland vorkomme. Auf mein Kopfschütteln sagte er: Nicht ein einziges Mal. Vielleicht wird es Zeit, dass wir uns eine Verfassung geben, die – wie es unserer christlich geprägten Kultur entspräche – die Nächstenliebe ins Zentrum rückt?

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