Instagram-Tourismus

Aktuelle Berichte zum Beispiel des General-Anzeigers Bonn oder des Wochenmagazins Stern zeigen, dass sich eine neue Art des Massentourismus herausgebildet hat: Bei Instagram oder youtube postet jemand ein spektakuläres Foto bzw. Video, sagen wir an einem gewaltigen Wasserfall oder auf einer einsamen Felsspitze, dieses Foto wird tausend-, hunderttausend- oder mehrfach geklickt, was seine Außerordentlichkeit beweist, daraufhin entsteht für viele, oft junge Menschen ein Sog, an jenen Ort zu reisen, um dasselbe Motiv zu fotographieren, denn selbstverständlich handelt es sich hierbei nicht um ein klassisches Foto, sondern um ein Selfie – auch ich war da, in dieser beeindruckenden Kulisse, auch ich poste mein Bild und hoffe auf viele Follower.

Was geht hier eigentlich vor? Einerseits, so scheint es mir, haben wir, die wir in diesen Sog (oder sollte ich besser sagen: in diese Sucht?) geraten, eine solche Angst vor der Freiheit, dass wir uns dauernd zu Leibeigenen machen müssen: Ich bin nicht auf meinen eigenen Reisen unterwegs, folge nicht meiner individuellen Neugier, spüre nicht meinen Interessen nach, sondern ich fühle mich abhängig von dem, was Andere erkundet und vor allem abgelichtet haben, und ich bin noch weit mehr abhängig davon, im Internet wahrgenommen zu werden. Gelingt mir das, bin ich ein Influencer, ein Mensch mit Bedeutung, jemand, der die Richtung vorgibt – klingt das nicht noch viel besser als Oscar-Gewinner oder Bestseller-Autorin zum Beispiel?

Nun ist eine Kult- oder Follower-Bewegung besonders unter jungen Menschen vermutlich so alt wie unsere gesamte westliche Kultur, man denke beispielsweise an die Selbstmordwelle junger Männer nach Erscheinen von Johann Wolfgang von Goethes Die Leiden des jungen Werther (1774) oder an die Hippies in den 1960er Jahren. Der wesentliche Unterschied zur Gegenwart besteht darin, dass die Auswirkungen auf die Umwelt von viel größerer Tragweite sind als zuvor. Jetzt betrifft es nicht mehr nur eine Familie (die z.B. ihren Sohn verliert) oder eine Insel, wo sich eine Handvoll kiffender Aussteiger dauerhaft niederlässt, sondern das Viel- und Billig-Fliegen wird enorm befördert (wofür immer ein ökologischer und ein sozialer Preis zu zahlen ist!), die Bewohner begehrter Destinationen fühlen sich überfordert oder werden verdrängt, Landwirtschaft wird behindert, Flora und Fauna ge- oder sogar zerstört – Venedig, Lissabon, Valensole (Lavendelfelder), Preiskolen (der norwegische Felsen) seien stellvertretend für jene Orte genannt, die unter dem Ansturm von Instagram-Touristen ächzen. Für alle, die auf diese Weise kommen, sind die Plätze an sich bedeutungslos, ihre Aura spielt nicht nur keine Rolle, sondern sie wird verletzt, da wir eben lediglich die Kulisse brauchen.

Sprache ist ehrlich und mitunter lässt sich eine Wahrheit besonders gut in meinem Dialekt finden: Spricht man Influencer auf sächsisch aus, wird deutlich, was sie tatsächlich sind: ’ne Influenza

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