Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Johanna Marie Lankau

Seit Anfang letzten Jahres widme ich mich einer Aufgabe, die helfen soll, eine Leerstelle im kulturellen Gedächtnis meiner Heimatstadt Dresden zu schließen: Ich beschäftige mich mit Schriftstellerinnen des 20./21. Jahrhunderts, bringe ihr vielstimmiges Werk durch Artikel, Vorträge an der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) und Spaziergänge auf ihren Spuren ins Bewusstsein zurück und beantworte damit für mich selbst die Frage, auf wessen Schultern ich heute mit meiner Literatur stehe, die einerseits tief in Dresden verankert ist und andererseits verschiedene Brücken hinaus schlägt, in die Schweiz, nach Kanada, nach Griechenland …

Die Initialzündung zu dieser Thematik lieferte mir die Entdeckung der Dresdner Spaziergänge (Holze & Pahl, 1912) von Johanna Marie Lankau (1866-1921), einer Schriftstellerin und Übersetzerin (aus dem Englischen), die vier Sprachen fließend sprach (neben englisch auch italienisch, französisch und dänisch) sowie außerdem als Erzieherin wirksam war.

Die Lektüre der Dresdner Spaziergänge vermittelte mir ein eindrückliches Bild, was der genauen Beobachtungsgabe der Autorin genauso zu verdanken ist wie ihrer umfassenden literarischen Kenntnis (sie flicht viele Zitate von Dichterkollegen deutscher Zunge in ihre Schilderungen ein) sowie ihrem detaillierten Wissen über heimische Flora und Fauna. Ich war jedoch vor allem begierig zu erfahren, wie Dresden 1912 ausgesehen hat, wie eine Zeitzeugin am Anfang des 20. Jahrhunderts die Stadt beschreibt, in einer Zeit also, die von rasantem technischem und ökonomischem Fortschritt geprägt war und die zugleich von den Nachgeborenen bis heute verklärt wird. Diesbezüglich erfüllten sich meine Erwartungen nicht, denn trotz seines Titels ist der Band der Schriftstellerin vor allem und fast ausschließlich eines: ein Landschaftsbuch. Lankau nimmt den Leser mit in den Großen Garten, in die Dresdner Heide, in die rechtselbischen Gründe oder auf die Räcknitzer Höhe, auf der man durch eine Kirschbaumallee zu einem Landgasthof gelangt, sie preist die Stadt als mit Tor und Turm ins Tal geschmiegt, von Höhen geschützt, von waldigen Bergen umgürtet, vom satten Grün der Gärten durchzogen und vom Silberband des Stromes umschlungen. (S.3) Lediglich ein einziges Kapitel widmet die Schriftstellerin dem Stadtensemble, sie nennt es Die schöne Straße und beschreibt darin alle Veränderungen der Prager Straße Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts. Und diese Veränderungen haben es in sich! Denn zunächst bestand die Prager Straße hauptsächlich aus großen Gärten und grüner Wiese bis hin zu einem weinbewachsenen Bahnwärterhäuschen; der Stadt zu standen einige vornehme Villen in großzügigen Anlagen, alte Linden, Akazien und Platanen säumten die vornehme Straße, die schließlich eine geschlossene Häuserreihe wurde, zum Viktoriahotel hin. Nicht lange, da verschwinden die Gärten, weitere Villen und vornehme Häuser werden gebaut; aber auch diese Phase dauert nicht lange, das gerade Entstandene wird abgebrochen, eine durchgängige Bebauung entsteht und aus dem romantischen Bahnwärterhäuschen wird der riesige Hauptbahnhof, der damals noch der Böhmische hieß. … allmählich begann eine kräftige Ader frischen Verkehrsblutes durch die Straße zu rinnen (S.10), das Viktoriahotel mit seinem Garten fiel … und … das Viktoriahaus erstand an seiner Stelle; die Flaneure werden von der Straße vertrieben und alle Erdgeschoßwohnungen in Läden umgewandelt. Bald schon rattert nicht mehr die Pferdebahn dem Bahnhof zu sondern wird von der sausenden Elektrischen ersetzt, aus den kleinen Läden werden Präsentationsräume mit großen Schaufenstern … Schon diese kurzen Andeutungen vermitteln einen Eindruck von der Brutalität dieses Fortschreitens, aber auch wenn Formulierungen wie vom Sturm der Bauwut hinweggefegt bei Lankau zu finden sind, so beschwört sie doch dessen ungeachtet immer wieder die Schönheit der Straße. Auch alle anderen Schilderungen zeigen, dass sie für das Häßliche, das es in dieser Zeit zahlreich gegeben haben muss (rauchende Fabrikschlote, Arbeiterviertel, Industriebauten in Pieschen und Trachau usw.) keine Sprache, ja gar kein Auge hat. Zwar mahnt sie den Leser durchaus immer wieder, doch die laute, die eilige Stadt zu verlassen und ihr auf ihren Wegen in die Natur zu folgen; gleichzeitig bleibt die Schönheit Dresdens omnipräsent.

Ich fühle mich meiner literarischen Ahnin in diesem Erleben zugleich nah und fern; nah ist mir die Überforderung, die Hilflosigkeit, die besonders in dem deutlich wird, was Johanna Marie Lankau nicht beschreibt: Gerade erst kamen die Menschen aus den Rhythmen landwirtschaftlich geprägten Lebens, da wurden sie binnen weniger Jahrzehnte von Tempo, Lärm und Ökonomisierung überrannt – heute geht es uns angesichts von Digitalisierung, entkoppelter Wirtschafts- und Finanzmärkte und künstlicher Intelligenz oft nicht anders. Dass uns nur die Natur auffangen und nähren kann in einer solchen Situation ist klar, insofern ist mir auch die Hinwendung zur Landschaft, die im Buch der Schriftstellerin deutlich wird, nah und vertraut. Aber ich möchte im Gegensatz zu ihr die Augen nicht verschließen vor dem, was anstrengend, finster oder überfordernd ist, ich möchte mit meiner Literatur dazu beitragen, die vielfachen Brüche, Traumatisierungen und Abgründe Dresdens zu erkennen und – wenn möglich – zu transformieren. Ein Weg dazu ist die Auseinandersetzung mit meinen literarischen Ahnfrauen und ihrem Werk, neben Lankau gehören dazu Annemarie Reinhard (1921-1976), Auguste Lazar (1887-1970), Heide Wendland (*1924) und Marianne Bruns (1897-1993).

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