Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Krimi

Heute morgen habe ich darüber nachgedacht, wofür die Abkürzung eigentlich steht: Kriminalerzählung, Kriminalroman, Kriminalgeschichte? Der Krimi verweist auf den Roman, aber dann gibt es ja auch noch den Fernsehkrimi (und zwar auf allen Kanälen) …

2002 besuchte ich zum ersten Mal die Leipziger Buchmesse, die damals kein überbordendes, lautes Massenereignis war wie heute; ich entdeckte ein kleines Segment Kriminalliteratur, in dem Autoren und wohlwollende Kritiker immer wieder betonen mussten, dass es sich um ernstzunehmende, ernsthafte Kunst handle und nicht etwa um billige Unterhaltungsliteratur. Binnen weniger Jahre hat sich das Verhältnis völlig verändert, wer heute Erfolg haben möchte, der schreibe einen Kriminalroman oder einen Thriller, möglichst naturalistisch und blutrünstig, gern mit einem schrägen Kommissar oder besser noch einer Kommissarin und gern auch mit regionalem Bezug und Flair. Gar nicht zu reden von der millionenfachen Tatort-Gemeinde, die Sonntag für Sonntag vorm Bildschirm sitzt und sich mit Mord oder Totschlag beschäftigt.

Was ist geschehen?

Ist unser Wohlstandsleben so langweilig geworden, dass wir den permanenten Thrill in Buch und Film brauchen? Haben wir inzwischen alle Grenzen des Darstellbaren (Krankheit, Sex, Glaube, Liebe …) ausgelotet und nur der Tod ist noch übrig?

Der Gedanke drängt sich auf: Die Dauerbeschallung mit dem Verbrechen (wobei bezeichnenderweise der Meisterdieb, der Trickbetrüger, der Fälscher längst ausgestorben sind, im zeitgenössischen Krimi gibt es immer Leichen), spiegelt unsere generelle Fernseh-Existenz, das Surrogat des Digitalen, des Films, der Geschichte anstelle der eigenen Reise, des eigenen Abenteuers, der eigenen Gefühle. Selbst die Architektur gibt es getreu wieder, wir sitzen vor unseren Panoramafenstern mit der großartigen Aussicht, legen die Beine hoch, trinken ein Bier und genießen – und freuen uns, dass wir soviel er-leben können, ohne einen Fuß vor die Tür setzen zu müssen …

Aber dann werden wir plötzlich herausgerissen aus unserer Fernsehexistenz, wir entwickeln eine schwere Krankheit, weil sich die Seele nicht länger vernachlässigen lässt; ein Hochwasser zeigt uns unsere Hilflosigkeit angesichts der Naturgewalt; eine Hitzewelle dörrt uns aus und verdirbt die Ernten – oder der Krimi, der doch eigentlich nur in Buch und Film vorzukommen hat, wird real, er rückt uns auf den Leib und konfrontiert uns mit unseren ebenso realen Abgründen:

Auf der griechischen Insel Kreta wurde die Wissenschaftlerin Suzanne Eaton, die am Max-Planck-Institut in Dresden gearbeitet hatte, von einem 27jährigen Familienvater zuerst angefahren, dann vergewaltigt und vermutlich auch ermordet, die Leiche warf er in einen Schacht.

Eine schreckliche, eine unfassbare Tat. Hier versagt jedes Wort.

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