Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Lernen

Der 4. literarische Spaziergang des Jahres 2021 steht unter einem besonderen Stern: Die Teilnehmer und ich sind am 25.7. auf den Spuren von Annemarie Reinhard unterwegs, der Ur-Dresdner Schriftstellerin, die ihrer Heimat sehr verbunden war und sich bis zu ihrem frühen Tod 1976 schreibend immer wieder mit komplexen und aktuellen gesellschaftlichen Fragen auseinandergesetzt hat, wenn sie ihr selbst auf der Seele brannten – die Überlegung, ob sie damit opportun handele oder nicht, stellte sich für sie offenbar nicht.

Der erwähnte besondere Stern ist aufgegangen, weil ich mich im Vorfeld mit dem Neffen Reinhards, Herrn Wolfgang Petzoldt und seiner Frau Helga getroffen habe, die beide nicht nur eng mit der Schriftstellerin verwandt und verbunden gewesen sind, sondern sich nun auch bereit zeigen, offen und umfassend über ihre Erinnerungen zu sprechen. Für mich entsteht damit ein erstes lebendiges Bild der Autorin und Frau Annemarie Reinhard in ihrer Zeit, das sicher noch manche Vertiefung erfahren wird. So passt es nun ausgezeichnet, dass uns der folgende Spaziergang in die Cunewalder Straße führt, in deren Hausnr. 11 die Schriftstellerin einst gewohnt hat.

Für meine literarische Ahnfrau ist die Arbeit mit, die Förderung von jungen Menschen von zentraler Bedeutung gewesen, deshalb entscheide ich mich für ein kleines Experiment, das sich aus meinen eigenen pädagogischen Erfahrungen speist: Nach der Begrüßung vermittle ich den Teilnehmern einen Eindruck von Annemarie Reinhard, wie er in einem Schulbuch stehen könnte, ich nenne Lebensstationen, Büchertitel, Auszeichnungen und einige private Fakten wie z.B., dass sie mit dem Schriftsteller Götz Gode verheiratet gewesen ist. Nach einer solchen Einführung wird im Unterricht üblicherweise erwartet, dass sich der Schüler nun für Autor und Werk interessiere, wenn dem nicht so ist, wird schnell ein allgemeiner Kulturverfall beklagt, denn die jungen Leute heutzutage lesen nicht mehr, wollen nichts wissen und überhaupt ist’s früher besser gewesen …

Unser Spaziergang führt uns zunächst zur St.-Michaels-Kirche, wo wir zu einer ersten Lesung innehalten. Anknüpfend an die vorherige Veranstaltung, bei der ich bereits aus dem Roman In den Sommer hinein (1953) vorgelesen habe, trage ich jetzt weitere Auszüge aus dem Buch über die Betriebs-Sanitätsstelle des Grafischen Großbetriebs Grafag, über Dr. Flotthoff und Schwester Melitta und die anderen Protagonisten vor. Annemarie Reinhard macht außerdem das Wartezimmer zu einem wichtigen Handlungsort, was ihr die Möglichkeit gibt, ganz unterschiedliche Menschen und Themen zusammenzubringen. Aus kompositorischer Sicht kann ich dazu nur sagen: geniale Idee!

Am Friedhof vorbei spazieren wir die Cunewalder Straße entlang und bleiben vor dem großen Haus Nr. 11 mit seiner gewaltigen Eiche an der linken Seite, stehen. An diesem historischen Ort beginne ich nun von dem zu berichten, was ich von Familie Petzoldt erfahren habe: Da die Reinhards in der Canalettostraße ausgebombt werden, ziehen sie tagelang mit Flüchtlingstrecks über Land, bevor sie in Grumbach Unterschlupf finden, dies gibt der Autorin den Erfahrungshintergrund für ihren ersten Roman Treibgut, in dem sie das Schicksal zweier Flüchtlingskinder erzählt. Wahrscheinlich in den letzten Kriegswirrnissen lernt sie ihren späteren Mann Götz Gode kennen, der 15 Jahre älter ist als sie und zu dieser Zeit bereits tuberkulosekrank. Bis zu seinem Tod wird sich Annemarie Reinhard um ihn kümmern, damit er seiner Berufung des wichtigen Schriftstellers und Verlagsleiters nachkommen kann. Andererseits ermutigt er seine Frau, sich ihrerseits professionell dem Schreiben zu widmen, denn zunächst hat sie sich zur Damenschneiderin ausbilden lassen und an ein eigenes Schriftstellerinnenleben nicht gedacht. Nach 1945 konzentriert sie sich ganz auf die neue Zeit, sie möchte mitgestalten und mithelfen, eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Deshalb liegen ihr die jungen Leute, wie bereits erwähnt, so sehr am Herzen, sie betreut nicht nur einen Zirkel schreibender Arbeiter, sondern im Stahlwerk Riesa auch eine Patenbrigade. Trotz dieses Engagements sieht sie die Vorgaben der sogenannten Bitterfelder Konferenzen (1957, 1964) differenziert, ihr ist klar, dass eine solche Vorgehensweise nicht für jeden Schriftsteller funktionieren kann. Im Schriftstellerverband der DDR betreut sie eine AG Junger Autoren und vor allem knüpft sie Kontakte, die zu einem sich regelmäßig treffenden, sich gegenseitig inspirierenden Kreis führen. Dazu gehören u.a. Auguste Lazar, die fast zu einer Mutterfigur für Reinhard wird (sie telefonieren bis zu Lazars Tod täglich miteinander), der Verlagsleiter und Schriftsteller Heinz Klemm (1915-1970), ihr Mann Götz Gode sowie Martin Andersen-Nexö (1869-1954). Annemarie Reinhard genießt und braucht diese Zusammenkünfte, die ausführlichen Gespräche, das wechselseitige Vorlesen, dieser geistige Raum ist ihre wichtigste Heimat. Aber sie hat noch eine weitere Leidenschaft: mit viel Liebe und Begeisterung betätigt sie sich als Rosengärtnerin. Vielleicht ist diese Leidenschaft mit dafür verantwortlich, dass sie sich in ihrem Schreiben u.a. durch einen genauen Blick auf die scheinbar kleinen oder nebensächlichen Dinge auszeichnet.

Allerdings gilt auch für Reinhard das, was für diese Zeit typisch ist: Über die Vergangenheit wird nicht gesprochen, alle Kraft richtet sich auf die Zukunft in dem Glauben, das Vergangene sei überwunden, spiele keine Rolle mehr und das einzige, was zähle, sei, sich für eine bessere Gesellschaft einzusetzen. Desgleichen sind verstörende Ereignisse wie z.B. die Verhaftung von Walter Janka (1914-1994), die sie durch den Schriftstellerverband erfahren haben muss, mit einem Tabu belegt.

Zu all diesen Hintergründen kann ich den Zuhörern nun außerdem noch mehrere großformatige Fotos der Schriftstellerin zeigen, in denen uns eine warmherzige, nachdenkliche Frau anblickt.

Mein Experiment zeigt: Auf solche Weise, an historischem Ort, kann eine wirkliche Verbindung zu einer Künstlerin und ihrem Werk entstehen, während die Informationen des Anfangs in der Regel das bleiben, was sie sind: leblose Fakten …

An einer 3. Station im Hinterland, unmittelbar an einem Feld und einer Tierweide hinter dem Wohnviertel, setze ich die Lesung aus In den Sommer hinein fort, die Spannung, wie es mit den Protagonisten weitergeht, liegt in der Luft und Leben und Schreiben haben sich gerade auf vielfältige Weise miteinander verschränkt …

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