Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Licht

Wir reihen uns ein, viele bunte Schirme und Fahnen sind zu sehen, weiße T-Shirts mit dem Querdenken – Schriftzug, außerdem selbst verfasste Plakate zum Beispiel mit der Forderung, die Maskenpflicht aufzuheben oder mit einem Bekenntnis zu Frieden, Liebe, Demokratie; immer mal wieder entsteht ein Sprechchor Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Freiheit klaut!; jemand bietet Wasserflaschen an, es ist sehr heiß.

Als wir an diesem 1.8.2020, gegen 14:30 Uhr, in die Berliner Straße des 17.Juni einbiegen, entdecken wir eine Gruppe von schwarzgekleideten, zum Teil vermummten Gegendemonstranten hinter einer Absperrung, die kleine Plakate hochhalten und etwas skandieren, das nicht zu verstehen ist. Auf den Plakaten entziffern wir Nie wieder Krieg! und Nie wieder Hitler!, woraufhin einige spontan rufen: Das sehen wir ganz genauso, kommt doch zu uns herüber! und auch Nazis raus! Die der Antifa zuzurechnenden Demonstranten lassen sich nicht beirren, sie haben offensichtlich das Bild verinnerlicht, dass wir alle Rechtsradikale seien.

Wenig später gehen wir am Sowjetischen Ehrenmal, das bereits 1945 zum Gedenken an die gefallenen Soldaten der Roten Armee errichtet wurde, vorüber. Für einen Moment überlege ich, wer angesichts des normalerweise 6-8-spurigen Verkehrs auf dieser Straße innehalten und gedenken würde …

In der Nähe der 1. Leinwand, die alle Aktivitäten auf der Bühne in der Mitte der Straße überträgt, lassen wir uns unter den Bäumen des Tiergartens nieder, um den Anfang der Kundgebung zu erwarten. Jetzt entdecken diejenigen, die an ihren Smartphones die Berichterstattung verfolgen, die erste von vielen weiteren Lügen, die folgen werden: Spiegel-online behauptet, dass nur 15000 Teilnehmer gekommen seien und die Veranstalter selbst die Versammlung aufgelöst hätten. Im Gegensatz dazu dauert es noch eine weitere Stunde, bis die gesamte Straße des 17.Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule gefüllt ist und die Kundgebung beginnen kann.

Michael Ballweg, der Initiator und Kopf von Querdenken 711 aus Stuttgart, eröffnet in seiner gewohnten ruhigen Art, er dankt zuallererst dem gesamten Organisationsteam, er mahnt Frieden und Gewaltlosigkeit an und stimmt auf die nächsten Redner ein, die sich zu verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen wie Wirtschaft, Bildung, Kultur, Medien und Soziales äußern werden. Plötzlich heißt es jedoch, die Versammlung werde von der Polizei aufgelöst, da die Hygieneregeln nicht eingehalten würden. Ein hunderttausendfaches Buh! begleitet diese Ankündigung, Michael Ballweg betont, dass wir alle ruhig bleiben sollen, er regt die Teilnehmer und die Polizisten dazu an, in die Herzenergie zu gehen und die gemeinsame Verbundenheit zu spüren. Die Kundgebung wird zunächst unbehelligt fortgesetzt: der Vertreter des Busunternehmens, das viele der Demonstranten nach Berlin gebracht hat, bedankt sich dafür, dass auf diese Weise eine mittelständische Firma, die unter den sogenannten Corona-Maßnahmen besonders leide, von uns allen unterstützt worden sei; es wird zur Situation der Medienpolitik genauso gesprochen wie zu den Widersprüchen im Bestattungswesen und dem Gesundheitssystem – dass nämlich beide Branchen nicht etwa überlastet oder am Rande ihrer Leistungsfähigkeit sind sondern im Gegenteil zahlreiche Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt werden mussten – Thorsten Schulte erinnert in seiner emotionalen Rede daran, dass der 1.8. der Nationalfeiertag der Schweiz ist, und er fordert daran anknüpfend mehr direkte Demokratie … Plötzlich aber ergreift der Jurist Markus Haintz das Mikrofon, er kündigt an, dass die Polizei jetzt auf die Bühne komme, er empfiehlt allen Anwesenden, sich hinzusetzen und gegebenenfalls wegtragen zu lassen und er appelliert an die Polizisten, den Befehl zu verweigern. Diese friedliche Versammlung aufzulösen, ist unverhältnismäßig, wir lassen uns das nicht gefallen, wir bleiben hier. Setzt Euch hin!

Wenig später werden wir Zeuge davon, wie der Einsatzleiter der Polizei einen inneren Kampf kämpft, denn er spürt die Herzenergie aller Anwesenden, er weiß, dass es die friedlichste und größte politische Demonstration ist, die Deutschland bisher gesehen hat – aber er hat offensichtlich klare Handlungsanweisungen. Und so beendet er – in größtmöglicher sprachlicher Distanzierung aber doch – die Kundgebung, der Ton wird abgestellt, wir können sehen, dass sich die Organisatoren auf die Bühne setzen, sich an den Händen halten und gemeinsam sprechen oder singen; dann verschwinden auch die Bilder auf den Leinwänden. Michael Grasemanns riesiges Porträt von Mahatma Ghandi steht inmitten der Menschen; und der Empfehlung von Markus Haintz entsprechend bleiben viele Teilnehmer noch bis in die Abendstunden auf der Straße des 17.Juni, mit Hilfe von Megaphonen werden doch noch einige Reden gehalten, bis auf wenige Ausnahmen ist die gesamte Atmosphäre von Anfang bis Ende friedlich. Für das Corona-Virus hat nun allerdings zum wiederholten Mal besonderer Stress begonnen: Gerade noch hoch gefährlich und aktiv, weshalb die Versammlung ja eben abgebrochen werden musste, fällt es nach der Auflösung durch die Polizei in Tiefschlaf, denn mit der Beendigung der Veranstaltung sind auch die Hygieneregeln außer Kraft gesetzt – was weder zu deutschlandweit erhöhten positiven Testergebnissen noch gar zu sogenannten Hotspots führen wird -. (Eine Situation, die es bereits Anfang Juni 2020 gab: Während der von der Politik und den Medien sehr gelobten Black-lifes-matter-Demonstrationen ruhte sich das Virus ebenfalls aus, tausende Teilnehmer trugen keine Maske, Abstände wurden nicht eingehalten; im Alltag aber muss jeder Maske anziehen, weil Corona so gefährlich ist.)

Am Abend dieses historischen Tages erinnere ich mich an die Worte einer jungen Frau aus Weißenfels, der SED-Genossin Margit Gennburg (die mehrfach den Montagsdemonstranten Rede und Antwort stand, während sich die alten Männer ängstlich im Parteigebäude verschanzt hatten), sie sagte nach der großen Kundgebung am 4.11.1989 auf dem Berliner Alexanderplatz zu mir: Von diesem Tag an habe ich gewusst, dass wir verloren haben, dass wir untergehen.

In der folgenden Nacht kann ich nicht schlafen, ich sorge mich um Michael Ballweg und das ganze Organisatorenteam – was, wenn sie sich entmutigen lassen, gar verzweifeln oder krank werden? Wochenlanger Arbeitsaufwand riesigen Ausmaßes für gerade mal 1 Stunde Kundgebung? Ich spüre intensiv, ich bin in Verbindung mit ihnen und plötzlich wird es ganz warm in meinem Herzen: ich fühle das Feld der Liebe, das über 1 Million Menschen geschaffen haben an diesem historischen Tag, und weil ich es fühle, weiß ich, die Organisatoren sind behütet.

In dieser Nacht wird mir noch etwas anderes deutlich: Das politische Engagement ist wichtig, aber es wird ins Leere laufen, wenn ich nicht nach wie vor an mir selbst arbeite: Welche überlebten, destruktiven Muster erkenne ich in mir, die es loszulassen gilt? In welchen Situationen agiere ich übergriffig oder gewaltvoll? Wie bleibe ich in Beziehung und Dialog mit Menschen meines Umfeldes, die ganz anders denken und empfinden als ich? Wie kann ich meine Grenzen spüren und setzen, ohne Andere anzugreifen?

dieserart begreifend das Gotteswort/ und den Baum, so wie er ist/ … sehr rar das Erdreich dir zu Füßen/ damit du keine Wurzeln schlagen lässest/ und aus der Tiefe Wurzeln gar emporziehst/ und der Himmel oben breit/ damit du drunten schmalen Raums Unendlichkeit/ begreifen lernst/ diese Welt, die kleine die große

aus: Odisseas Elitis/Mikis Theodorakis: Axion Esti (deutsche Nachdichtung: Dirk Mandel)

Menü schließen