Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Lüge

Vielleicht wird es dem einen oder anderen Leser seltsam vorkommen, dass ich meinen ersten Beitrag des Jahres 2020 dem Thema der Lüge widme. Für mich liegt das auf der Hand, denn immer und immer wieder beobachte ich, wie auf Wahrheit, Freiheit oder Gerechtigkeit bestanden wird – in medialen Darstellungen, in Untersuchungen oder Diskursen – und zwar in einer Weise, als existierten diese wichtigen Werte absolut, obwohl sie ohne ihr Gegenteil Unwahrheit, Unfreiheit, Ungerechtigkeit gar nicht vorstellbar sind.

Der Lüge allerdings wohnt ein eigenes aktives Element inne, sie zeugt von einem Vorsatz, wobei dieser sowohl ein bewusster als auch ein unbewusster sein kann. Aufgrund meiner eigenen Interessen kann es sein, dass ich eine bestimmte Sichtweise für wahr halte, während ein anderer erkennt: es handelt sich um eine Lüge oder zumindest um eine Unwahrheit. Wenn zum Beispiel Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen damit abwehrt, dass dies eine Maßnahme gegen jeden Menschenverstand sei, so handelt es sich dabei eindeutig um eine Lüge, denn sowohl die Forderungen der Partei Bündnis90/Die Grünen als auch die Argumentationen unterschiedlichster Akteure für ein Tempolimit beweisen, wieviel verständigen Zuspruch eine solche Entscheidung hätte. Andererseits enthält Scheuers Abwehr natürlich auch eine Wahrheit, nämlich die deutscher Autohersteller, die mit der Möglichkeit besonders schnellen Fahrens ein bestimmtes Käuferklientel erreichen wollen. Geradezu erschütternd empfinde ich in diesem Zusammenhang, dass die alte Aufforderung Freie Fahrt für freie Bürger! fröhliche Urständ feiert, als hätte es seit den 1950er Jahren keine Entwicklung und Erkenntnis gegeben. Kein Bereich unseres Lebens ist so streng und umfassend reguliert wie der Straßenverkehr, gerade hier ein Freiheitsideal einzufordern, erscheint absurd. Ganz abgesehen davon, dass eine Freiheit, bei der der Bürger eingesperrt in eine Blechkiste mit Tunnelblick dahinrast, eine äußerst fragwürdige ist.

Es gibt im Zusammenhang mit dem Nachdenken über Ost und West in dieser Zeit noch einen anderen Satz, der fröhliche Urständ feiert und zugleich eine Tragödie offenbart: Aus den 1944-47 im kalifornischen Exil verfassten Minima Moralia des Philosophen Theodor W. Adorno (1903-1969) stammt die Äußerung, die mitunter fast als Sprichwort gebraucht wird: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Einst unter dem Schock des Faschismus formuliert, wird dieser Satz dazu benutzt, Menschen und ihre Biografien zu entwerten. Im Zuge des Gedenkens an die Wendeereignisse 1989 wird damit verdeutlicht, dass die DDR-Bürger, die sich angepasst, die sich eingerichtet oder die an ihren Staat als den besseren geglaubt hatten, ein falsches, ein unmoralisches, ein wertloses Leben gelebt haben, genauso wie alle diejenigen, die den Nationalsozialismus begrüßt oder sich unter diesen Bedingungen versucht hatten, zurechtzufinden. Was aber wissen wir heute darüber, was es für den Einzelnen bedeutete, 1932, nach Weltwirtschaftskrise und funktionsunfähiger Weimarer Demokratie an einen kleinwüchsigen Eiferer zu glauben, der Deutschland Sicherheit, Würde und Stärke versprach? Wieviel Mühe geben wir uns, den Sozialisten oder Kommunisten zu verstehen, der nach dem Trauma des Krieges die DDR für eine wirkliche Alternative hielt? Wie sehr belügen wir uns selbst, wenn wir denken, dass wir uns heutzutage nicht anpassen, dass wir von unseren Nachgeborenen nicht als unmoralisch bewertet werden könnten? – Allein wenn ich mich mit dem Bereich befasse, den ich besser kenne als andere, die Literatur, sehe ich, wie groß der Anpassungsdruck ist: Es muss geliefert werden, was der Leser kaufen will; es müssen Themen gestaltet werden, die in sind, es geht um Aufmerksamkeitskampf. Wieviel Lüge steckt hier drin?

Von Franz Fühmann (1922-1984) stammt der mahnende Hinweis, dass ein Buch, das nicht unter allen Umständen, seien sie noch so misslich, geschrieben werden müsse, am besten ungeschrieben bliebe. Gerade habe ich mit dem Manuskript meines zweiten Romans begonnen, das dort einsetzt, wo der erste Garbald in Dresden (2017) endet. Die literarische Reise, die jetzt folgt, wird mich von Dresden aus nach Graubünden und auf eine griechische Insel führen, und es wird wieder ein Buch werden, das eine innere Dringlichkeit, eine Notwendigkeit, ein eigenes Drängen hat, ein anderes Schreiben kann und will ich mir nicht vorstellen. Das ist meine persönliche künstlerische Wahrheit.

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