Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Maß

In diesen Tagen erinnere ich mich immer wieder an ein Ereignis im Oktober 1984: Anlässlich des 35. Geburtstages der DDR fand in einem Potsdamer Kulturhaus ein Massenchorsingen statt, an dem wir Erstsemester der Pädagogischen Hochschule Karl Liebknecht teilzunehmen hatten. Obwohl viele von uns dem gesellschaftlichen System im Ganzen und einer solchen Veranstaltung im Besonderen kritisch oder ablehnend gegenüber standen, geschah es, dass wir uns mit tausenden anderen Teilnehmern erhoben und die Internationale schmetterten. Unabhängig von unseren Überzeugungen riss uns in diesem Moment die Dynamik des gemeinsamen Gesanges fort.

In der gegenwärtigen Situation lassen wir uns nicht von gemeinsamem Gesang, sondern, so scheint mir, von kollektiver Angst fortreißen. Und diese Angst, so vermutete ich ja bereits in meinem letzten Beitrag, hat mit dem Tod zu tun oder, um es mit den Worten des Psychiaters Raphael Bonelli (Wien) zu sagen, mit unserer verlorenen natürlichen Verbindung zum Tod. Und unsere Verbindungslosigkeit verweist noch auf etwas Anderes, das wir verloren haben: das Maß. Um nur einige Beispiele zu nennen: Im Massentourismus liegt die Problematik bereits im Begriff, aber man denke auch an astronomische Honorare im Profisport oder bei Musik und Film; das Angebot in Supermärkten ist gekennzeichnet von Überfluss, womit auch massenhafte Lebensmittelvernichtung einhergeht; im Internet hat nur das Bedeutung, was massenhaft geklickt oder geliked wird usw.usf. In Bezug auf Leben und Tod ist zu sehen, dass einerseits 900g – Frühgeburten oder sterbewillige Alte mit riesigem technischem Aufwand am Leben gehalten werden, während andererseits darüber nachgedacht wird, wie Sterbehilfe für bestimmte Betroffene aussehen könnte, die das Gesundheitssystem möglicherweise zu lange belasten.

Das verlorene Maß, die verlorene Verbindung prägt momentan die politischen Entscheidungen.

Ein Szenario, von dem oft gesprochen wird, lautet: Wenn wir die Ausbreitung des Corona-Virus nicht verlangsamen, dann besteht die Gefahr, dass plötzlich zu viele Patienten da sein könnten, die auf ein Beatmungsgerät angewiesen wären und der Arzt müsste dann entscheiden, wer es bekommt und wer nicht. Ein moralisches Dilemma, das man natürlich niemandem wünscht, allerdings eines, mit dem ein Arzt sein ganzes Berufsleben lang konfrontiert ist, immer wieder hat er Maßnahmen zu ergreifen, die Leben oder Tod bedeuten können, zum Beispiel, wenn es auf der Autobahn einen großen Unfall mit vielen Verletzten gegeben hat, muss entschieden werden, wer zuerst operiert wird und für den dritten ist es dann vielleicht zu spät.

Jeder, der einen Angehörigen, einen Menschen, den er liebt, verliert, steht vor der gewaltigen Aufgabe des Loslassens, er fühlt großen Schmerz, er trauert. Vor dieser Aufgabe können wir nicht fliehen, irgendwann werden wir uns ihr zu stellen haben und das meist mehrmals bis es letztlich darum geht, das eigene Leben loszulassen.

Ein wesentlicher Faktor, der unsere Situation kennzeichnet, sind Zahlen. Ich denke darüber nach, was diese Zahlen aussagen und was sie verschweigen. Von der mangelnden Information über genesene Menschen habe ich bereits geschrieben, aber auch das Alter der Betroffenen bleibt meist ungenannt. In Italien beträgt das Durchschnittsalter der 4000 an (oder auch nur mit?) Corona gestorbenen Patienten knapp 80 Jahre, d.h., es sind Menschen am Ende ihres Lebens, die jeden Tag dem Tod ins Auge geblickt haben. Die mediale Welt leugnet diesen natürlichen Zusammenhang, indem sie von der Risikogruppe spricht, dabei steht eine alte und kranke Person auch ganz ohne Corona dem Tod immer näher als dem irdischen Leben.

Eine Parallele drängt sich mir unwillkürlich auf: Als sich 2015 in Dresden die Bewegung der Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) gründete, wurde den Teilnehmern eine gänzlich irrationale Angst vor Überfremdung attestiert, da der Ausländeranteil in der sächsischen Landeshauptstadt sehr gering war. Im Freistaat Sachsen mit 4 077 937 Einwohnern haben wir heute die Zahl von 741 Infektionen mit einem Todesfall (Quelle: sachsen.de), das sind 0,018%. Demgegenüber stehen Anweisungen, die das öffentliche Leben fast völlig lahmlegen, die tausende unternehmerische und freiberufliche Existenzen gefährden oder womöglich schon gekostet haben. Ist das angemessen?

Mit großer Sorge habe ich von der flammenden Rede des von mir sonst sehr geschätzten französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron gelesen, der sein Volk zum Krieg gegen den unsichtbaren Feind aufrief. Meiner Überzeugung nach hätte er genauso gut zum Krieg gegen das Leben aufrufen können, denn Viren gehören nun einmal dazu und selbst wenn es gegen Corona einmal einen Impfstoff geben sollte, dann wird bereits längst ein neues Virus entstanden sein. Die wirksamste Immunität entsteht immer noch, in dem die Krankheit er-lebt wird, sodass Antikörper gebildet werden können.

Und das ist es wohl, wir haben nicht nur unsere natürliche Verbindung zum Tod sondern damit auch die zum Leben verloren. Durch die gegenwärtige Krise wieder in eine Tiefe des Fühlens zu kommen, ist eine große Chance. Und es gibt noch andere Auswirkungen: Die Natur atmet auf, Luftwerte verbessern sich, Flüsse werden sauberer, der Lärm des Alltags geht zurück. Die Globalisierung, die wir bisher uneingeschränkt gefeiert oder schlicht als Naturgesetz angesehen haben, offenbart ihre Fragilität, nur durch unsere weltweite Mobilität wurde die rasche Verbreitung des Virus schließlich möglich. Wenn wir also in Zukunft wieder viel stärker in regionale Produktionsketten investieren, wenn wir auf kurze Wege setzen, wenn wir nicht mehr immer alles zu jeder Zeit haben wollen … dann kann sich aus dieser Situation viel Gutes entwickeln.

Und noch eines: Vor ungefähr 10 Jahren löste sich ein Dachziegel vom Blockhaus und krachte direkt hinter mir auf den Weg, da war der Tod ungefähr einen halben Meter von mir entfernt; 2 Jahre später radelte ich über eine grüne Ampel am Bahnhof Mitte, auf dem linken Fahrstreifen stand ein LKW, sodass ich von der Straße aus nicht zu sehen war, auf der rechten Spur raste ein PKW durch und verfehlte mich um wenige Zentimeter. Was soll man dazu sagen? Eindeutig Risikogruppe.

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