Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Menschenbild

In der Geschichte hat es immer wieder Zeiten gegeben, in denen festgefahrene Strukturen, gesellschaftliche Abhängigkeiten, geopolitisch bzw. geostrategisch motivierte Unwahrheiten und Lügen sichtbar wurden, in denen – plötzlich, so scheint es – für jeden erkennbar werden kann, was vorher verborgen gewesen ist. Dass wir im gegenwärtigen Ausnahmezustand eine solche Zeit erleben, steht für mich fest.

Dabei denke ich momentan weniger an konkrete Prozesse wie die weitere rasante Umverteilung des Weltvermögens, die Macht der globalen Wirtschaft und ihrer Lobbyisten, die Loslösung der Finanzmärkte von jeglicher Bindung an reale Werte, die offensichtliche Fehlkonstruktion des Euro u.v.a.m., sondern für mich ist die Metaebene, die ich hinter all dem sehe, interessanter. Deren Thema lautet meiner Einschätzung nach: Beziehungslosigkeit.

Es spielt keine Rolle, in welchen Bereich wir hineinsehen, das Bild wiederholt sich: Seit Jahrzehnten stopfen wir uns mit Lebensmitteln voll, die diesen Namen nicht verdienen; wir spüren offenbar nicht, was wir uns selber antun, wenn wir einerseits hochgezüchtetes oder genmanipuliertes Gemüse und andererseits Fleisch oder Fisch essen, in dem das Leid eines Tieres gespeichert ist, das nicht als Kreatur, sondern ausschließlich als Rohstofflieferant betrachtet wird.

In den staatlichen Schulen werden junge Menschen zu Datenspeichern degradiert, in die man Unmengen an Kenntnissen schüttet, die dann zu Tests und Prüfungen abgefragt und sofort vergessen werden (der Begriff des Bulimie-Lernens bringt das auf den Punkt). In den 19 Jahren, die ich selbst im Schuldienst tätig war, ist es stets mein Bemühen gewesen, Räume des gemeinsamen Denkens, Fühlens und Forschens zu schaffen, den Kindern oder Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen (was nicht mit Anbiederei verwechselt werden darf) und eine Atmosphäre zu erzeugen, die Kreativität möglich macht – was mich als Lehrende immer eingeschlossen hat. Die Dichterin Eva Strittmatter, deren 90. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, macht bereits in den 1970er Jahren auf diese Grundsätze aufmerksam (die staatliche Schulbildung der DDR war offensichtlich genauso geprägt wie die gegenwärtige): Mit der Schulinterpretation ist das aber so eine Sache. Meistens wird sie rationell betrieben, das Gedicht wird in seine Bestandteile zerlegt und logisch zu erklären versucht. Unter diesen Bedingungen kann es aber keine Poesie geben und brauchte es sie nicht zu geben. Ich fürchte den Tag, an dem meine Gedichte in der Schule behandelt werden könnten. Möge er nicht kommen! Poesie entsteht aus Worten und ihren Zwischenräumen, aus den geheimnisvollen Beziehungen zwischen dem Gesagten und dem Nichtgesagten, aus der Melodie der Worte und ihren rhythmischen Läufen, aus Anklängen und Mitklängen. In einem kleinen Gedicht können die vielfältigsten Elemente enthalten sein, es ist aber unnötig, dass man das auseinandernimmt und … abfragt. (Strittmatter, Eva: Briefe aus Schulzenhof, Aufbau-Verlag Berlin, 1996, Bd.2) Gedichte habe ich im Unterricht meist mehrfach laut lesen lassen, meine erste Frage zielte auf die Stimmung, auf das Gefühl, das von den Versen ausgelöst wird, meine oft wiederholte Ermutigung hieß: Sprich von dir, von deinem Zugang; ich bin nicht klüger als du, ich kann und werde keine Deutung vorgeben …

Mein persönliches Beispiel macht klar, dass es nicht darum gehen sollte, einzelne Schlachter, Bauern, Lehrer, Polizisten usw. zu kritisieren, sondern es muss um eine systemische Betrachtung gehen – wir sehen, dass das gesamte System einer Transformation bedarf. Außerdem zeigen die Initiativen und Lebensformen, die es bereits gibt und die weiteren Zulauf haben (alternative Schulen, gemeinsame Wohnprojekte, Genossenschaften, biodynamische Landwirtschaft, regionale Produktion u.v.a.), dass die Suche nach Verbindung und Verbindlichkeit, nach Kontakt und Miteinander in vollem Gange ist. Die Quantenphysiker haben schon vor langer Zeit nachgewiesen, dass das, was die Welt im Innersten zusammenhält, nicht ein kleinstes Teilchen, ein Atom, ein Nanopartikel ist, sondern das Schwingen zwischen ihnen, ihre Beziehung. Daraus folgt, dass eine Analyse ihren Kontext braucht, um zu einer wirklichen Erkenntnis zu werden. Aktuell bedeutet das zum Beispiel, dass die Erforschung eines Virus nur dann sinn-voll wird, wenn sie mit vielen anderen Faktoren wie Reaktionen des Immunsystems, Ernährung, Alter, Umwelteinflüsse, seelische Verfasstheit; mit Testhäufig- und Testzuverlässigkeit usw.usf. verbunden wird.

In letzter Zeit hat der Begriff der Heimat Konjunktur, was meiner Ansicht nach eine logische Reaktion auf all die globalen Entwicklungslinien (wirtschaftlich, politisch, künstlerisch, gesellschaftlich, technisch) ist, es geht um ein Gefühl des Zuhause-Seins, der Verwurzelung. Ich versuche, mit meiner Literatur dazu beizutragen, dass Heimat die Gleichsetzung mit Schönheit verlassen darf. Zu einer tiefen Verbundenheit gehört, dass ich auch die dunklen, die hässlichen Seiten er- bzw. anerkenne und integriere. Unsere jetzige Situation eröffnet uns eine große Chance: Wie oft haben wir das Verhalten, die Überzeugungen unserer Groß- und Urgroßeltern von uns abgeschnitten, weil sie z.Bsp. gläubige Nazis oder einfach Mitläufer des Systems von 1933-1945 gewesen waren? Heute erleben wir, wie wirkmächtig eine Propaganda ist, die wochenlang auf uns einprasselt und um Propaganda handelt es sich, wenn kritische Fragen, Zweifel, andere Ansichten und Expertisen nicht zugelassen werden (Das Abschalten von Beiträgen auf youtube; die Verunglimpfung von Demonstranten, von Wissenschaftlern, Journalisten, Ärzten und Juristen als Aluhutträger, Wirrköpfe, Verschwörungstheoretiker oder Rechte spricht eine deutliche Sprache). Wir erleben am eigenen Leib, wieviel Angst erzeugt worden ist, wir erleben Gruppendruck, der ausgeübt, wir erleben irrationales Verhalten, das als normal erachtet wird. Es wird Zeit, dass wir uns mit unseren Vorfahren verbinden und versöhnen, denn sie haben nicht anders reagiert: Sie glaubten irgendwann, dass alle Juden Wucherer seien, die die Deutschen aussaugten und betrügten und alle Russen Untermenschen mit Messer im Maul (Joseph Goebbels: Das ist das Geheimnis der Propaganda: den, den die Propaganda fassen will, ganz mit den Ideen der Propaganda zu durchtränken, ohne daß er überhaupt merkt, dass er durchtränkt wird.) Wir glauben, dass ein gefährliches Virus grassiere, das jede Maßnahme zur Eindämmung rechtfertige.

Am Anfang der sogenannten Corona-Krise ist das Schreckensbild der Triache an die Wand gemalt worden: Wenn das Gesundheitssystem überlastet werde, dann müsste ein Arzt womöglich entscheiden, welcher schwer erkrankte Mensch an ein Atemgerät angeschlossen werden könne und welcher nicht. Nach Wochen der Corona-Maßnahmen ist festzustellen, dass das deutsche Gesundheitssystem zu keinem Zeitpunkt überlastet und meistenteils nicht einmal ausgelastet gewesen ist, flächendeckende Triache hat gleichwohl stattgefunden. Sowohl die Propaganda als auch die radikalen Maßnahmen von gesellschaftlichem Stillstand, von Ausgangssperre und sozialer Distanzierung haben dazu geführt, dass Menschen nicht zum Arzt oder ins Krankenhaus gegangen sind, weil sie befürchteten, sich anzustecken; tausende wichtiger Operationen sind verschoben worden; vereinsamte Alte oder Pflegebedürftige haben ihren Lebensmut verloren; mittelständische Unternehmer, Freiberufler, Künstler, Selbstständige haben sich umgebracht, weil ihre berufliche Existenz zerstört wurde. Die propagandistische Sprache verschleiert die Situation, sie redet in diesem Zusammenhang nicht von Toten, die wir zu beklagen haben, sondern von Kollateralschäden

Demonstrationen für das Grundgesetz, Ignorance Meditation, die Partei WIR2020, Demokratischer Widerstand, Nicht ohne uns! und viele Initiativen mehr zeigen, worum es geht: Im Miteinander, im gemeinsamen Einsatz für eine ganzheitliche Lebensweise, in der Anerkennung und Wertschätzung von Differenzen liegt unsere Zukunft. Oder, um es anders zu formulieren: Visionäre, die spüren, dass es auf allen Ebenen um eine neue Beziehungskultur geht, finden sich zusammen. Oder im Sinne des Historikers und Friedensforschers Daniele Ganser (Basel): Die Menschheitsfamilie wird sich ihrer selbst bewusst.

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