Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Mikis

Im Zuschauerraum des Steinsaales des Hygienemuseums in Dresden sind nur einige Reihen besetzt, das Orchester der Musikhochschule Carl Maria von Weber hat auf der Bühne Platz genommen, viele Choristen sind als Zuhörer anwesend, denn heute begegnen sich zum ersten Mal Dirigent und Ausführende. Letztere sind wortreich aufgefordert worden, besonders geduldig und verständnisvoll zu sein, der ausländische Gast sei krank und deshalb möglicherweise gereizt oder unfreundlich. Die Musiker stimmen ihre Instrumente, Gesprächsfetzen und Lachen sind zu hören, der 2-Meter-Mann betritt den Raum scheinbar unbemerkt, es gibt keine großen Gesten, kein Aufhebens und doch ist mit einem Male alles anders, im Saal entsteht eine Atmosphäre der Wärme, der Menschenliebe, ein verbindender Geist, der für den Empfänglichen fast mit Händen zu greifen ist.

Kurz darauf steht er vor den Musikern, hebt die langen Arme weit übers dichte Gelock des Kopfes und fängt aus der Mitte seines langen Leibes heraus zu tanzen an: Mikis Theodorakis leitet eine Orchesterprobe in Vorbereitung der Premiere seines Volksoratoriums Axion Esti im Kulturpalast Dresden am 25.5.1982. Der griechische Komponist, dessen zerschundener, zerfolterter Körper ihn jedes Dirigat mit heftigen Schmerzen bezahlen lässt, zeigt sich bewegt vom engagierten Spiel der Instrumentalisten, geduldig und mit feinem Humor weist er auf Passagen hin, die noch nicht seinen Vorstellungen entsprechen, vor allem aber nimmt er jeden in seinem dirigentischen Tanz mit in einen weiten spirituellen Raum, der gerade von uns eingemauerten DDR-Bürgern besonders stark empfunden wird, allerdings ohne dass wir Worte dafür haben können, denn unser Leben ist von einer durch und durch materialistischen Ideologie bestimmt.

Meine erste Begegnung mit Mikis Theodorakis ist dem Umstand geschuldet, dass ich als 16Jährige Mitglied des FDJ-Chores der EOS Kreuzschule bin, der gemeinsam mit dem Beethovenchor des VEB Elektromaschinenbau Sachsenwerk seit einigen Wochen unter der Leitung des Lehrers und Dirigenten Christian Hauschild (1939-2010) das griechische Werk probt, was bis zu jenem Tag im Hygienemuseum für uns Sänger zum Teil ein schwieriges Unterfangen ist. Die volksliedhaften Teile reißen mit, aber die komplexen griechischen Texte erschließen sich trotz der sehr poetischen Nachdichtung von Dirk Mandel kaum; gar nicht zu reden von anstrengenden sinfonischen Passagen, die uns viel abverlangen. Die nun folgenden Proben unter Theodorakis‘ Leitung lassen jede Anstrengung vergessen, ich selbst höre auf, dauernd rational verstehen zu wollen, plötzlich ist das nicht mehr wichtig. Dass ich mit diesem Prozess nicht allein gewesen sein kann, belegt die nach wie vor gültige Plattenaufnahme, die von einem zweiten Konzert in Leipzig im Oktober 1982 gemacht worden ist.

Im Mai 1982 kommt Mikis zu einer Veranstaltung in die Aula der Kreuzschule, vor der Tür stehe ich für eine Weile allein mit ihm, er sieht das Leuchten in meinen Augen und lächelt, dann nimmt er mit einer ruhigen Bewegung meine Hand in seine beiden. Das 16jährige Mädchen und der 60jährige Mann verstehen einander.

Für mich kommt es einer Fügung gleich, dass ich bis zum Ende meiner Schulzeit noch mehrfach die Chance bekomme, unter dem Dirigat des verehrten Griechen singen zu können, denn er, der Mensch, hat eine tiefe Sehnsucht in mir geweckt: hinaus aus den Grenzen meiner kleinen Welt und hinein in die alte nährende Kultur Griechenlands. Also beschäftige ich mich mit dem Leben und Schaffen von Theodorakis selbst, sehe in dieser Zeit im DDR-Fernsehen zum ersten Mal den legendären Sorbas-Film von 1964, vor allen Dingen aber bin ich zutiefst davon beeindruckt, dass ein Mann, der Verbot, Verbannung, Folter und Exil erleben musste, keine Spur von Opfer in sich trägt, dass es bei ihm keinen Zynismus, keinen Hass, sondern Liebe gibt. Ich erinnere mich an eine Probenpause im Kulturpalast, in der einige Mitwirkende den Dirigenten umstehen, und er sagt etwas wie: Meine Devise ist: Empfindsame aller Länder, vereinigt euch!

Mikis, der bereits als Kind die verschiedenen Traditionen und Musikstile der Inseln, des Peloponnes‘ und des Festlandes kennenlernt, der sich in der klassischen Sinfonik, in der Film- und Ballettmusik genauso bewegt wie im lyrischen oder politischen Lied, wehrt sich auf mehreren Ebenen immer wieder gegen enges Denken oder Kategorisierung. In der DDR möchte man in ihm gern einen Vorzeige-Kommunisten haben, was zum Beispiel zu der ernst gemeinten Frage führt, wie er Texte vertonen könne, in denen von Gott die Rede sei; aber auch in der musikwissenschaftlichen Perspektive soll er eingeordnet werden. Dem stellt sich in vielen Veröffentlichungen derjenige entgegen, dessen Einsatz die Zusammenarbeit von DDR-Künstlern mit dem Griechen überhaupt erst möglich gemacht hat: Peter Zacher (1939-2014), Rezensent und Musikwissenschaftler und seinerseits ein freier Geist. Denn es ist im Laufe der Zeit nicht einfach gewesen mit Theodorakis und der DDR: Während der griechischen Militärdiktatur malen tausende Kinder aus Solidarität Rosen für Mikis, als er aber den Einmarsch in Prag 1968 kritisiert und sich für den sogenannten Eurokommunismus ausspricht, breitet die DDR-Führung den Mantel des Schweigens über den Griechen; Ende der 1970er Jahre hat Zacher dann mit seinem Einsatz Erfolg und es beginnt eine Phase zahlreicher Konzerte, Auftragswerke, Uraufführungen.

Eine davon wird 1984 in dem wunderbaren Dokumentarfilm und am Ende DAS KONZERT von Joachim Tschirner festgehalten, das heißt, die Vorbereitung derselben: Anläßlich der Uraufführung der Siebenten Sinfonie Frühlingssinfonie am 19.5.1984, das ein Auftragswerk der Dresdner Musikfestspiele ist, kommen dann nicht nur Mikis selbst sondern auch der Dichter Jannis Ritsos (1909-1990) nach Dresden. Längst habe ich mich mit griechischer Literatur beschäftigt, habe gelesen, wessen ich habhaft werden konnte, nicht nur Ritsos sondern auch mehrere Bücher von Nikos Kazantzakis (1883-1957), Gedichte des ersten griechischen Literaturnobelpreisträgers Giorgos Seferis (1900-1971) und später den leidenschaftlichen Roman Ein Mann der italienischen Journalistin Oriana Fallaci (1929-2006) über den griechischen Widerstandskämpfer Alekos Panagoulis, der 1976 unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen ist.

Die Premiere des erwähnten Films im Rundkino findet am 6. März 1986 statt, meinem Geburtstag. Doch damit nicht genug: Zu Ostern desselben Jahres telefoniere ich mit Peter Zacher, er erzählt mir, dass Mikis gerade zu Gesprächen in Dresden weile, er habe keine Konzerte und deshalb nicht soviele Verpflichtungen, also könne ich ihn bestimmt treffen. Und so geschieht es, dass ich am Ostersonnabendvormittag mit Mikis Theodorakis im Hotel zusammensitze, er schenkt mir die Noten seiner Klaviersuite, berichtet von den Plänen einer Oper, er möchte wissen, was ich studiere und warum ich Lehrerin werden möchte, ich stammle vermutlich ziemlich herum in meinem DDR-Englisch, aber das spielt keine Rolle. In unserer Begegnung darf nicht nur meine Unsicherheit und Aufregung dasein, ich spüre auch bei Mikis eine fast rührende Unbeholfenheit, was ganz praktische Belange betrifft, Tee kochen zum Beispiel. All das ist nicht wichtig oder doch, es ist gerade wichtig, weil es unser gemeinsames Menschsein offenbart, während unsere Seelen ohnehin in ihrem eigenen Gespräch sind …

Während meines Studiums in Potsdam und auch später halte ich Vorträge über Theodorakis, und als ich endlich meiner Stimme vertraue und meine jahrelange Sehnsucht erfüllen möchte – auf einer Bühne zu stehen und zu singen – träume ich nach einer gelungenen Probe, dass ich ihm sein Lied Abschied (von der CD Asmata) vorsinge und schon im Traum selbst weiß ich: jetzt ist die Sängerin Uta geboren …

Mikis Theodorakis hat nie aufgehört, sich politisch zu engagieren sowie seine Stimme in den Dienst der Aussöhnung von Griechen und Türken zu stellen, zum Beispiel durch gemeinsame Konzerte mit Zülfü Livaneli; Ende 2010 wird er zum Ideengeber der unabhängigen Bürgerbewegung Spitha (Funke), um außerparlamentarisch aufzuklären und Konzepte zu entwickeln, die aus den internationalen Krisensituationen herausführen können; 2012 nimmt er an einer Demonstration gegen die sogenannte Troika teil, bei der er durch Tränengas im Gesicht schwer verletzt wird, und auf seiner webseite äußert er sich immer wieder mit deutlichen Worten zu aktuellen Geschehnissen.

Jetzt, mit 96 Jahren, ist er verstummt, aber nur, was seine leibliche Existenz betrifft, denn der Geist von Mikis, seine freie liebende Seele sind unsterblich und wir alle können seinen Geist der Verbindung weitertragen …

Erinnerung                               für Mikis Theodorakis

Still tratst du heran, der Saal dehnte sich/ Wir sangen und sprengten, was Grenzen uns zog/ Der Ruf früherer Zeiten klang wesentlich/ Ich sah dich an, dieser Augenblick wog.

Am Abend ein Flirren, die Sonne vergeht/ Das Haus hat sich Lichter ins Haar gesteckt./ Wir atmen zusammen, Levandes weht/ So hast du mich stumme Omphale geweckt.

Alle Schritte zu gehen, zur Bühne hinauf/ Ich sehe dich tanzen im grauen Kleid/ Lobpreisend die Verse von Stimmen zuhauf/ Der Schmerz ist der Bruder der Welt.

Still tratst du heran, der Saal dehnte sich/ Wir sangen und sprengten, was Grenzen uns zog/ Der Ruf früherer Zeiten klang wesentlich/ Ich sah dich an, dieser Augenblick wog.

Das Nest der Hydra, ich schwamm hinein/ Nur tief gestiegen heißt hoch erklommen/ Den Esel am Berghang hole nimmer ich ein/ doch hab ich die Klage vernommen.

Sie hat mich begleitet, zur Insel geführt/ Schaumweiß geboren, so liegst du am Strand/ Das Meer trägt mit sich, was die Seelen berührt/ Der Himmel loht purpurn in seinem Brand.

Still tratst du heran, der Saal dehnte sich/ Wir sangen und sprengten, was Grenzen uns zog/ Der Ruf früherer Zeiten klang wesentlich/ Ich sah dich an, dieser Augenblick wog.

CD Verschenkte Lieder – Chansons Cadeaux von Uta Hauthal und Konrad Möhwald, Dresden 2015 (http://utahauthal.de/verschenkte-lieder/)

Menü schließen