Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Nacht

Der Schlaf und Schlafes Bruder; der fahle Mond schickt eine Straße matten Lichts herab; die fast schwarzen Wasser des Flusses werden hell gesprenkelt; Sternpunkte im unendlichen Himmel; mysteriöse Träume … Leicht kann ich mich hineinschreiben in die Bilder und Geheimnisse der Nacht und wenn dies geschieht, dann sind sofort Andere in Motiven, in Versen, in Klängen mit anwesend: Tschaikowski und Arnim, Friedrich und Günderode, Bonaventura und Hoffmann … Wie oft habe ich das in den letzten Jahren gedacht: es ist höchste Zeit, dass wir uns wieder mit der Kunst und Philosophie der Romantik beschäftigen, wir haben sie dringend nötig.

Denn wir haben uns zu Sklaven des Lichts gemacht, auf allen Ebenen: das Sehen ist der wichtigste Sinn; in Größenordnungen haben wir die ländlichen Räume entvölkert und damit dem Dunkel überantwortet, während die Städte platzen und unter Lichtverschmutzung leiden; die mit dem Sehen verbundene Vernunft gilt als wichtigste Instanz; das Licht der Erkenntnis wird gesucht; die gesamte digitale Welt, für die es unsere Augen braucht, beschert uns helle Bildschirme zu jeder Tages- und Nachtzeit … Wie immer und überall gilt auch hier: die Dosis macht das Gift. Dank dieser Erkenntnis können wir unseren eindimensional gewordenen Weg verlassen, wir können uns erneut der geheimnsvollen Nacht, der Mystik der Träume und des Übersinnlichen, dem unerklärlichen Strom des Schöpferischen, der Poesie zuwenden. Ich gehe in die Gemäldegalerie der Neuen Meister und versenke mich in Caspar David Friedrichs Friedhofseingang (1830), ein Gemälde, das ich seit über 30 Jahren kenne, ich gebe mich am Klavier dem melancholischen Fluss des Chanson triste von Tschaikowski hin, ich lasse mich von E.T.A. Hoffmanns grüner Schlange auf den Elbwiesen in die Anderswelt führen …

Die Romantiker waren in ihrer Kunst dem Ganzheitlichen so nah wie keine Epoche davor oder danach: die materielle, die wissenschaftliche Welt kennend, die immaterielle, spirituelle Welt spürend – wenn wir zu dieser Verbindung zurückfinden, dann werden wir uns in unserer westlichen Kultur wirklich weiterentwickeln. Unser Rückgriff auf die Zeit der Aufklärung muss ein kritischer werden, denn so wichtig und befreiend der Schritt aus irrationalen Bewegungen wie dem Hexenwahn zum Beispiel war, hatte er auch eine dunkle Seite. Die Natur auf die Streckbank legen eines Francis Bacon (1561-1626) bot die geistige Grundlage für die Ausbeutung aller Ressourcen, die wir soweit vorangetrieben haben, dass unser Klima heute zu kippen droht.

Wir haben uns entfremdet, nicht nur von der Natur, sondern vor allem von uns selbst: Die Sonnenblume, die Birke, der Haselstrauch – sie streben immer zum Licht, gleichzeitig bleiben sie tief in der dunklen und nährenden Erde verwurzelt. Die Sonnenblume, die Birke, der Haselstrauch – sie wachsen, blühen und sterben, sie brauchen den Tag und die Nacht, den Regen, die Sonne. Mithilfe all unserer technischen Möglichkeiten versuchen wir so zu tun, als träfe das für uns Menschen nicht zu.

Vor einigen Jahren zürnte ich ob der Einführung der neuen Rundfunkgebühren, einer gesetzlich eingeführten Abgabe, die keine Differenzierung zulässt, das traf mich, die ich keinen Fernseher besitze und nur gelegentlich einen von 3 Radiosendern höre, hart. Auf einer meiner Poesie-Tankstellen-Reisen, abends in den Pensions- oder Hotelzimmern (in denen es immer Fernsehgeräte gab!), beschloss ich, das mir völlig fremde Medium zu testen. Ich probierte ARD, ZDF, MDR, NDR, arte und Phoenix. Was ich fand, machte mich sprachlos: Krimis auf allen Kanälen, oberflächliche Serien, Nachrichten, die ausschließlich aus Katastrophenmeldungen bestanden, Talkshows, in denen sich Moderatoren und Teilnehmer ins Wort fielen, einander nicht zuhörten und dauernd gockelhaft die Federn spreizten …

Diese wahrhaft düstere Erfahrung kann ich jetzt mit Freude relativieren: Vor einigen Tagen stieß ich im Internet auf Aufzeichnungen des SWR, ich erlebe plötzlich intime Gesprächsrunden, in denen schwierige oder gar tabuisierte Themen wie Menschenhandel, Gefangen oder Der Abgrund in mir verhandelt werden, in denen der Einzelne seinen wertschätzenden Raum erhält, in denen der Moderator Michael Steinbrecher sich achtsam und spürbar interessiert seinen Gästen zuwendet. Sehr passend heißt diese Sendung SWR Nachtcafè.

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