Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Nachts

Es stand in schwarzen Lettern an die Hauswand des Cafès Kuchenglocke gesprüht: Pegida töten!!!

Hildegard Kurt machte mich darauf aufmerksam, als wir nach ihrem Vortrag, in dem sie über das Künstlerische in Gestaltungsprozessen von der Zukunft her nachgedacht hatte, den nächtlichen Martin-Luther-Platz in Dresden querten.

Die Art und Weise, wie sie, die Visionärin, mir zuhörte, als ich von den Spaltungserfahrungen in meiner Stadt berichtete, veränderte meine eigene Sicht grundlegend. Ich sah auf diese entsetzliche schwarze Aufforderung an der Wand, die sich einreihte in die lange Liste ähnlicher Äußerungen mit jeweils unterschiedlichen Adressaten, und zum ersten Mal spürte ich nicht Aggressivität, nicht Gewalt, sondern mir war, als schrieen die Buchstaben in kaum zu ertragendem Schmerz, jeder einzelne. Und was ist denn ein Trauma anderes als erlebter tiefer Schmerz, der später weggeschlossen, gut verschnürt und in die hinterste Seelenecke gedrängt wird?

Immer wieder hatten mich die Fortführungen im 20. Jahrhundert und darüber hinaus beschäftigt, jetzt erkannte ich einen inneren Zusammenhang, der bisher nie so deutlich hervorgetreten war:

Junge Männer, manchmal noch mehr Junge als Mann, zogen, begeistert oder nicht, in den I. Weltkrieg, um Deutschland einen Platz an der Sonne zu verschaffen. Sie kehrten zurück (falls sie zurückkehrten) und trugen die Bilder der Zerfetzten, des Blutes, der Gefahr in sich, in jeder ihrer noch vorhandenen Körperzellen. Vielleicht waren sie außerdem nicht mehr vollständig, fehlte ihnen ein Auge, eine Hand, der beste Freund.

Sie kehrten zurück und niemand sprach mit ihnen und sie selbst hatten keine Worte, um diese Bilder zu beschreiben. Also stürzten sie sich in die Zukunft, beendeten die Schule, fingen Ausbildungen an, studierten. Die innere Zerstörung musste notdürftig gehalten werden – von einer Ehe, die Schönheit, von einem Beruf, der Sicherheit versprach. Mit steter Anstrengung und beispiellosem Fleiß konnte das Ziel erreicht werden, das erste Kind wurde geboren, alles war gut.

Nein, es war nicht gut. Der Verlust der eisern zusammengetragenen Ersparnisse versetzte die Männer in Rage, sie, die soviel geleistet hatten, waren verraten worden, das politische System der Weimarer Republik kippelte wie ein Stuhl, der nur noch drei Beine hat, nirgendwo gab es einen Halt, die innere Bilderhölle drohte ans Licht zu kommen – sie mussten etwas unternehmen. Da wurde ein kleiner Mann mit seltsamem Schnurrbart sichtbar, er reichte ihnen die Hand und wies einen verführerischen Weg: Ab sofort bist du Teil einer starken und reinen Volksbewegung, du musst dich nicht mehr sorgen, die Gemeinschaft ist immer für dich da, nichts Schlimmes kann dir geschehen. Du wirst in der Lage sein, nicht nur deine Schreckensbilder loszuwerden, sondern du wirst endlich Deutschlands Scham tilgen, du wirst dein Haupt stolz erheben.

Die jungen Männer in Dresden, inzwischen Familienväter und mehr oder weniger erfolgreich in ihren Berufen, atmeten auf, sie dankten dem Führer mit großer Begeisterung. Und sie schworen einen heiligen Eid: Sie würden sich ganz in den Dienst der edlen Sache stellen, sie würden ihre Kraft ganz dem Vaterlande weihen.

Es dauerte nicht lange, da tauchten Zweifel auf, einerseits geschahen Dinge, die den Bildern in der hintersten Seelenecke glichen, andererseits erinnerten sich ihre Körper ans Funktionieren. Das ging alles noch reibungslos: laden, durchziehen, feuern, laden, durchziehen, feuern …

Sie sprachen nicht, sie erfüllten ihre täglichen Pflichten, sie strichen den Kindern übers Haar, dankten der Frau für die Abendmahlzeit.

Wieder zogen sie in den Krieg, um Deutschland groß zu machen oder sie kämpften an der Heimatfront und teilten die Lebensmittelmarken gut ein. Das politische System begann erneut zu kippeln, zumindest aber blieben sie in Dresden von Bombardierungen nahezu verschont, das gehörte sich auch so, eine Stadt, die sich nur der Kultur verschrieben hatte, die keine militärische Bedeutung besaß und sich ständig mehr mit Flüchtlingen füllte, eine Stadt, die weltweit berühmt war für ihre Schönheit, wurde selbstverständlich nicht zerstört!

Und wieder hatten die Männer, die nicht mehr jung waren und die nicht sprachen, eine gewaltige Leistung zu vollbringen, es musste viel und noch besser weggeschlossen, verschnürt und in die hinterste Seelenecke gedrängt werden. Zu überleben, die Familie durchzubringen, Leichen zu verbrennen und die Stadt wiederaufzubauen, nur darauf kam es jetzt an. Oder wirksamer noch: die Trümmer beseitigen, etwas Neues schaffen, eine Stunde Null. Es gab so übermenschlich viel zu tun, zu reden gab es nichts, die Männer stürzten sich in die Zukunft.

Das Leben in Dresden stabilisierte sich unter Vorzeichen, die die Männer entweder hoffnungsfroh begrüßten oder ablehnten, und jedenfalls ging es in Manchem voran. Nur die Kinder entwickelten sich schon längst anders als erhofft, sie hatten die väterliche Autorität von Anfang an nicht genügend akzeptiert.

Nach Jahren des Durchhaltens legten sich die Männer schließlich hin und starben, während die Söhne und Töchter sich um Familie und Beruf kümmerten und nun ihrerseits eifrig mit ihren Kindern – schwiegen.

Die Fortführungen gehen weiter, im sozialistischen Dresden, im demokratischen Dresden, heute.

Es steht in schwarzen Lettern an die Hauswand gesprüht: der unerlöste Schmerz von Generationen schreit mir in zwei Worten und drei Ausrufezeichen entgegen.

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