Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Ostern anders

Für mich hat das eigentliche Osterwochenende mit einem Konzert in der St. Pauli Ruine im Hechtviertel begonnen. tricando, 3 Musiker aus Dresden, präsentierten in dem Programm Frühlingssturm … soll sein! Lieder von Rio Reiser und Gerhard Gundermann. Andreas Zöllner, Paul Zöllner und Ennosch brachten damit einen west- und einen ostdeutschen Musiker zusammen, die sich tatsächlich nie begegnet sind: Der Eine begann als musikalischer Revoluzzer im Westberlin der 1970er Jahre (bei Ton-Steine-Scherben), der Andere arbeitete im Braunkohlentagebau Hoyerswerda und schrieb nebenbei seine Lieder. Andreas Zöllner betonte in seinen charmanten, natürlich erzählten Zwischentexten, mit denen er das Publikum durch den langen Konzertabend leitete, dass sich bei genauerem Hinsehen und -hören einige Parallelen zwischen den unterschiedlichen Protagonisten finden ließen: Beide entwickelten letztlich eine ganz eigene, unverwechselbare poetische und musikalische Stimme, allerdings trugen beide auf diesem Weg auch eine Verratsgeschichte mit sich, für die sie reichlich öffentliche Prügel bezogen. Reiser legte sich irgendwann mit der Plattenindustrie ins Bett, weil er ein Leben am finanziellen Abgrund satt hatte, Gundermann unterschrieb als junger Mann eine Verpflichtungserklärung bei der Stasi (Staatssicherheit). Die Schatten gehören zum Licht, das focht allerdings auch damals schon die mediale Berichterstattung nicht an, genauso wie manche Weggefährten nicht verzeihen konnten oder wollten.

Was aber geschah nun in der Theateruine St. Pauli am 20.4.2019? Ich erlebte sowohl Reisers als auch Gundermanns Lieder in eigenwilligen, sparsamen Arrangements mit zum Teil ungewöhnlichen Instrumenten (Cajon, Electronics, Cello, Konzertina, Gitarren) von drei spielfreudigen, genau aufeinander abgestimmten Musikern, die sich die Songs spürbar angeeignet und dadurch zur eigenen Geschichte gemacht hatten. Es gab tief berührende, stille Momente genauso wie rockig Zupackendes, einzelne Solonummern wechselten mit furiosem Zusammenspiel ab. tricando offenbaren einen individuellen Charakter, der sich selbstverständlich in den Dienst der Lieder stellt – was diesen Konzertabend zu einem einzigartigen Erlebnis und zu einer unbedingten Empfehlung macht. Daran ändern auch gelegentlich etwas hölzerne Übergänge oder überhaupt Gänge auf der Bühne (besonders bei Paul Zöllner), einige intonatorische Ausrutscher sowie mein Eindruck, dass Andreas Zöllner mit seiner Stimme durchaus noch mehr ausgreifen könnte – er kam mir an manchen Stellen, auch von seiner ganzen Präsenz her, etwas zurückgenommen vor – nichts, im Gegenteil, das macht umso mehr Lust darauf, den Abend nach einiger Zeit ein zweites Mal zu erleben: um die Lieder in dieser besonderen Interpretation wiederzuhören und die Entwicklung der Gruppe zu sehen …

Die Theaterruine St. Pauli hat mittlerweile ein Glasdach und ist weitgehend als Kulturstätte ausgebaut, eine ganz andere Nutzung als die ursprüngliche als Gotteshaus für bis zu 1000 Besucher, die mit grundsätzlicher Beschädigung während mehrerer Bombardements der Royal Air Force Anfang 1945 endete. Die Wandlung dieses Gebäudes kann zu der Frage inspirieren, ob nicht auch die Franzosen gut daran täten, für die Brandruine der Notre Dame auf der Isle de la Citè (wir alle haben die erschütternden Bilder dieses Großfeuers noch im Kopf) eine zeitgenössische Lösung zu suchen – sowohl architektonisch als auch inhaltlich. Unter anderen Umständen würde ich einer solchen Überlegung wahrscheinlich begeistert zustimmen, in diesem Fall aber verhält es sich für mich anders. In den 1990er Jahren war ich mehrmals in Paris, und Notre Dame habe ich immer als das Herz nicht nur der Stadt sondern ganz Frankreichs empfunden, ein Ort tiefer emotionaler Identifikation (in Deutschland fiele mir ein solches nationales Symbol nicht ein, aber wir haben’s mit unserem Nationalgefühl bekanntermaßen generell schwer). Außerdem kann man den Franzossen und speziell den Parisiennes ganz gewiss nicht vorwerfen, dass sie allzu ehrfürchtig oder gar rückwärtsgewandt mit ihren alten Steinen umgegangen seien (ganz anders als zum Beispiel in Dresden), man denke nur an das Centre Pompidou (beendet 1977) mitten in der Altstadt oder die Louvre-Pyramide, ganz zu schweigen von Le Corbusiers Plänen der autogerechten Stadt, die (zum Glück!) nicht umgesetzt wurden (aber immerhin das monströse Hotel Molitor) … Angesichts der brennenden Kirche hatte ich die Hoffnung, dass eine gemeinsame landesweite Anstrengung, Notre Dame wieder aufzubauen, Frankreich einen könnte. Leider sieht es danach nun gar nicht aus, stattdessen wird den Superreichen, die bereit sind, gewaltige Summen zu spenden, genau dies zum Vorwurf gemacht. Ich finde es nachvollziehbar, aber gleichzeitig auch unredlich, wenn gesellschaftliche Missstände, die zuallererst auf politische Entscheidungen zurückgehen, dem einzelnen spendenwilligen Millionär angelastet werden (ohne zu verkennen, dass Steuerhinterziehung und andere Delikte hier eine Rolle spielen können – aber wiederum: ist es nicht Aufgabe des Staates, diese Delikte zu ahnden und damit auch zu verhindern?!)

Meiner Überzeugung nach braucht Europa ein starkes Frankreich, vor allem als Partner und auch Gegenpart für mein eigenes Land, Deutschland; stattdessen erleben wir unsere Nachbarn in einer tiefen gesellschaftlichen Krise. Neben allem, was das für Frankreich selbst bedeutet, macht es diese Situation der deutschen Regierung und besonders Angela Merkel leicht, wichtige Vorschläge Emmanuel Macrons, die Europa betreffen, zu ignorieren oder klein zu reden. Ich befürchte, dass dieser Hochmut genauso wie der katastrophale Umgang mit Griechenland uns allen auf die Füße fallen wird. Um es ganz deutlich zu sagen: Demokratie und Dialog zwischen den Völkern als reines Lippenbekenntnis halte ich für deutlich gefährlicher als offene Autonomiebestrebungen und Nationalismus (denen man gegebenenfalls auch offen begegnen kann). Ein Thema, das mich umtreibt und wohl auch weiter umtreiben wird!

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