Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Paradiese

Für uns in der abendländischen Kultur ist die erste Bedeutung trotz aller Säkularisierung selbstverständlich: das Paradies als der Garten Gottes. Auch in der Umgangssprache ist klar, worum es geht, wenn wir zum Beispiel im Urlaub von einem paradiesischen Ort schwärmen. Die Einseitigkeit, die darin liegt, hat mich (bei aller verständlichen Sehnsucht des modernen und oft auch überforderten Menschen) schon in meinem Essayband Poesie-Tankstelle: Mit Gedichten unterwegs in Deutschland und der Schweiz (2018) mehrfach beschäftigt. Die griechische Wurzel paradeisos = eingefriedeter Park, Tierpark, Garten der Seligen und ebenso das altpersische pairadaza = Garten, umzäuntes Landstück führen uns weiter, sie öffnen die Ambivalenz. Der Garten ist begrenzt, es gibt einen Zaun oder sogar eine Mauer, womöglich werden Tiere in ihm gefangengehalten …

Am Wochenende konnte ich zwei unterschiedliche und sehr vielschichtige Paradiese erleben: Zunächst ein Theaterstück dieses Titels nach dem Roman der schottischen Autorin A.L. Kennedy, das von Philipp Lux für das Societaetstheater Dresden inszeniert worden ist und bereits seit einiger Zeit dort zum Spielplan gehört.

Zu Beginn des Stücks liegt Oda Pretzschner, die die Figur der Hanna Luckraft verkörpert, mehr oder weniger zerzaust auf der kleinen Bühne, Hanna erwacht nach einer durchzechten Nacht, an die ihr jede Erinnerung fehlt, sie weiß nicht, wie sie in das fremde Hotelzimmer gekommen noch wer der Mann gewesen ist, mit dem sie offensichtlich zusammen war. Da sie kein Geld hat, muss sie sich aus dem Hotel hinausschleichen und im Zweifelsfalle einfach einnehmend lächeln … Was sich nun anschließt, sind 80 intensive Minuten, in denen Oda Pretzschner die verletzten und verletzlichen, die sehnsüchtigen und beharrlichen Seiten der Hanna L. erfahrbar macht. Das wäre schon sehr viel, ist aber längst noch nicht alles, denn die Schauspielerin schlüpft mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit in andere Rollen, wie den Bruder Hannas oder Robert, den Mann, den sie kennen- und liebenlernt. Oda Pretzschners Energie, die ganz leise sein, aber auch sich bis zum Furor steigern kann, hat mich von der ersten bis zur letzten Minute mitgenommen, die eigenwillige Paradies-Suche der Hanna Luckraft hat mich berührt, und die leichthändige, sehr spielerische Inszenierung habe ich wirklich genossen. Chapeau!

Gestern fuhr ich mit meinem Pianisten Derek Henderson durch die sonnige Frühlingslandschaft in ein kleines sächsisches Dorf mit einem großen Schloß: Gröditz. Wir hatten den Weg über Land gewählt, um die Fahrt wirklich wahrnehmen zu können. Wie mir schon bei meinen Poesie-Tankstellen-Reisen fiel uns auch jetzt auf, dass das ostsächsische Kulturland eine eigene reizvolle Schönheit besitzt, aber wir sahen auch manches Dorf, das aufgehört hat zu atmen, weil es offenbar nur noch als Schlafort dient (den man sich natürlich besonders hübsch macht!) – für Leute, die täglich zur Arbeit nach Bautzen oder Dresden fahren, es ansonsten aber still und beschaulich haben möchten …

Gröditz hingegen wirkt auf den ersten Blick paradiesisch, von Landleben geprägt, mit alten Straßen und Stallgebäuden, dann mit einem gepflegten Barockgarten innerhalb des Schloßensembles. Auch der Saal, in dem wir Die 13 Monate von Erich Kästner/Manfred Schmitz präsentieren werden, beeindruckt uns ob seiner feinen Ausstattung und gediegenen Wirkung. Die Vereinsvorsitzende des Pro Gröditz e.V., Frau Dr. Hetzel, begrüßt uns auf das Herzlichste, wir fühlen uns sehr willkommen geheißen. Im Gespräch mit dem freundlichen Schloßherrn Beat von Zenker, erfahren wir, dass er das Anwesen nach der Wende erworben hat und seitdem mühevoll rekonstruiert. Auf meine Frage, wie es ihn als Schweizer ausgerechnet nach Gröditz verschlagen habe, antwortet er zu meinem Erstaunen, dass seine Familie schon immer hier gewesen sei (vermutlich wurde sie im Zuge des Krieges 1945 vertrieben oder floh) – und seine Großmutter habe ihm schon früh durch ihre Erzählungen die Sehnsucht ins Sächsische eingepflanzt. Nach 1989 begann dann ersteinmal eine eher höllische Phase, denn Beat von Zenker durfte nur einen Teil des Hauptgebäudes (das zu DDR-Zeiten Tuberkulose- und Nervenheilanstalt gewesen war) erwerben, noch dazu sehr überteuert, was der studierte Volkswirt schnell durchschaute; der andere Flügel sowie Park und Schanze und Nebengebäude gehörten der Treuhand und sollten mit größtmöglichem Gewinn verkauft werden. Wenn diese Pläne aufgegangen wären, befände sich heute anstelle der Schanze ein Campingplatz, die Nebengebäude wären abgerissen, das Ensemble zerstört. (Wann arbeiten wir eigentlich dieses vielleicht nicht durchweg aber doch häufig düstere Kapitel der Treuhand auf?!) Beat von Zenker sagt, mit viel Glück und manchmal dem Gefühl, dass magische Kräfte wirksam gewesen seien, konnte er schließlich doch das ganze Anwesen kaufen und so vermag er ihm nun seinen eigenen Stempel aufzudrücken, der vor allem in der bereits erwähnten Rekonstruktion besteht. Neben Veranstaltungen in der warmen Jahreszeit, sonntäglichem Brunch ab Mai, Catering-Angeboten u.a. gehört dazu außerdem auch eine Pilgerherberge …

Eine Familiengeschichte, die in Sachsen und der Schweiz wurzelt – was für ein Potential (denkt sich mein heimliches sächsisch-schweizerisches Herz) … Nach unserem Konzert sagt ein junges Paar: Das war ein großartiger Abend, wir sind so begeistert! Wir kommen auf jeden Fall öfter her und wir bringen noch jemanden mit!

Dem Förderverein Pro Gröditz e.V. und dem Schloßherrn Beat von Zenker seien ganz viele „Schneebälle“ dieser Art gewünscht.

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