Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Phänomene

Wieder einmal gibt es Schlagzeilen; wieder einmal ist das Internet voll von in der Regel höchst emotionalen Parteinahmen – für oder gegen Michael Jackson.

Um es gleich vorwegzunehmen: Viele Songs und Videos des Popstars begleiten mich seit Jahren, Little Susie, Billie Jean, They don’t care about us und unzählige andere haben für mich nichts an musikalischer Frische verloren, auch heute noch staune ich, was für Themen Michael Jackson in die Popmusik hineinzuholen vermochte, gar nicht zu reden von seinem umfassenden Können: Text, Komposition, Tanz, Choreographie, Video …

Eine Problematik liegt in unserer Sehnsucht nach Überhöhung, die im Falle von Jackson zusammentraf mit seinem zutiefst verletzten Selbst, das nur auf der Bühne richtig zu leben in der Lage war, ein normales Leben hatte es für ihn schließlich von Anfang an nicht gegeben, bereits das Kind war körperlicher Gewalt und Drill durch den Vater ausgesetzt. Auf der anderen Seite die glänzende Showbusiness-Welt mit dem harten Tourleben. Dass jemand, der auf diese Weise zum Jugendlichen und dann zum Erwachsenen werden muss, einen starken Täteranteil in sich trägt, ist klar, denn die vielfach erfahrene Gewalt könnte nur durch einen langen inneren Weg transformiert werden. Michael Jackson greift zu dem einzigen, das er kann und wirklich kennt: die Bühne. Er perfektioniert alles, was mit seiner Kunst und deren Vermarktung zusammenhängt und das süchtige Publikum macht ihn nur zu gern zum König.

Nun berichten James Safechuck und Wade Robson in dem Dokumentarfilm Leaving Neverland über ihr Leben als Kinder mit Michael Jackson, sie erzählen von sexuellem Missbrauch, den sie erst in dem Moment als solchen erkennen, in dem sie selber Väter von Söhnen werden. Bis dahin haben sie das, was geschehen ist, von sich selbst abgespalten, sie haben Michael schließlich geliebt, mehr noch, er war ein Gott für sie. Dass sie sich dem Trauma nun stellen, gibt ihnen die Chance, die Kette der Gewalt zu durchbrechen, das Erfahrene in sich zu heilen. Dass sie es in aller Öffentlichkeit tun, finde ich persönlich fragwürdig, denn derjenige, um den es geht, ist nicht mehr da und es sind private Erfahrungen, die auch dort, im Privaten, umfassend angesehen werden sollten: das blinde Vertrauen der Eltern, das Außergewöhnliche, zu dem Michael gemacht wurde, obwohl er nichts anderes gewesen ist als ein Mensch usw.

Wir alle sind aufgerufen, der Vergötterung entgegenzutreten und genau hinzusehen, die Welt ist nun einmal nicht schwarz-weiß … Und wenn wir jetzt anfangen, die Kunst von Michael Jackson abzuwerten, weil er auch Abgründe in sich trug und Unrecht tat, dann offenbart das vor allem eines: die Unfähigkeit, uns unseren eigenen Abgründen zu stellen. Wir alle sind zu allem fähig, wenn bestimmte Umstände oder Lebenssituationen eintreten, das haben nicht nur die Milgram-Experimente in den 1960er Jahren belegt. Wenn wir ehrlich sind, sehen wir es jeden Tag im Spiegel.

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