Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Preise

Literaturpreise gibt’s wie Plastik im Meer, fiel mir heute morgen mit böse gespitzter Zunge ein, dabei soll sich dieser Beitrag gar nicht mit dem kapitalistischen Gesellschaftssystem beschäftigen, das sich gerade selbst auffrisst, in dem es sich seiner Lebensgrundlagen beraubt. Auch ist die Verallgemeinerung Literaturpreise nicht zulässig, da ich, wenn überhaupt, einigermaßen Überblick über die Vielzahl deutschsprachiger Auszeichnungen, aber keinerlei Wissen über estnische, bulgarische oder portugiesische Preise besitze. Und bei aller Beliebigkeit, die aufgrund dieser Vielzahl entstehen mag, so hat sie doch auch etwas Gutes: es lässt sich dadurch ein wenig die Viel-falt der Literatur abbilden, in der es nun mal nicht einen einzigen gibt, der 2 cm weiterspringt als alle anderen.

Bei meinem heutigen Thema handelt es sich stattdessen wieder um ein städtisches, es geht um den Johannes-Göderitz-Preis 2019. Benannt nach dem bedeutenden Stadtplaner Johannes Göderitz (1888-1978; Magdeburg, Braunschweig, München) vergibt die dahinter stehende Stiftung regelmäßig Preise zur Förderung studentischer und wissenschaftlicher Arbeiten im Bereich Städtebau. 2019 wurden von der auslobenden TU Berlin 6 Universitäten zur Beteiligung eingeladen, die Aufgabe hieß: Dresden Commoning – Städtebau für kollektive Stadtproduktion, woraufhin Planungsentwürfe für das 52 ha große Areal des Alten Leipziger Bahnhofs in der Dresdner Neustadt entstanden. Dieses Gebiet befindet sich nicht mehr in öffentlicher Hand (wie in vielen anderen Städten auch wurden in Dresden ohne Not Flächen an Investmentgruppen, Projektentwickler oder private Investoren verkauft, was trotz Planungshoheit den Handlungsspielraum einschränkt. Im Leipziger Bahnhof sollte ein riesiger Selbstbedienungsmarkt entstehen, gegen den sich so massiver Widerstand formierte, dass diese Pläne mittlerweile vom Tisch sind.) Ob es allerdings, wie in den Entwürfen der Studierenden zu sehen, die Möglichkeit zur Entwicklung eines lebendigen, gemeinwohlorientierten Stadtgebietes geben wird, bleibt abzuwarten.

Der Vorsitzende der Johannes-Göderitz-Stiftung betont, dass es dazu neben bürgerschaftlichem Engagement vor allem politischen Willen und Durchsetzungskraft auf den städtischen Leistungsebenen brauche. Nun war in Dresden die Anteilnahme der Bürger an städtebaulichen Prozessen schon immer sehr groß, das Trauma der doppelten Zerstörung 1945 (erst durch die Bombardierung, danach durch den Abriss vieler erhaltenswerter Ruinen und die z.T. drastische Veränderung der Topographie) liegt seit Generationen in unseren Genen. Die Sehnsucht nach vergangener Glorie oder einer einst vermeintlich heilen und schönen Welt führt dabei oft zum Festhalten am Alten um jeden Preis oder zur Verschleierung des Blicks. Vor letzterer sind jedoch auch Außenstehende nicht gefeit, wie ich feststellen musste …

Die Modelle und Pläne der Wettberwerbsteilnehmer konnten in einer sehenswerten, informativen Ausstellung im World Trade Center (in dem auch das Stadtplanungsamt sitzt) bis 16.1.2020 betrachtet werden, begleitend erschien eine erläuternde Publikation, für die Felix Bentlin, Angela Million und Zuzana Tabačková (TU Berlin, Fachgebiet für Städtebau und Siedlungswesen) als Herausgeber verantwortlich zeichnen. Diese drei Autoren erklären zunächst das Konzept des Commoning, der Allmende, durch das inzwischen weltweit Initiativen wie Gemeinschaftsgärten, Tauschläden, genossenschaftliche Markthallen, gemeinschaftliche Wohn- und Arbeitsplätze uvm entstehen, d.h., städtische Ressourcen von den Nutzern selbst verwaltet werden. Dies steht im scharfen Gegensatz zum profitorientierten Vorgehen globaler Immobilienunternehmen, die die Immobilie oder den Grund und Boden an sich als Geschäft behandeln und Aufwertung (und Verdrängung) als Instrumente von Quartiers- oder Stadtentwicklung einsetzen. Die daraus resultierenden Krisen kennen wir: Mietsteigerungen, Wohnungsnot, gleichförmige städtische Räume und Architektur, Gentrifizierung …; Architekturmodelle, Architekturfotografien ohne Menschen offenbaren einen entscheidenden Misstand. Umso wichtiger sind Protest- und Gegenbewegungen, die das Miteinander, den gemeinsamen Prozess, den politischen und sozialen Kontext von Architektur in den Mittelpunkt stellen – hierfür leistet der Johannes-Göderitz-Preis einen wertvollen Beitrag.

Doch ich sprach von der Verschleierung des Blicks: In der erwähnten Publikation erläutern Bentlin, Million und Tabačková auch die spezielle Situation des Areals Alter Leipziger Bahnhof „direkt an der Elbe mit dem weltberühmten Canaletto-Blick“. Sie schreiben, dass die barocke Prägung dominant sei, „der Stadtkörper und die Silhouette der Stadt werden bis heute … von ausdrucksstarken Monumenten wie der Kreuzkirche, dem Rathausturm, der Kuppel des Albertinums, der Hofkirche, dem Residenzschloss und … der Frauenkirche beherrscht“. (S.14) Experten für Bauen und Architektur stehen an der Elbe, sie erleben den weltberühmten Canaletto-Blick, der, wenn man die Augen wirklich öffnet, längst nicht mehr existiert und sie schlagen das Neue Rathaus (1910), das Albertinum (ursprünglich Zeughaus, Ende des 19. Jh. Umbau zum Museum) – das keine Kuppel besitzt – sowie demzufolge die Kuppel der Kunstakademie (Lipsius-Bau, 1894) dem Barock zu. Wenn dies sogar Fachleuten unterläuft, dann ist es vielleicht an der Zeit, für Dresden eine neue Stil-Definition einzuführen: alle Gebäude, deren Sandsteinfassade mittlerweile dunkel geworden ist, gehören zum Barock. In diesem Fall wäre dann die Frauenkirche allerdings (noch) nicht dabei …

Menü schließen