Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Rahmen

In jeder Galerie, in jedem Bildermuseum kann ich mich davon überzeugen, wie wichtig es ist, dass ein Gemälde, ein Kunstwerk von einem Rahmen eingefasst wird. Als Betrachterin konzentriere ich mich natürlich auf den Bildinhalt, das von Felsen umgebene Flusstal mit dem Ruderkahn darauf oder ineinandergreifende graphische Formen, vielleicht nehme ich das Rundherum dabei gar nicht bewusst wahr und doch gibt mir der Rahmen genau das: den gerichteten, begrenzten Blick ins Innere.

Auch ich selbst trage einen Rahmen um mich herum, der beweglich und elastisch ist, weil ich ein lebendiges, sich ständig veränderndes Wesen bin. Aber genau deshalb ist dieser Rahmen so wichtig, er gibt mir Gerichtetheit, er grenzt mich ab gegenüber dem, was mir nicht entspricht oder mir nicht gut tut. Das heißt, ich meine jene Ränder, die ich mir selber gebe und immer wieder neu bestimme. Es gibt aber noch andere Rahmen, die ebenfalls oder auch viel weniger flexibel sein können als meine eigenen, nämlich jene, die mir von außen gegeben oder gar aufgedrückt werden. Denke ich an alle Situationen des Alltags, in denen ich mich bewege, vermute ich eine große Vielfalt: engste Familienmitglieder und Freunde erleben mich intensiv, sie kennen zahlreiche Facetten meiner Persönlichkeit, sie sind beteiligt an seelisch-geistigen Entwicklungen oder teilen sie zumindest; der Nachbar im übernächsten Haus jedoch, den ich öfter treffe, wobei wir uns stets freundlich grüßen, manchmal übers Wetter, den Tag, Erfahrungen mit den Vermietern u.ä. reden, macht sich nur aus diesen wenigen Ausschnitten ein Bild. Die Verkäuferin im Lebensmittelladen um die Ecke weiß, dass ich gern Retsina trinke und manchmal Käse esse, ich hoffe, sie empfindet mich als umgänglichen Menschen und sie weiß, dass ich musikalisch-literarische Veranstaltungen mache, da sie bereitwillig immer wieder ein Plakat von mir aufhängt. Aber schon, dass ich Gemüse in allen Formen besonders liebe, kann sie nicht ahnen, denn dieses kaufe ich ausschließlich im Bioladen. Oder derjenige, der mich persönlich nicht kennt, aber meinen Roman Garbald in Dresden gelesen hat und nun überlegt, welche darin geschilderten Situationen ich selbst erlebt haben, welchen der weiblichen Hauptfiguren ich am nahesten sein könnte …

Die Beispiele ließen sich weiter- und weiterführen, klar ist, jeder, dem ich begegne, wird ein bewusstes oder unbewusstes Bild von mir haben, wird mich in einen Rahmen einfügen, aber er oder sie wird immer nur einen kleinen Ausschnitt wahrnehmen können. Die Anerkennung dieser natürlichen Lebenswirklichkeit scheint uns in unserer dauerhysterischen Gegenwart abhanden zu kommen, ich habe den Eindruck, die Schnipsel, die wir für die gesamte Persönlichkeit, den gesamten Menschen nehmen, werden kleiner und kleiner – eine einzige Äußerung, ein Foto, ein (womöglich aus dem Zusammenhang gerissener) Satz zeigt plötzlich das Ganze anstatt als das betrachtet zu werden, was er/es ist: ein winzigster Ausschnitt des Bildes. Meiner Ansicht nach ist das eine ziemlich pubertäre Anschauungsweise, die sich weigert, unterschiedliche Seiten und Nuancen innerhalb eines (noch dazu flexiblen) Rahmens zu ergründen. Je oberflächlicher, desto leichter ge-framed!

Ich erinnere mich noch sehr genau an den heilsamen Schock, den ich erlitt, als ich mich in den 1990er Jahren intensiv mit Bertolt Brecht (1898-1956) zu beschäftigen begann. Mein Bild saß fest in seinem Rahmen: Ein ideologisch festgezurrter Dramatiker, sonst nichts. Nun aber entdeckte ich die Vielfalt seiner Texte, ich fand den lebensvollen Mann, den Taktiker, den Egomanen, den Liebenden, den Zweifelnden und fühlte mich beschenkt von diesem (auch durchaus widersprüchlichen) Reichtum, der mir begegnete.

Und doch – es ist wichtig, dass wir uns in bestimmten Vorstellungen bewegen, nicht alles oder jeden können und wollen wir ausführlich ergründen; oberflächliche Rahmen haben also auch einen strukturschaffenden Sinn. Meiner Ansicht nach ist dabei entscheidend, dass wir die Rahmen und Bilder, die wir in uns tragen, beweglich halten, dass wir zu jeder Zeit bereit sind, sie zu verändern, z.B., wenn wir die Chance haben, jemanden näher kennenzulernen.

In diesen Zusammenhang gehört, so finde ich, eine TV-Show, die Ende der 1990er Jahre gleich mehrere Rahmen sprengte (und die es zu meiner Erschütterung immer noch gibt, wie ich gerade feststellte): Big brother. Das Sendeformat, in dem eine Gruppe von Menschen in einer Studio-Wohnsituation 24h am Tag beobachtet und gefilmt wird, erreicht zunächst ein Millionenpublikum, ich reibe mir erstaunt die Augen, denn den sprichwörtlichen Großen Bruder (die Sowjetunion) haben wir im Osten Europas ja gerade hinter uns gelassen, und ich kann es mir nicht erklären, warum eine solche Überwachungsveranstaltung den Zuschauern offenbar kein Problem bereitet. Noch tiefgreifender mag dabei sein, dass der Rahmen für privat und öffentlich verlorengeht; dieser Verlust hat mittlerweile ganz andere Dimensionen erreicht, wenn man z.B. an laut geführte intime Telefonate im öffentlichen Raum denkt, von manchen Selbstentblößungen im Internet ganz zu schweigen. Was bewirkt, dass viele Menschen dem inszeniert privaten Leben vor der Kamera zusehen (abgesehen von einem Hauch Voyeurismus, der vielleicht in jedem von uns steckt)? Ich kann es mir nur mit einer eigenen Unerfülltheit wenn nicht gar Leere erklären, denn jeder, der selbst ein reiches, intensives Leben lebt, wird weder Zeit noch Interesse an den Intimitäten fremder Leute haben.

Mein Anfang in der Galerie oder im Museum wirft weitere aktuelle Fragen des Urheberrechts auf, denen will ich an anderer Stelle ausführlich nachgehen, hier will ich nur noch festhalten, dass es wahrscheinlich zu den größten Herausforderungen unserer Gegenwart gehört, sich die eigene Fokussierung zu bewahren, sich nicht verfasern zu lassen in einem Ozean von Informationen und Nachrichten und Aufmerksamkeitsverführungen, sich zu spüren im eigenen Rahmen. Allein das Abschalten jeglicher Endgeräte kann dazu schon ein wichtiger Schritt sein.

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