Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Regenbogen

Am 5.5. und am 16.5.2021 stehe ich abends auf meinem kleinen Balkon hin zur Prießnitzaue, blicke über diese hinweg zu der imposanten, freistehenden Eiche auf der anderen Seite, vor allem aber richten sich meine Augen gen Himmel. Denn vor mir wölbt sich im Halbkreis ein gewaltiger Regenbogen, zum Teil sogar doppelt. In meinem Rücken geht die Sonne mit hellem Strahlen unter, ich stehe gleichzeitig in mittelstarkem Regen. Ein beeindruckendes, berührendes Naturschauspiel voller Symbolik, die in mir Resonanz findet:

Unser Denken und Erleben ist polar geprägt; gegenwärtig, so scheint mir, treiben wir diese Polarität erregt auf die Spitze, in dem es entweder Freund oder Feind, richtig oder falsch, links oder rechts oder auch C-Maßnahmen-Befürworter und C-Maßnahmen-Gegner – alles jeweils ausschließlich – geben darf. Der Regenbogen jedoch führt eindrücklich vor, dass er nur in einem Sowohl-als-auch entstehen kann, in Sonne und Regen gleichzeitig, fehlt eines, wird es ihn nicht geben.

An jenen Maiabenden bleibt das Himmelstor, wie ich es bei mir nenne, minutenlang bestehen; verändert sich die Sonneneinstrahlung, verstärken sich die Farben, erst sind nur Orange, Gelb und Grün deutlich zu sehen, dann erweitert sich das Spektrum, außen kommt Rot hinzu, innen entsteht das Blau, das mit Indigo schließlich in Violett übergeht …

Ich erinnere mich an eine Szene Mitte der 1980er Jahre vor der Mensa der Pädagogischen Hochschule Karl Liebknecht Potsdam am Neuen Palais (am Ende des Parks von Sanssouci): Mein 2. Studienjahr hat begonnen, eine Lehrveranstaltung zu Psychologie ist Bestandteil des Stundenplans geworden, der junge Dozent, dessen Name ich nicht mehr weiß, diskutiert mit einer Kollegin über die Unterschiedlichkeit der Studenten, er sagt: Wenn ein Mathematikstudent hier heraustreten und einen Regenbogen sehen würde, stellte er vermutlich fest, ah, die Spektralfarben sind alle deutlich zu sehen, Klasse, kommt nicht immer vor; ein Musikstudent in derselben Situation würde mit leuchtenden Augen ausrufen: Oh, ein Regenbogen! Schon damals scheint in der Erfahrung dieser Lehrkraft der analytische, wissenschaftliche Blick und das Staunen über ein Naturphänomen miteinander unvereinbar gewesen zu sein.

Und da ist noch gar nicht von dem die Rede, was ich an diesen beiden Maiabenden empfinde: Es erfüllt mich eine tiefe spirituelle Botschaft, ich öffne mich weit für die Dimensionen jenseits des Sicht- und Fassbaren, ich nehme die sich verändernden Alpengipfelwolken innerhalb des Himmelstors wahr, fast scheint es mir möglich, dieses Tor auch zu durchschreiten. Genauso bewusst erlebe ich die Veränderungen der Farben bis hin zur vollständigen Palette von Rot bis Violett. Genau dadurch erkenne ich noch eine weitere Symbolik: Nicht nur die eingangs erwähnte Polarisierung prägt uns, sondern auch die Illusion, wir könnten das, was uns nicht nah ist oder uns gar belastet, einfach aus dem Leben verbannen, wir könnten unser Zusammenleben moralisch sauber und rein machen. Konzentrieren wir uns doch auf das strahlende Gelb, das leuchtet und uns selber mit Licht erfüllt und werfen wir das schwer greifbare Violett hinaus! Nein, der Regenbogen wäre kein Regenbogen, fehlte auch nur die kleinste Farbnuance; unser Leben wäre kein Leben, wollten wir es reinigen, um moralisch einwandfrei zu sein und zu bleiben oder, um im Bild zu verweilen, versuchten wir, die dunklen Farben zu eliminieren. Im Gegenteil sollten wir dem harmonischen Regenbogen folgen und unser Bestreben darauf richten, jede Nuance zu integrieren in das Gesamtbild, damit nicht eine dominant heraussticht.

Weißer Adler von den Hopi-Indianern beschreibt unsere jetzige Zeit als ein Portal, als ein Tor, durch das wir hindurchgehen können; allerdings haben wir auch die Freiheit, sie als ein Loch zu empfinden, in das wir hineinstürzen, wenn uns angesichts all des Unbekannten der Mut verlässt. Viele meiner Musikerkollegen wählen diesen Weg, weil sie nach über 1 Jahr Berufsverbot keine Zukunft mehr für sich sehen, das ist schmerzhaft, aber zu akzeptieren. Weißer Adler sagt auch, dass seine Völker seit Jahrhunderten Vernichtung und Zerstörung erlebten, trotzdem hätten sie nie aufgehört, ein Feuer anzuzünden, zu singen und zu tanzen. An dieser Kraft mag es u.a. liegen, dass das Lied von Kaddour Hadadi seit einiger Zeit ganz Europa erobert und auch in Dresden schon musiziert worden ist (https://www.youtube.com/watch?v=HRcCtg97cmk):

Nous on vent continuer à danser encore/ Voir nos pensées enlacer nos corps …

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