Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Resonanz

Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa (Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung, Frankf/M 2016) hat ein Konzept entwickelt, mit dessen Hilfe er der allgegenwärtigen Entfremdung tägliche Erfahrungen gelingender, resonanter Weltbeziehungen entgegensetzen will. Dabei betont er allerdings, dass Resonanz in seinem Verständnis etwas Anderes sei als das Konzept der Achtsamkeit. Nun ist es im praktischen Leben – und in der Sphäre theoretischer Wissenschaft wohl noch mehr – nötig, sich einerseits klar zu werden über die eigenen Überzeugungen oder Inhalte und sich andererseits abzugrenzen von Anderen. Daraus erwächst letztlich ein immer wieder neues Abtasten oder Austesten von innen und außen, von Zugehörigkeit und Grenze.

Befrage ich meine eigenen Erfahrungen, so ist für mich klar, dass es Resonanz ohne Achtsamkeit nicht geben kann, denn erst, wenn ich innehalte und genau wahrnehme, kann ich spüren, womit ich verbunden bin, mit wem ich zusammen klinge. Dieser Klang kann in ganz unterschiedlichen Räumen hörbar werden, mit Zeiten, Personen, Wesen, Bäumen … Ich bewege mich momentan vor allem in zwei Resonanzräumen: Der eine hat mit meinem 2. Roman zu tun, in dem u.a. die letzten DDR-Jahre (hauptsächlich verortet in Potsdam) und die Zeit des politischen Umbruchs 1989/90 eine Rolle spielen werden; der zweite besteht aus einer Gruppe, Resonanzraum Berlin, deren Mitglied ich seit Frühjahr 2020 bin. Diese Gruppe wurde maßgeblich von der Kommunikationswissenschaftlerin Barbara von Meibom (Communio-Institut für Führungskunst Berlin) initiiert, die sich bereits in einem ihrer letzten Bücher Deutschlands Chance – Mit dem Schatten versöhnen (Berlin, 2013) besonders mit dem seelischen und spirituellen deutschen Erbe beschäftigt hat. Im Resonanzraum ging es über 2 Jahre lang vor allem um das Erspüren der Verletzungen, der Wunden und Narben, die ost- bzw. westdeutscher Sozialisation sowie der traumatischen Geschichte des Nationalsozialismus geschuldet sind. In diesem Jahr hat sich die Zusammensetzung der Gruppe verändert, das vorher ausgeglichene Verhältnis von Ossis und Wessis hat sich zugunsten des Ostens verschoben, momentan sind wir auch mehr Frauen als Männer. Während unserer letzten Zusammenkunft ist die Frage aufgetaucht, was das für eine Bedeutung haben könnte (ob es überhaupt eine hat) – mir ist dabei der Gedanke nahe, dass ein Raum, der sich bewusst für die tieferen Schichten unseres Seins öffnen möchte in einer Zeit, in der unser ganzes Lebenssystem zur Disposition steht, in starkem Maße an die Umbruchserfahrungen am Ende der DDR, unseren Umgang damit, unsere Fehler und vor allem unseren gewaltfreien Widerstandswillen anknüpfen kann.

Ein Teilnehmer hat von Todesfällen in seinem engsten und weiteren Umkreis gesprochen, neben der damit verbundenen emotionalen Erschütterung hat er eine Ahnung formuliert, die mich berührt: Seelen, die sich nicht vorstellen können, den gegenwärtigen Transformationsprozess mitzugehen, verlassen die Erde

Damit bin ich noch einmal bei dem zuerst erwähnten Resonanzraum. Bereits letztes Jahr habe ich den bevorstehenden Prozess spüren können, ich fühlte mich an die 1980er Jahre erinnert, in denen wir uns so oft die Frage stellten, wie es immer noch weitergehen könne, da doch an allen Ecken nichts mehr funktioniere. Das immer stärkere Auseinanderklaffen von täglichem Erleben und Berichterstattung in den wenigen Medien inklusive Parteitagsreden u.ä. zeigte deutlich, dass bald ein Endpunkt erreicht sein musste. Die intensive Beschäftigung mit dieser Zeit gibt mir nicht nur die Möglichkeit, die damaligen Entwicklungen umfassender zu verstehen, meinen Blick über die eigene Erfahrung hinaus wesentlich zu weiten, sondern sie hilft mir genauso für die Gegenwart. Dieses Erleben wiederholt sich: ganz gleich, wie man die mittlerweile zahlreichen Initiativen bewertet (Eltern stehen auf, Juristen für Aufklärung, Nicht ohne uns, Querdenken – inzwischen in 67 Städten/Regionen -, Ärzte für Aufklärung, Klagepaten usw.) – man wird sie nicht von der Bildfläche bekommen, in dem man negativ über sie berichtet oder sie gar diffamiert. In gleichem Maße gilt das für die sogenannten Hygiene-Demonstrationen, die in vielen Medien abwertend beschrieben worden sind. Wenn sich ungefähr 1 Mio. Menschen versammeln und die Erfahrung eines friedlichen, bunten Miteinanders, eines Gleichklanges machen, dann wird diese Erfahrung nicht dadurch verschwinden, dass am nächsten Tag von 30000 Demonstranten und angeblicher Gewaltbereitschaft „berichtet“ wird. Der erwähnte Transformationsprozess geht meiner Überzeugung nach in seiner Hauptrichtung zu einem neuen Verständnis des WIR, das nicht nur alle Menschen, sondern Tiere und Pflanzen, Erde, Luft und Wasser einschließt – ohne Resonanz, ohne Klang wird das nicht möglich sein.

In den letzten Augusttagen 2020 befinde ich mich in Österreich, auf einer Burg, um den runden Geburtstag eines langjährigen Freundes mitzufeiern. Nachdem ich vom Verbot der großen Querdenken-Demonstration in Berlin am 29.8. erfahren habe, nehme ich mir morgens Meditationskissen und Yogamatte und suche mir einen stillen Platz oberhalb des Burghofes unter einem Ahornbaum. Die Sonne scheint mir ins Gesicht als ich innehalte und die Augen schließe, eine kraftvolle Vision entsteht: Ich spüre, dass all die Menschen aus ganz Europa, die sich vorgenommen haben, nach Berlin zu kommen, sich auch auf den Weg machen (oder schon gemacht haben) und wenn sie nicht hinein dürfen, dann bilden sie eben einen riesigen Kreis um die ganze Stadt, sie lassen sich nieder so wie ich gerade, fassen sich an den Händen und meditieren. Und spannen gemeinsam ein Dach des Lichts und der Liebe über ganz Berlin. In diesem Moment nehme ich wahr, dass auf diese Weise auch eine wirkliche Versöhnung von Ost und West möglich sein könnte …

Von diesem Gemeinsam sind wir jetzt noch weit entfernt, vorerst scheinen Abgrenzung, Hass, Diffamierung, also die weitere Spaltung der Gesellschaft bestimmend zu sein. Es ist ein anspruchsvoller Weg, sich neue Räume zu eröffnen, über den eigenen Schatten zu springen, sich zu konfrontieren – und bei all dem zu bedenken, dass jeder Andere ein Mensch ist wie ich selbst. Aber nur, wenn ich mich darauf einlasse, gibt es wirkliche Veränderungen, und sie beginnen nicht bei Regierungsmaßnahmen oder Widerstandsaktionen, sondern in meinem täglichen Leben. Oder mit Voltaire (1694-1778):

Ich vermag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.


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