Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Rückblick

Vielleicht mag der 2. Weihnachtsfeiertag als zu früh erscheinen, um einen Jahresrückblick zu halten, für mich ist es jedoch genau der richtige Zeitpunkt. Das große Geschäft Weihnachten ist vorbei, all jene, die sich erschöpft haben in der Jagd nach dem richtigen Geschenk oder die den Druck verspürten, ein perfektes Fest ausrichten zu müssen, sind genauso zur Ruhe gekommen wie diejenigen, die sich Konsum-Stress und Striezelmarkt-Einerlei verweigert haben, um stattdessen der frohen Botschaft zu lauschen oder einfach nur im Kreis der Familie zusammenzufinden.

Es hat mich in meinen Zeitgedanken in den letzten Monaten schon mehrfach beschäftigt und auch, wenn ich jetzt zur Erinnerung an wichtige Ereignisse des Jahres innehalte, ist für mich dies ganz klar: Wir leben in einer unsicheren Phase, die von Umdenken, Umbruch, Veränderung geprägt ist, die Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems lässt sich nicht mehr ignorieren und verdrängen, so groß die Bestrebungen dazu auch mitunter noch sind. Ein Grund für die Krise liegt meiner Ansicht nach in der Konzentration auf den Lebensraum Stadt bei einer gleichzeitigen Abwertung des Ländlichen, der Peripherie oder auch einer Missachtung von anderen Lebensentwürfen als den (medial) goutierten …

In meinem persönlichen Rückblick war der erste Teil des Jahres 2019 von der Forschungsarbeit zu vergessenen Dresdner Schriftstellerinnen des 20, Jahrhunderts geprägt, ich entdeckte mir diese vielfältigen weiblichen Stimmen in ihrem Leben und Werk, was zunächst in einem Beitrag für die Dresdner Hefte 137 seinen (essayistischen) Niederschlag fand. Um diese Stimmen noch sicht- und hörbarer zu machen, widme ich mich ihnen in einer Vortragsreihe an der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek von Januar bis Mai 2020: 29.1.20: Johanna Marie Lankau (1866-1921); 26.2.20: Auguste Lazar (1887-1970); 25.3.20: Annemarie Reinhard (1921-1976); 29.4.20: Heide Wendland (*1924); 27.5.20: Marianne Bruns (1897-1993) und ich werde, ausgehend von Lankaus Buch Dresdner Spaziergänge (Holze & Pahl, 1912), zu diesen Schriftstellerinnen und meiner eigenen Literatur tatsächliche Spaziergänge in meiner Heimatstadt anbieten, und zwar ab Frühjahr 2020.

Im Sommer diesen Jahres erlebte ich tiefgehende Gespräche und Begegnungen im Zuge meiner Lesungen in Waltensburg und Chur (Graubünden, Schweiz), aber ich durfte auch wieder mit der beeindruckenden Natur (Bergsee, Wald, Gipfel, Wasserfall) Zwiesprache halten; und bei Veranstaltungen bzw. Konzerten in der sächsischen Provinz traf ich auf ein kenntnisreiches und offenes Publikum.

Während des Herbstes durfte ich auf eindrucksvolle Weise erfahren, welcher Reichtum sich am Rand zu entfalten vermag: Das Staatstheater Cottbus hatte an den mittlerweile 85jährigen Siegfried Matthus den Kompositionsauftrag für eine Oper Effi Briest vergeben, Sohn Frank schrieb ein stringentes, klares Libretto, das die zentralen Fragen und Konflikte aus Theodor Fontanes Roman konzentrierte und Matthus selbst schuf eine zugleich gegenwärtige wie zeitlose Musik, die sich uneingeschränkt in den Dienst der Handlung und der Figuren stellt. Im November 2019 saß ich im ausverkauften Cottbuser Theater, ich wurde berührt und bewegt von einer großen Ensemble-Leistung, die viel mehr war als ein einzelnes herausragendes Element allein hätte sein können. Unaufgeregte, feine Details in Regieführung und Bühnenbild; ein Changieren zwischen Gestern und Heute in Sprache und Kostüm; hervorragende sängerische wie instrumentale Leistungen: ein glückliches Kollektiv empfing am Ende auf der Bühne nicht endenwollenden Applaus. Selbst die Sängerin der Hauptpartie Effi, Ljudmila Lokajtschuk, die stimmlich wie darstellerisch herausragend war, trat kaum extra hervor – hier feierte sich und wurde gefeiert ein Wir anstelle des üblichen (Star-) Ichs.

Ebenso wirken die Eindrücke nach, die mir der Band Kommen und Gehen: 8. Triennale Kunst in Sachsen-Anhalt Süd, bescherte. Als Dank für meine Teilnahme am Runden Tisch in Naumburg (8.11.2019) hatte mich dieser Katalog erreicht, ich blätterte darin und war, was wirklich nicht oft geschieht, sprachlos. Unbemerkt von großen Museen und dem Kunstmarkt entwickelt sich hier seit Jahrzehnten eine vielfältige Kunstlandschaft, die im Bewusstsein kultureller Traditionen und Werte ganz eigene und eigenwillige Ausdrucksformen findet, in Graphik, Bild oder Schmuck, in Skulptur oder Keramik melden sich Frauen und Männer zu Wort, die ihren Schaffensmittelpunkt im Burgenland- oder Saalekreis haben; sie schöpfen ihr originäres Werk in Orten wie Lützen, Kabelske– oder Salzatal. Chancen der Peripherie!

Menü schließen