Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Runder Tisch

In einer überregionalen Zeitung stand kürzlich zu lesen, dass sich der Oberbürgermeister von Zittau, einer sächsischen Großen Kreisstadt im Dreiländereck Tschechien-Polen-Deutschland, angesichts unterschiedlicher Protestbewegungen und Initiativen im Zusammenhang mit den sogenannten Corona-Maßnahmen in seiner Stadt einen Vergleich der aktuellen Situation mit 1989 in der DDR verbeten habe. Wenn der Politiker diese Aussage tatsächlich so tätigte, dann offenbart er auf eindrückliche Weise, dass die Zittauer recht damit haben, sich an das Ende der 80er Jahre erinnert zu fühlen. Warum? Weil eine Demokratie – in der wir uns doch befinden, nicht wahr? – davon lebt, dass sie sich mit unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen konstruktiv auseinandersetzt. In der DDR war jeder, der Kritik übte, ein Klassenfeind oder stand zumindest auf der Seite desselben, heute, so scheint mir, ist derjenige, der protestiert, sofort ein Rechter oder ein Verschwörungstheoretiker. Meiner Überzeugung nach hat ein Politiker wie der erwähnte OB eine allererste Pflicht: Er hat die Bewohner seiner Kommune ernst zu nehmen und sich ihnen im ständigen Gespräch zu stellen, denn sie haben ihn in sein Amt gewählt. 1989 haben wir für solche Prozesse eine tragfähige Form gefunden, den Runden Tisch, und es wäre das Gebot der Stunde, einen solchen zu initiieren, sich die Erfahrungen und Sorgen der Bürger anzuhören und mit ihnen gemeinsam einen Weg in der gegenwärtigen Lage zu finden, anstatt zur Spaltung der Einwohnerschaft beizutragen. Niemandem steht es zu, die Ansichten von Menschen ohne weitere Prüfung für unzulässig zu erklären, jedenfalls hat ein solches Verfahren weder mit Demokratie noch mit Meinungsfreiheit etwas zu tun.

Am Sonnabend, dem 9.5.2020, folgte ich einem Ruf zur gemeinsamen Meditation für Dresden auf dem Neumarkt. Etwas 25 Personen fanden sich mit ihren Yogamatten und Kissen ein, wir positionierten uns im Angesicht der Frauenkirche, einige von uns tönten, dann saßen wir still. Bisher hatte ich Vieles getan und erlebt, was mich mit der spirituellen Dimension des Seins verband, aber noch niemals hatte ich meditiert, jetzt saß ich in dieser Gruppe und sowohl Körper als auch Seele fühlten sich so selbstverständlich an, als hätten sie eine lange Meditationserfahrung …

Es dauerte nicht lange, und ich spürte eine starke, dunkelrote Energie, Worte wie Geburt, Schmerzen, Seelenbaum gingen durch mich hindurch, schließlich wurde es hellgrün und immer lichter, mein Kronenchakra öffnete sich zum Himmel …

Eine strenge Frauenstimme unterbrach uns: Bitte legen Sie Nasen- und Mundschutz an! Die Polizistin und ihr stummer Begleiter gingen um unsere ganze Gruppe herum, sie forderte jeden Einzelnen auf: Wir sind hier unter 50, Abstände auch super, und wenn Sie Nasen-Mund-Schutz tragen, können Sie hier gern meditieren! Eine Meditation ist ein Gebet, eine heilige Handlung der Stille und des Friedens und für einen Moment fragte ich mich, ob diese Polzistin wohl auch lautstark in eine christliche Kirche gehen, die Gottesdienstbesucher nachzählen oder ähnlich auffordern würde wie uns. Dann versuchte ich mir ihre Situation vorzustellen: Vielleicht war sie einfach überzeugt von Regeln und sorgte deshalb für ihre Umsetzung, ob sie nun gerade sinnvoll waren oder nicht? Vielleicht spürte sie Druck (inneren oder äußeren), vielleicht hatte sie sogar Angst?

Eines hat die Erfahrung auf dem Neumarkt deutlich gemacht wie in einem Brennglas: Es wird höchste Zeit, dass wir uns aus den alten pathologischen Strukturen befreien, die wir auf allen Ebenen etabliert haben; und da sind viele einzelne Schritte bereits getan, z.B. von Unternehmen wie dm, wo nicht hierarchisch gearbeitet wird sondern im Team und auf achtsame Weise; von Genossenschaften und landwirtschaftlichen Gemeinschaften, die gemeinwohlorientierte, regionale Produktionsketten aufgebaut haben; von alternativen Schulen, die eine Pädagogik vom Kind her zeigen – die Liste ließe sich lange fortsetzen. Dabei gibt es keine Initiative, die alle Probleme aus der Welt schaffen könnte, immer gibt es ein Für und Wider, müssen Auseinandersetzungen geführt werden. Gerade im Zusammenhang mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen beobachte ich von Kritikern eine Denkweise, die ein neues Konzept deshalb ablehnt, weil es nicht ausschließlich positiv sein könnte, dadurch ignorierend, dass nichts auf unserer Welt einseitig ist: das ganze Leben beinhaltet Licht und Schatten und zwar immer zugleich.

Zurück zum Dresdner Neumarkt: Der Holzbildhauer Michael Grasemann hatte einen großen Runden Tisch gebaut und anschließend an unsere Meditation rief er dazu auf, sich zum Gespräch an eben diesem zu treffen. Die Sprache der Spaltung muss aufhören, die Abwertung dessen, der anders denkt, beendet werden, es geht um den Versuch, uns wieder zusammenzuführen, indem wir einander erzählen und voneinander erfahren – in der Familie, in der Nachbarschaft, in der Kommune, dem Land, der ganzen Menschheitsfamilie – diese Chance und diese große Aufgabe haben wir jetzt.

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