Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Russisches Requiem

Wieder ist es ein Buch, welches ich schon mehrmals gelesen habe, das mich in diesen Tagen begleitet, denn angesichts eines um 5 Prozentpunkte erhöhten deutschen Militäretats, zunehmender Kampfrhetorik innerhalb der Gesellschaft und des geschürten Feindbilds Putin – Russland scheint es mir besonders wichtig zu sein, handelt es sich doch um ein erschütterndes Beispiel von Antikriegsliteratur.

Zunächst aber lohnt es sich, den Blick auf die Biographie des Autors zu richten, weil sich durch sie erhellende Gesetzmäßigkeiten des Mainstream-Literaturbetriebs zeigen: Andrei Makine wird 1957 in Krasnojarsk geboren, er wächst in einer kleinen sibirischen Stadt auf und zwar aufgrund einer ungewöhnlichen familiären Konstellation sowohl russisch- als auch französischsprachig. Er studiert Philologie in Moskau und Twer, unterrichtet kurzzeitig Philosophie und nutzt 1987 einen Auslandsaufenthalt in Frankreich, um politisches Asyl zu beantragen. Das wird ihm gewährt, allerdings ist er zu dieser Zeit, in der er sich außerdem entschließt, Schriftsteller zu werden, völlig mittellos. Ein halbes Jahr wohnt er in einer Grabstätte auf dem re Lachaise, bevor er Unterschlupf in einem winzigen Zimmer findet. Er schreibt seine ersten Romane, auf französisch, da er ja nun in seinem zweiten Mutterland, wenn man so will, lebt. Als er diese Manuskripte einreicht, werden sie postwendend abgelehnt, denn selbstverständlich kann ein Russe, der noch dazu erst seit Kurzem hier ist, keine französische Literatur verfassen, was bildet der sich denn ein! Daraufhin gibt Makine vor, dass es russische Originaltexte gäbe, er erfindet eine Übersetzerin, Françoise Bour, schickt dieselben Manuskripte erneut an Verlage – die daraufhin veröffentlicht werden: 1990 La Fille d’un héros de l’Union soviétique (Tochter eines Helden), 1992 Confession d’un porte-drapeau déchu (Bekenntnisse eines Fahnenträgers) und 1994 Au temps du fleuve Amour (Die Liebe am Fluss Amur). Die Titel verdeutlichen, dass sich der Autor mit den Auswirkungen von Oktoberrevolution und Stalin-Zeit beschäftigt, mit dem Leben in Sibirien unter sozialistischen Bedingungen, Themen, die im Paris der 1990er Jahre zunächst niemanden interessieren, sodass die Bücher wie Blei in den Buchhandlungen liegen. Folgerichtig muss Makine lange suchen, bevor er ein kleines Verlagshaus findet (Mercure de France, Paris), das seinen 4. Roman Le Testament français (1995) publiziert. Dieses Buch erhält zum ersten Mal in der französischen Literaturgeschichte die beiden wichtigsten Preise auf diesem Gebiet gleichzeitig – Prix Goncourt und Prix Médicis – und macht auf diese Weise seinen Autor schlagartig berühmt.

2014 habe ich das Glück, einen Abend mit Andrei Makine moderieren zu dürfen, als ich ihn im Hotel abhole, sehe ich mich einem hochgewachsenen, sehr schlanken Mann gegenüber, dessen feine Antennen für mich sofort spürbar sind. In unserem Publikumsgespräch gibt es dann zwei für mich unvergessliche Momente: In seinen Büchern verteidigt Makine immer wieder die Authentizität seiner Darstellung gegenüber Ansprüchen z.B. des Lektorats, die Handlung zu straffen, die Dramaturgie zu verbessern. Das gehe nicht, lässt der Autor jeweils seine Ich-Erzähler sagen, denn sie schrieben ja über das Leben selbst und das sei nun einmal nicht dramaturgisch durchgearbeitet. Ich bin besonders als Schriftstellerin von dieser inneren Freiheit berührt, sehe aber auch, dass der Autor Romane verfasst, also Literatur und nicht einfach das Leben abbildet. Auf meine diesbezügliche Frage antwortet er mit einer Gegenfrage: Uta, was haben Sie am 12.5.2010 gemacht? Ich schüttle den Kopf, keine Ahnung. Sehen Sie, führt Makine aus, wir alle haben dieses Nichts hinter ganz vielen Tagen unseres Lebens, weil wir uns nicht mehr daran erinnern, was wir getan, wen wir getroffen, was wir gesehen haben. Meine Aufgabe als Schriftsteller ist es, dieses Nichts wieder mit Leben zu füllen …

Am Ende unseres Gespräches kommt eine unvermeidliche Frage aus dem Publikum, nämlich danach, wie der Autor zum aktuellen Ukraine-Konflikt stehe. Abgesehen davon, dass ich es für unsinnig halte, Schriftstellern direkte politische Stellungnahmen abzufordern als sei nicht das Schreiben allein schon ein politischer Akt, der für sich stehe und stehen sollte, war Makines Reaktion bemerkenswert. Er führte aus, dass wir uns bewusst sein müssten, nur ausgewählte, wenn nicht manipulierte Informationen zu erhalten, die immer bestimmten Interessen dienten; dass der Ausschnitt, den wir selbst sehen könnten, stets nur ein ganz kleiner sei; dass alles in den offiziellen Medien zu hinterfragen, mindestens aber zu ergänzen sei und dann folgte eine Tirade über westliche Propaganda, bei der sich der hochsensible Schriftsteller geradezu in einen Furor hineinredete …

In seinem Roman Russisches Requiem (Requiem pour l’Est, 2000) sagt die Frau (sein Du), mit der der Ich-Erzähler an zahlreichen Einsätzen in afrikanischen Kriegsgebieten als Agent oder Kämpfer der UdSSR teilnimmt: Eines Tages muss es möglich sein, die Wahrheit zu sagen … Aufgrund seiner Erfahrungen erkennt der Erzähler dies als wahr: Immer, wenn Kriegsopfer zu Tausenden oder Millionen zusammengefasst werden, zu Runde(n) Zahlen, wie es bei Heinrich Böll heißt, dann verschwindet das einzelne Schicksal, wird das Individuum anonym. Dem stellt er sich entgegen, er beschwört die eindringlichen Bilder aus der Geschichte und aus seinem eigenen Erleben: ausgemergelte Häftlinge, die von den Deutschen als lebende Schilde um ein Lager herum angekettet werden, sodass die Rotarmisten keine Waffen benutzen können, wollen sie nicht zuerst alle Häftlinge töten; der Soldat, der ohne zu zögern in einen Pfuhl aus Blut und Schlamm steigt, von einer Kugel getroffen wird, in die Brühe sinkt und nun seinerseits eine Brücke für die Nachrückenden bildet; der Soldat, der bei vollem Bewusstsein nach seinem Kinn greift, das ihm eben komplett weggeschossen wurde … Die erschütternden Bilder finden ihre Entsprechung in den Kriegen auf dem afrikanischen Kontinent, die der Ich-Erzähler und sein Du miterleben: die dunkle Hand mit dem Lederarmband, die aus den Trümmern eines Panzerfahrzeugs ragt, das von einer Rakete zerfetzt worden ist; weiße Soldaten, die sich einer nach dem anderen über eine Frau hermachen, deren schwarze Augen blicklos nach oben gerichtet sind … Das Imperium, für das die beiden Spione arbeiten, zerfällt schließlich; sie stehen plötzlich allein, und sie erkennen die schmerzliche Wahrheit, dass die im Namen einer Ideologie geführten Kriege und also auch ihre eigene Beteiligung daran, sinnlos war.

Der hochrangige Geheimagent Schach, den der Ich-Erzähler kennenlernt, versucht nach dem Ende der UdSSR auf eigene Faust zu verhindern, dass russische Wissenschaftler vom Westen abgeworben oder entführt, dass Atomwaffen verkauft werden – ein einsames Anrennen gegen die Gefahren der Gegenwart, auf eigenes Risiko, ohne geheimdienstliche Netzwerke im Rücken, das damit endet, dass er bei einer solchen Mission erschossen wird, woraufhin in der Westpresse das Ende des Atomwaffen-Mafioso Schach gefeiert wird …

Zum ersten Mal erfährt der Ich-Erzähler in dieser Phase von seiner eigenen Familiengeschichte, anhand derer Andrei Makine die generationenübergreifende Spirale von Gewalt und Gegengewalt aufzeigt, die nur durch Innehalten – Anerkennen – Aussöhnen heilbar wäre: Der Großvater Nikolai, der sich von den Roten abgewendet hat, sich jedoch den Weißen genauso wenig zugehörig fühlt, kehrt in den 1920er Jahren in sein Heimatdorf Dolschanka zurück, in einem Wäldchen findet er von den Roten gefolterte und bis zum kahlgeschorenen Kopf eingegrabene Menschen, einer lebt noch, er gibt tierhafte Laute von sich. Nikolai gräbt ihn aus und stellt zu seinem Entsetzen fest, dass es sich um eine hochschwangere Frau handelt, der außerdem die Zunge ausgerissen worden ist. Er rettet Frau und Kind, lebt mit beiden in seinem Dorf, erst nach Annas Tod erfährt er, dass sie die Gutsbesitzertochter aus der Nachbarschaft gewesen ist. Die Funktionäre, die fortan die Geschicke im Dorf bestimmen, machen letztlich auch nicht vor Nikolai und seiner stummen Frau Halt, er wird wegen Hochverrats verhaftet und gefoltert, da ihn sein Freund, der Schmied, verraten hat. Unter der Folter verzeiht er seinem Freund und Nachbarn, weil ihm das Ausmaß dessen, was jener erduldet haben muss, klar wird. Das Kind, Pawel, geht später in die Stadt und wird zu einem Soldaten der Roten Armee, der bis nach Berlin kommt …

Eines Tages muss es möglich sein, die Wahrheit zu sagen … Eine Wahrheit, die Andrei Makine in diesem komplexen Roman verdeutlicht ohne sie direkt auszusprechen, lautet: Kein Volk der Erde hat ein Interesse daran, Kriege zu führen, während diejenigen, die Kriege um Bodenschätze, Öl, Land, Macht anzetteln, von den eigentlichen Kampfhandlungen wohlweislich fernbleiben, sie schlafen lieber ruhig in sauberen Betten. Es ist an der Zeit, dass wir verhindern, dass irgendeine Macht der Welt, mit welcher Begründung auch immer, einen Krieg vom Zaum bricht. Es ist Zeit, dass wir der zerstörerischen Militarisierung entgegentreten, dem Aufbau von Feindbildern, dem Kanalisieren unaufgearbeiteter Gefühle auf einen äußeren Schuldigen, dem Macht- und Profithunger. Wo fangen wir an? In Amerika? Bei der aktuellen Bundesregierung? In unserer Familie? Soweit uns das möglich ist, ja auch, aber zuerst und vor allem – bei uns selbst!

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