Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Schenken

Unser Leben scheint vor allem von einem Gedanken dominiert zu sein, nämlich dem ans Geld. Bereits bei der Berufswahl ist die erste Frage häufig nicht die nach Neigung, Begabung oder Berufung, sondern nach den späteren Verdienstmöglichkeiten (und gegebenenfalls Karrierechancen); so mancher hält in einer Arbeitssituation aus, die ihn nicht befriedigt oder die ihn sogar belastet, weil das Geld stimmt; Andere greifen nach jedem Job, damit es bis zum Monatsende reicht … Wie immer ist unsere Sprache ehrlich, denn wenn wir vom Job reden, ist klar, dass wir mit dieser Arbeit nicht verbunden sind, sondern dass wir sie halt machen, weil es sein muss. Noch erhellender ist die anglisierte Work-Life-Balance, die nicht nur des Englischen wegen fragwürdig in unserem Wortschatz ist, sondern vor allem wegen des Inhalts. Wenn ich eine Ausgeglichenheit schaffen muss zwischen Arbeit (Beruf) und Leben, dann heißt es auch, dass ich nicht lebe, solange ich arbeite, sondern erst danach.

Als ich meinen Lehrerberuf endgültig aufgab, weil ich das staatliche Schulsystem nicht mehr ertrug, und mich für die freiberufliche Existenz der Künstlerin entschied, begleitete mich zunächst auch die – mitunter bange – Frage, wie es gelingen könne, mit meiner Literatur und Musik ausreichend Geld zu verdienen. Heute weiß ich, dass das die falsche Reihenfolge der Fragestellung ist: Wenn ich meinem Beruf mit ganzer Kraft, mit Überzeugung, Vertrauen und Herzblut nachgehe, dann werde ich auch davon leben können!

2009 stand für mich wieder einmal ein Umzug an, der noch dazu mit einer beträchtlichen Wohnraumverkleinerung einherging. Also nutzte ich die Gelegenheit, mich von Vielem zu trennen, das sich in den Jahren zuvor angesammelt hatte. Dazu gehörte auch eine große Tasche voller CD und DVD, die ich mittels Kleinanzeige im lokalen Blättchen anbot. Ein junger Mann kam, sie abzuholen, beim Anblick der Fülle sowie begehrten Titel fragte er etwas fassungslos, ob ich tatsächlich alles verschenke. Ich bejahte, worauf er wissen wollte, warum. Ich erklärte ihm, dass ich in einer Gesellschaft, die so ausschließlich materialistisch und auf Besitz orientiert sei, gerne schenke, weil es der Seele guttue. Der Blick, mit dem er mich ansah und gleich darauf die Tasche davontrug, offenbarte, dass er mich nicht nur nicht verstand, sondern mich wahrscheinlich sogar für nicht ganz richtig im Kopf hielt.

Nun sind wir kollektiv durch 2 sogenannte Corona-Jahre gegangen und plötzlich finden wir das Geben, das Schenken viel sichtbarer als je zuvor, und zwar in unterschiedlichsten Zusammenhängen, ob in Form von Spenden, pro-bono-Unternehmungen, nachbarschaftlichem Engagement, sozialer Arbeit für das Gemeinwohl uvam. Wir spüren, dass materieller Besitz weder glücklich macht noch gar sinnstiftend ist und nach all der künstlichen Distanzierung finden wir im Schenken eine neue Nähe zueinander.

Schon früh in meinem Leben habe ich mich als Menschenfrau gesehen, als jemand, die immer neugierig auf andere Menschen gewesen ist. Insofern war 2014/15 der Gedanke, Gedichte bzw. Lieder zu verschenken, indem ich sie Freunden oder Kollegen widmete, naheliegend. Wenn es einen intensiven Moment der Begegnung oder eine langjährige Freundschaft gibt, dann kann die Poesie als Ausdruck davon fließen. Und das tat sie! Unvergesslich ist mir der Abend mit Schriftstellerkollege John von Düffel: als ich ihm mein Lied Brief an John vortrug, saß er reglos mit geschlossenen Augen und ließ sich berühren. Den Tänzer Fabrice Mazliah erlebte ich nicht nur auf der Bühne, sondern auch in einer Werkstatt mit Jugendlichen, was mich zu 2 Liedern für ihn inspirierte; meine langjährige Zusammenarbeit mit dem Pianisten Derek Henderson fand poetischen Ausdruck; die Schriftstellerin Tanja Dückers begleitete moderierend die Premiere meines Romans Garbald in Dresden, wodurch wir unser gemeinsames historisches Verständnis entdeckten; weitere Kollegen und Freunde erhielten Gedichte von mir, und das älteste der Verschenkten Lieder begleitete mich bereits seit 1996, es ist eine Liebeserklärung an die griechische Insel Hydra, auf der ich in jener Zeit lebte. Genaugenommen war also auch die Idee des Poesie-Verschenkens schon alt … Der Pianist und Komponist Konrad Möhwald nahm meine Lieder und kitzelte aus ihnen die passende Begleitung heraus, was noch einmal zu einem eigenen schöpferischen Vorgang wurde und die Lieder letztlich zu dem werden ließ, was sie heute sind. Und auch Konrad gab viel an Geschenk dazu, in Form von Zeit, Konzentration, Hingabe … Schenken als Ausdruck des gemeinsamen Schwingens, als eine Öffnung des Herzens, als Begegnung.

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